Auch und ganz besonders in ihrem 20. Jubiläumsjahr beschreiten Raphaël Pichons Ensembles Pygmalion Die Wege Bachs. Dafür trafen sie nach Wolfenbüttel mit anvisiertem Ziel Lübeck, Schlusspunkt der auf sechs Konzerte in anderthalb Wochen komprimierten Reihe, in Lüneburg ein, um dort mit dem Kulturforum ein dreitägiges Festival unter jenem Namen zu veranstalten. Und eben das zu tun, was sie 2024 bei den Thüringer Bachwochen projekttechnisch begannen. Nämlich einen tatsächlichen Spaziergang auf den Spuren Johann Sebastian Bachs zur Konzertstätte, zum Abschluss vor Ort dem Kloster Lüne, zu unternehmen. Ausgang dabei St. Michaelis, Konzertraum am zweiten Tag.

Denn bevor das Musikgenie 1705 zu Fuß von Thüringen nach Lübeck zu Dietrich Buxtehude pilgern sollte, hatte Bach von 1700 bis 1702 bereits in Lüneburg gewohnt, als er in der Partikularkapazität der Michaelis-Gemeinde der Salzstadt an der Ilmenau die Schulbank drückte und in deren Chor sang. In deren Bibliothek lernte er die Musikwelt der (Vor-)Zeit kennen. Nach einem solchen Bibliothekskonzert stellte Raphaël Pichon Bach im neuen 1685-Programm mit der Kantate Weinen, Klagen, Sorgen, Zagen dessen Geburtsjahr-Kollegen, Georg Friedrich Händel und Domenico Scarlatti, bei.
Es sind exemplarische Werke dieser Meister, um aus Altem zu lernen und Neues zu entwickeln. So wie Bach damals und Pichon den übergeordneten Sinn zusammenfasste: „Nicht, um die Zeit zurückzudrehen, sondern uns heute in Bewegung zu setzen.“ Dabei schien die Zeit vielmehr im Moment der Aufführung still zu stehen, derart gefangen nahm den Zuhörer Pichons energiegetriebene Interpretation. Physisch umgesetzt durch mehrheitlich drängende Tempi, die zum Satzende breite Ritardandi erfuhren, sowie krachende Kontraste, intensive Harmonien und dynamische Wellen, die in ihrer schonungslosen Rigidität und Pygmalions vokalen Aufgängen, massiv verstärkt durch das intime Setting der Klosterkirche, die Emotionalität der Stücke und das jugendliche Feuer der Urheber freilegten.

In Bachs Weimarer Kantate, die kompositorische Richtungsphänomene vereint und deren Beginn später im „Crucifixus“ der h-Moll-Messe parodiert wurde, tat sich damit ein anschauliches, dichtes Trauermeer auf. Eines, das sich mit Jasu Moisios fantastischer Oboe über Lucile Richardots unnachahmlich farbliche, deklamatorische Wucht und darin transportierten tröstlichen Durchsetzungswillen in „Kreuz und Krone sind verbunden“ zum Ozean saftig-sonorer Erlösungszuversicht wandelte, die Romain Bockler in seiner Arie „Ich folge Christo nach“ mit ernstlicher Entschlossenheit, der Chor im Choral mit vollem Herzen traf. Bloß Zachary Wilders Ausdruck in „Sei getreu, alle Pein“, der danach im italienischen Repertoire stilistisch entschieden besser zur Geltung kam, konnte hier nicht überzeugen.
Pygmalion spielte in solistischer Orchesterbesetzung, ohne Trompete und ohne Bratschen, deren doppelten Parts sowohl bei Bach als auch Händel die Gamben übernahmen; wie üblich bei Pichons Touren, die in den verschiedenen Programmen auch früh- und hochbarocke Elemente beinhalten. Allein ein Basso Continuo erfordert Scarlattis Stabat Mater, in dem die zehn, freilich individuellen und vor allem innerhalb der Frauenstimmen nicht immer ganz homogenen Solisten des Pgymalion-Chors, ein intensives Abbild der Leidenszustände der Mutter Jesu zeichneten. Pichon stellte den Schmerz dabei in solch gleißendes Licht, dass die modernen Dissonanzen und Kontraste Scarlattis regelrecht durch die Seele schnitten, weshalb die Gnadenbitte zum Finale umso befreiender wirkte. Er provozierte diesen Klimax im „Fac ut animae“ durch den Hinzutritt des prallen Ripienos des Chors, was den dialogischen Effekt der Doppelfuge mit dem „Amen“ ungeheuer dramatisch unterstrich.

In fast überquellender Theatralik und aller Autorität des drastischen Texts bläute Pygmalion einem schließlich Händels Dixit Dominus-Psalm ein. In den Chören mitreißend derb, so dass beispielsweise das wiederholte „Conquassabit“ wie Hammerschläge durch die Glieder fuhr. In den Arien mit noblem, satt-schokoladigem Mezzo von Blandine de Sansal und fruchtigem, stilistisch etwas geschickterem Sopran Maïlys de Villoutreys für die innige und anmutige Komponente zu gehender Wege.

