Was Pendelstrecken betrifft, so hat London-Bergen durchaus einen Reiz. Nach fast einem Jahr als Chefdirigent des Philharmonischen Orchesters Bergen geht Ed Gardner beschwingt durchs Leben und strahlt ehrlichen Enthusiasmus für seinen Job aus. Nach acht Jahren als Musikdirektor der English National Opera mag ein Zyniker sagen, er wäre in den norwegischen Fjorden besser dran, vor allem, weil die Kompanie im letzten Jahr beinahe implodiert ist. Aber Gardner – der diesen Sommer für eine Neuinszenierung von Tristan und Isolde wieder an der ENO zu sehen war – sieht die Zukunft der Kompanie bemerkenswert positiv. Nun ist er wieder in London, um mit dem BBC Symphony Orchestra Elgar aufzunehmen, und wir haben uns in einem trendigen Delikatessenladen in Islington voller italienischer Köstlichkeiten und verlockendem Gebäck zum Mittagessen getroffen. Sein jungenhafter Charme ist ungetrübt, ob er über das Leben in Bergen, Aufnahmeprojekte oder Pläne der ENO spricht.

Ed Gardner © Helge Skodvin
Ed Gardner
© Helge Skodvin

„Nachdem ich so viel in London gemacht habe, ist es ein Kulturschock, an einem wunderschönen Ort zu arbeiten, weil es einfach schön ist“, schwärmt er. „Regnerisch, aber wunderschön! Die Leute sind so fokussiert auf ihre Arbeit. Es fühlt sich fast wie im Labor an, denn – man denke an das, was Haydn in Esterháza hatte – die Leute leben in der Nähe. Sie gehen zu Fuß zur Arbeit, das ist leicht, also können sie sich auf Familie und Musik konzentrieren, und das ist wunderbar. Es ist ein ganz anderer Ort als London. Man hat mehr Probentage, also kann man tiefer in die Materie eintauchen.

„Das Orchester ist sehr international, aber es hat einen Kern von Streichern und viele Holzbläser-Solisten, die Norweger sind, und da kommt dieser besondere Klang her. Es ist kultiviert; es ist wie ein altmodisches Kammerorchester mit viel Leben – beinahe Wienerisch. Ich habe mich in diesen Klang verliebt, als ich das erste Mal vor dem Orchester stand.“ Nichtsdestotrotz bedarf es sorgfältiger Balance. „Der Grieg-Saal ist ziemlich resonant. Er dominiert das Blech, also arbeiten wir viel daran, einen guten Klang zu bekommen. Es ist ein seltsamer Ort, denn es ist ein Amphitheater, was dem Saal eine andere Dynamik gibt.“

Gardner verbringt viel Zeit in Bergen. Ende August hat er bereits drei Wochen der neuen Bergener Spielzeit dirigiert. „Wir haben einige Freiluftkonzerte gespielt und eine Sibelius-CD mit Gerry Finley fertiggestellt, die wird großartig, mit Rastahaars Orchestrierung von Liedern, einschließlich einem, das er vor nur zwei Monaten geschrieben hat. Es muss das letzte Stück gewesen sein, an dem er gearbeitet hat.“ Mögen die Norweger viel skandinavische Musik auf ihrem Spielplan? „Ich glaube schon, aber seltsamerweise nicht in letzter Zeit. Andrew Litton hat viel Rachmaninow und Strawinsky gemacht, also hatten die Musiker eine Phase, in der sie davon nicht so viel gespielt haben. Ihr Sibelius ist gut – sie haben in der letzten Zeit gar keine Zweiten oder Fünften gespielt, also werde ich das viel mit ihnen machen.

„Peer Gynt im letzten Jahr war angsteinflößend! Aber nur, bis ich dort ankam, denn sie spielen das Stück so oft mit so vielen verschiedenen Leuten, dass sie keine „so geht das“-Mentalität haben. Aber sie haben ihre Fühler ausgestreckt, um zu sehen, was man daraus macht. Das war ehrlich gesagt eines der Dinge, die ich dort am meisten genossen habe. Wir haben eine stark ausgeweitete Suite mit einen der Vokalsätze gespielt, mit Leuten wie Lise Davidsen, und sie ist saugut.“

