Xavier Sabata © Michael Novak
Xavier Sabata
© Michael Novak
Der Oktober steht bei Bachtrack ganz im Zeichen des Barock. In den letzten Jahren haben wir den unaufhaltsamen Aufstieg von Countertenören beobachtet – sie sind überall! Jetzt ist es an der Zeit, von den führenden Countertenören unserer Zeit etwas mehr über ihr Fach herauszufinden.

Xavier Sabata macht sich derzeit rapide einen Namen als einer der führenden Countertenöre seiner Generation und hat mit seiner aktuellen Aufnahme von Händels Bösewichtern (Bad Guys) viel Aufmerksamkeit erregt. Der gebürtige Katalonier durchlief zunächst eine Schauspielausbildung am Institut del Teatre in Barcelona, bevor er sich dem Singen zuwandte. Heute ist er mit einem breitgefächerten Repertoire von Cavalli und Monteverdi und den Helden der barocken Opera seria bis hin zu innovativen neuen Werken wie Fabrice Bollons Oscar und die Dame in Rosa (Freiburg) regelmäßig Gast an den großen Opernhäusern der Welt.

Wie erklären Sie sich die explosionsartig gestiegene Beliebtheit von Countertenören?

Ich glaube, das liegt an der Glaubwürdigkeit, die wir in den letzten Jahren in der Opernwelt erarbeitet haben. Countertenöre haben sich in den vergangenen Jahrzehnten technisch stark entwickelt, und heutzutage hört man alle Register, von Kontralto bis Sopran, mit sehr guter Technik, die es uns gestattet, alle Kastratenrollen zu singen. Die Tatsache, dass man so viele unglaubliche Entdeckungen gemacht hat (ich meine unbekannte Opern und Komponisten), hat viel geholfen, die Neugier für unser Fach anzufeuern. Das, und die Faszination für eine Art zu singen, die un-real klingt, hat diese riesige Explosion verursacht.

Welche Opernrolle mögen Sie am liebsten, und warum?

Das ist eine schwierige Frage, aber ich würde sagen, Endimione in Cavallis La Calisto, und auch die Titelrolle in Händels Orlando. Die erste ist Fleisch gewordene Poesie; die Rolle ist ein Geschenk für jeden Sänger, der Seicento-Musik liebt. Die Art, wie Cavalli den Text musikalisch entwickelt ist ein Wunder und erlaubt einem, die Worte sehr farbig zu gestalten. Orlando ist pures Theater. Händel ist zum Abgrund der menschlichen Psyche vorgedrungen und hat mit Orlando eine der komplexesten Figuren komponiert. Ich singe dieser Rolle gerade, und ich genieße jede Sekunde davon.

Xavier Sabata mit Kim-Lillian Strebel in <i>Orlando</i> © Rainer Muranyi | Theater Freiburg
Xavier Sabata mit Kim-Lillian Strebel in Orlando
© Rainer Muranyi | Theater Freiburg

Wann haben Sie Ihre Countertenor-Stimme entdeckt?

Der Körper ist sehr weise. Ich war Schauspieler, bevor ich Opernsänger wurde. Ich habe versucht, meine Stimme als Bariton zu erarbeiten, aber es hat sich nicht richtig angefühlt; meine Stimme wollte einen anderen Weg gehen. Ich habe einfach die richtigen Lehrer gefunden, um mir zu helfen, das herauszufinden. Ich habe sehr spät angefangen zu singen, ich war schon 26, aber alles ging sehr schnell!

Wie gehen Sie an da capo-Verzierungen heran? Gibt es ein Gleichgewicht zwischen künstlerischem Feuerwerk und gutem Geschmack?

Ich betrachte jeden Aspekt meiner Arbeit von der Rhetorik des Textes aus, vom Drama. Ich denke, dass Da capos ein sehr mächtiges Werkzeug sind, um eine Rolle noch stärker zu entwickeln, also fange ich dort an. Wenn die Rolle etwas ausgefallener ist, übertreibe ich die Verzierungen oft ein wenig, mit längeren Kadenzen und extravaganteren Variationen. Wenn die Rolle und die Szene intimer sind, sollte man Ornamente einschränken, um der dramatischen Handlung zu folgen. Ich bin kein großer Fan von extravaganten Da capos, nur, um anzugeben. Ich finde, das ist geschmacklos. Aber das ist nur meine Meinung; zum Glück können wir uns frei entscheiden. Meistens aber macht man am Ende, was der Dirigent vorschlägt (natürlich nach einigem Diskutieren).

Was ist das Verrückteste, Merkwürdigste, das Sie je auf einer Opernbühne tun sollten?

Ich habe viele verrückte Produktionen gespielt, weil ich das Glück hatte, mit wundervollen Regisseuren zu arbeiten. Einer davon ist Calixto Bieito, mit dem ich bereits in sechs Inszenierungen gearbeitet habe. Ich kann verraten, dass ich voller Nutella auf der Bühne stand und vom Chor abgeleckt wurde!! Ich bin nur in Unterwäsche und voller Blut (Kunstblut natürlich) mitten ins Publikum im Parkett gesprungen... Ich muss zugeben, dass ich als jemand, der eigentlich vom Theater kommt, sehr glücklich bin und mich sehr frei fühle, wenn ich mit „avantgardistischen“ Regisseuren arbeite. Ich glaube, dass Oper viel mehr als nur eine schöne Stimme und schöner Ästhetik ist. Ich glaube an das Gesamtkunstwerk mit vielen Elementen, die Oper wunderbar und ein gänzlich einzigartiges Kunstwerk machen.

                                                                     


Aus dem Englischen übertragen von Hedy Mühleck.