Die Anzahl der Figaro-Inszenierungen, in denen die Sopranistin Louise Alder die Rolle der Susanna verkörpert hat, liegt im zweistelligen Bereich, doch im vergangenen Sommer schlüpfte sie in Glyndebourne erstmalig in die Rolle der Gräfin Almaviva. „Mir wurde klar, dass ich den Großteil der Rolle bereits kannte“, erklärt sie. „Ich kannte die Texte der Gräfin, aber ich kannte sie nicht aus ihrem Mund. Ich hatte mir noch keine Gedanken darüber gemacht, was ich von ihr als Figur hielt.“ Nachdem sie gerade für eine Wiederaufnahme von Sir David McVicars klassischer Inszenierung an der Royal Opera wieder in die Rolle der Susanna geschlüpft war, haben wir uns in Covent Garden getroffen, um die Rollen zu vergleichen und über Mozart zu sprechen.

Louise Alder (Susanna) © RBO | Mihaela Bodlovic
Louise Alder (Susanna)
© RBO | Mihaela Bodlovic

Für Alder war der Wechsel von Susanna zur Gräfin zunächst eine Herausforderung. „Ich hatte Susanna über ein Jahrzehnt lang gesungen, sie war ein Teil von mir“, beginnt Alder. „Ich erlebe die Szenen aus ihrer Sicht. Ich spüre die Energie und das Tempo der Szenen aus ihrer Perspektive. Ich musste also wirklich eine komplette Kehrtwende machen und die Antworten auf die Fragen geben, die ich normalerweise stelle – und umgekehrt. Heute fällt es mir leichter als erwartet, gedanklich wieder in die Rolle der Susanna zu schlüpfen, weil ich sie so oft gesungen habe.“

Susanna, Figaros zukünftige Braut und Zofe der Gräfin, ist die zentrale Figur in Mozarts Oper. Ich erinnere mich, dass Alder vor Jahren in den sozialen Medien die Noten in der Partitur gezählt und daraus geschlossen hat, dass Susanna die längste Frauenrolle im Standard-Opernrepertoire ist. 2012 sang sie diese Rolle zum ersten Mal am Royal College of Music. „Susanna war die erste Rolle, die ich wirklich gründlich gelernt habe. Ich habe mich ein Jahr lang mit Maria Cleva und mehreren Coaches darauf vorbereitet und war in dieser wunderschönen, recht traditionellen Inszenierung unter der Regie von Jean-Claude Auvray. Ich glaube, wenn man etwas so langsam einstudiert, bleibt es einem im Gedächtnis, so wie Sophie im Rosenkavalier. Diese beiden Rollen werden mich nie verlassen. Wenn mich morgen jemand anrufen und fragen würde: ‚Kannst du das singen?‘, könnte ich das natürlich. Kein Problem. Aber ich finde es unglaublich komisch, dass junge Sängerinnen die Susanna bekommen, weil sie so schwer ist.“

Louise Alder (Susanna) und Andrè Schuen (Graf Almaviva) © Wiener Staatsoper | Michael Pöhn
Louise Alder (Susanna) und Andrè Schuen (Graf Almaviva)
© Wiener Staatsoper | Michael Pöhn

Eine der großartigen Figaro-Inszenierungen, an denen Alder mitwirkte, war die von Jean-Pierre Ponnelle an der Wiener Staatsoper. „Es war unglaublich“, erinnert sie sich. „Es war zudem der Höhepunkt der Corona-Pandemie, also eine sehr seltsame Erfahrung. Es sollte ein Residenzvertrag werden, den ich an der Staatsoper erhielt, kurz nachdem ich das Ensemble der Oper Frankfurt verlassen hatte. Ich hätte dort sechs Rollen singen sollen. Wir waren gerade im zweiten Lockdown, und am Ende wurde es eine einzige, gestreamte Aufführung. Wir probten viel länger, als man es normalerweise an der Staatsoper gewohnt ist – die Besetzung war ein Mozart-Traum.