Nach Jahren im Graben des Coliseum ist sich Gardner bewusst, dass es Lücken in seinem Orchesterrepertoire gibt. In der letzten Spielzeit dirigierte er Brahms' Zweite Symphonie zum ersten Mal und er hat seinem Repertoire kürzlich Mahlers Fünfte hinzugefügt, was „ziemlich gut geklappt hat, aber es ist eines dieser Stücke, die man einfach oft machen will. Ich habe den Musikern versprochen, dass ich am Anfang nichts an ihnen ausprobieren werde, also haben wir die ganze letzte Spielzeit mein Repertoire gespielt. Ich möchte gerne Mahlers Zweite und Achte angehen. Ich habe einen Durchgang der Zweiten gemacht, als Gilbert Kaplan zum Hallé-Orchester kam. Einige meiner Kollegen haben sie schon 20 Jahre lang dirigiert, wenn sie in mein Alter kommen, aber für mich ist das alles neu. Ich möchte auch die Symphonien von Schubert und Schumann auf den Plan setzen, die für den Bergener Streicherklang sehr gut passen würden.“

Wie früh beginnt man, sich in der Vorbereitung eines Werkes die Partitur anzusehen? „Sobald man es wagt. Je mehr ich mache, desto mehr wird mir bewusst, dass eine Stunde ein Jahr zuvor besser ist als ein Tag in der Woche davor!“

Ed Gardner dirigiert das Philharmonische Orchester Bergen © Helge Skodvin
Ed Gardner dirigiert das Philharmonische Orchester Bergen
© Helge Skodvin

Hört er sich Aufnahmen an, fragen wir. „Früher dachte ich, dass das eine gewisse Gefahr birgt, aber jetzt empfinde ich das nicht mehr so. Man kommt an einen Punkt, an dem man eine eigenständige Person ist und man weiß, was man will. Es ist sehr interessant; wir haben gerade Elgars Erste mit dem BBC Symphony Orchestra aufgenommen, wofür ich vorher keine andere Interpretation angehört habe, weil ich das Stück sehr gut kenne. Wenn man anfängt, andere Aufnahmen anzuhören, wird die eigene Meinung schnell zur einzigen. Aber es muss natürlich sein.“

Bergen bietet kostenlose Streams seiner Konzerte auf der Plattform seines Digitalen Konzertsaals. „Das ist für uns ziemlich neu. Es ist im Konzert sehr unaufdringlich – ich bemerke die Kameras nicht einmal.“ Es ist eine Möglichkeit, ein größeres Publikum zu erreichen, was Gardner wichtig ist. „Wir geben zwei Konzerte pro Woche vor wahrscheinlich über 1400 Menschen, in einer Stadt von der Größe Northamptons (oder Lübeck, Anm. d. Übersetzerin). Alle kommen zu den Konzerten, wobei das typisch Norwegische ist, dass am Wochenende alle in ihre Hütten in den Bergen gehen, also versuchen Sie nicht, ein Konzert am Samstagabend anzusetzen! Donnerstag ist unser bester Abend, Freitag ist weniger gut besucht.

„Musikvermittlung ist interessant, weil es hier so anders ist als in London. Als Orchester können wir durch alle Schulen in Bergen gehen und jeden Neun- oder Zehnjährigen erreichen. Hier in London kratzt man nur an der Oberfläche. Meine Sorge ist, dass es in Bergen unheimlich viele Studenten gibt, wir aber nicht genug von ihnen ins Konzert locken. Unser Programm ist wirklich kühn. Wir können in Bergen oft mutiger sein als in London, aber aus irgendeinem Grund haben sie uns einfach nicht auf dem Radar.“ Wir überdenken, dass viele Leute erst später zu klassischer Musik kommen. „Absolut, aber die Gefahr ist, dass man ohne eine gewisse Erdung in der Klassik in jungen Jahren später nicht weiß, dass sie da ist, und das ist eine große Sorge.“

Zu den Höhepunkten in Bergen zählt in dieser Spielzeit eine Vorstellung von Peter Grimes. Ich muss nicht nachschauen, um zu wissen, welcher Tenor die Titelrolle singen wird – Stuart Skelton und Edward Gardner haben heute wohl die innigste Männerbeziehung der Klassik. „Es ist unglaublich schöner Gesang, aber es ist auch sein Engagement“, erklärt Gardner. „Er kann nicht nicht engagiert in irgendetwas sein. Er ist unglaublich offenherzig. Stuart schreckt vor nichts zurück. Wir haben so viel großartige Musik zusammen gemacht – unsere Gurrelieder sind im Moment in der Digital Concert Hall verfügbar, aber sie sind noch besser auf Platte. Wir haben zwei Konzerte mitgeschnitten, aber auch alle Proben und eine kurze Flicksession.“ Grimes ist eine von Skeltons Paraderollen und britischem Publikum in David Aldens ENO-Produktion am bekanntesten. Brittens Geschichte einer Fischergemeinde in Suffolk sollte die Menschen in Bergen ansprechen. „Ihnen wird Hören und Sehen vergehen!“

Gardner kam zuletzt im Sommer für Daniel Kramers Tristan und Isolde der ENO mit Skelton zusammen. Er glaubt zweifelsohne daran, dass der Kompanie Gutes bevorsteht. „Es war merkwürdig, wieder an der ENO zu sein, nach allem, was passiert ist... aber es war wunderbar und ich war so stolz auf das, was das Orchester erreicht hat. Ich habe dort viele Freunde und hoffe einfach, dass es ein ruhiges Jahr wird. Daniel Kramer [neu ernannter Künstlerischer Leiter] hat große Pläne. Sie sind ambitioniert, im positiven Sinne, musikalisch informiert. Ich mag Daniel sehr. Im Probenraum ist er wundervoll. Er arbeitet wie nur wenige andere unheimlich detailliert im Drama und damit, wie es zur Musik passt; ich habe das sehr genossen.“

Ed Gardner entspannt in Bergen © Helge Skodvin
Ed Gardner entspannt in Bergen
© Helge Skodvin

Neben Grimes wird Gardner in Bergen seinen Zyklus von Brahms-Symphonien fortsetzten, zusammen mit dem Deutschen Requiem. Doch es ist auch ein Jahr der Reise für das Orchester. „Wir gehen auf Konzertreise nach Deutschland mit der Symphonie fantastique, was für uns eine wirklich große Sache wird. Wir touren hier auch mit Waltons Erster und Elgars Cellokonzert. Ich glaube nicht, dass wir auf Teufel komm raus mit britischem Repertoire ins Vereinigte Königreich fahren wollten, wir dachten einfach, es wäre eine gute Idee. Uns gefällt die Geschichte eines Programmes mit Grieg, Elgar und Walten, weil sie viel über das Orchester und mich und unsere Beziehung sagt – es schien mir eine sehr schöne Erzählung.“

Mit Konzertsolisten krempelt Gardner eindeutig die Ärmel hoch. „Wenn man es gewöhnt ist, mit Sängern einzustudieren, stürzt man sich wirklich voll hinein und mir war nicht bewusst, dass ich mich von anderen Dirigenten unterschieden habe, bis jemand im City of Birmingham Symphony Orchestra – in einer Konzerteinführung – sagte: „Ja, Sie nehmen den Solisten wirklich ran!“ Anscheinend lehnen sich andere einfach zurück und lassen den Solisten die Kontrolle übernehmen. Ich wusste nicht, dass es das war, was man von mir erwartete! Ich habe Glück – ich arbeite mit so vielen fabelhaften Musikern, aber ich kann mir nicht verkneifen zu sagen was ich denke!“

Beim Kuratieren einer Orchestersaison geht es um Balance. „Man muss dem Orchester und dem Publikum eine Kost bieten, die so vielfältig wie möglich ist.“ Gibt es Stücke, um die er einen weiten Bogen machen und jemand anderem anbieten würde, fragen wir. „Fast alles von Schostakowitsch! Ich finde, es ist Oberflächenmusik, gerechtfertigt durch den historischen Kontext, und mir ist dabei sehr unbehaglich. Meine Beziehung zu Britten ist gespalten. Ich liebe die Stücke, in denen ich denke, dass er emotional voll dabei war – Grimes, das Violinkonzert, Tod in Venedig – aber nicht Billy Budd, die Oper ist sehr manipulativ gemacht, oder das War Requiem – Filmmusik unter großartiger Dichtung. Das sind nur persönliche Vorlieben, nicht wahr? Ich bin gegen Dinge allergisch und weiß nicht warum.“

Außerhalb Bergens hat Gardner einen hektischen Terminplan, einschließlich Werther an der Metropolitan Oper und Eugen Onegin in Paris mit Starbesetzung, doch zur Entspannung sieht er sich Kricket an und besucht das ein oder andere Spiel im Londoner Oval, wenn es die Zeit erlaubt. Vielleicht sollte er die Gründung einer Bergen Philharmonic-XI anregen, doch man vermutet, Spiele würden viel häufiger wegen Regen ins Wasser fallen als tatsächlich abgeschlossen.

Das Orchester mit Schirmen in Troldhaugen © Oddleiv Apneseth
Das Orchester mit Schirmen in Troldhaugen
© Oddleiv Apneseth

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Dieser Artikel entstand im Auftrag des Philharmonischen Orchesters Bergen.

Aus dem Englischen übertragen von Hedy Mühleck.