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„Und diese Roben anzuziehen und zu sehen, wer sie sonst noch getragen hat! Es ist, als würde man dort den Rosenkavalier von Otto Schenk aufführen, wo in meinem Sophie-Korsett der Name von Lucia Popp stand. Ich glaube, in mein Susanna-Kostüm war der Name von Mirella Freni eingenäht. Wirklich unglaublich.“

Alder erklärt, dass die Herausforderung bei der Darstellung der Susanna in der Ausdauer liegt, sowohl geistig als auch körperlich. „Stimmlich ist die Rolle nicht besonders anspruchsvoll, im Gegensatz zu Fiordiligi, der Contessa oder Donna Anna. Aber was die Ausdauer angeht, muss man sich gut einteilen, weil sie praktisch den ganzen Abend singt und es viele emotionale Gesangspassagen gibt, bei denen man sich stimmlich schnell verausgaben kann, wenn man nicht aufpasst. Wenn man im Finale des zweiten Aktes wirklich alles gibt, werden der dritte und vierte Akt schwierig.

Louise Alder (Susanna) und der Royal Opera Chorus © RBO | Mihaela Bodlovic
Louise Alder (Susanna) und der Royal Opera Chorus
© RBO | Mihaela Bodlovic

„Was die Contessa angeht, erinnere ich mich an meine ersten paar Vorstellungen in Glyndebourne, als mir klar wurde, dass ich einen ganzen Akt lang nicht singe und in allem anderen eine Terz tiefer liege als Susanna. Gesanglich ist man also, abgesehen von den beiden Arien, am Ende der Vorstellung viel ausgeruhter. Dafür ist der psychische Druck viel größer, weil die Leute konkretere Vorstellungen davon haben, was ihnen an einer Contessa gefällt. Natürlich lieben die Leute auch bestimmte Dinge an einer Susanna, aber ich behaupte, dass eine gute Susanna einfach dafür sorgt, dass das Stück funktioniert. Das fällt den Leuten nicht unbedingt auf. Die Contessa und Cherubino hingegen bekommen diese Glanzarien, obwohl sie gar nicht so viel Arbeit leisten!

„Susanna ist jedoch die Rolle, von der man am meisten lernen kann. Sie hilft jedem, der italienische Rezitative singen möchte, von Händel bis hin zu Verdi. Sie ist ein fantastisches Mittel dafür.“

Louise Alder (Susanna) und Masabane Cecilia Rangwanasha (Gräfin Almaviva) © RBO | Mihaela Bodlovic
Louise Alder (Susanna) und Masabane Cecilia Rangwanasha (Gräfin Almaviva)
© RBO | Mihaela Bodlovic

Wenn sie in die Rolle der Gräfin schlüpft, frage ich mich, ob sich Alder von Sopranistinnen inspirieren ließ, die diese Rolle an der Seite ihrer Susanna gesungen haben. „Jede Gräfin. Alle. So viele, die mich inspiriert haben, und viele – und das ist absolut kein Seitenhieb gegen irgendjemanden –, bei denen man die Schwierigkeiten erkennen konnte, Stellen, an denen man vorsichtig sein muss.“

Wir versuchen, uns heutige Susannas vorzustellen, die später die Gräfin gesungen haben, und kommen auf Diana Damrau, „mit der es ein Traum ist, auf der Bühne zu stehen“, und Miah Persson, die inzwischen zu den größeren Strauss-Rollen weitergegangen ist. „Golda Schultz, eine weitere meiner Gräfinnen, sang Susanna an der Scala und sie hasste es! ‚Girl, wie schaffst du das nur?‘“ Wir einigen uns darauf, dass wir uns niemals vorstellen könnten, dass Kiri te Kanawa oder die verstorbene Felicity Lott – beides großartige Gräfinnen – jemals Susanna gesungen hätten.

Als wir zum Thema Glyndebourne kommen, erklärt Alder: „Ich glaube, meine Gräfin ist temperamentvoller als manche andere. Ich lehne eine ausschließlich klagende Gräfin von ganzem Herzen ab. Eine schlaffe Gräfin? Das bin ich nicht. Wenn man keinen Kampfgeist in sich hat, worum geht es dann im zweiten Teil von ‚Dove sono‘?“

Pippa Barton (Kind), Louise Alder (Gräfin Almaviva) und Johanna Wallroth (Susanna) © Glyndebourne Productions Ltd. Photography by Richard Hubert Smith
Pippa Barton (Kind), Louise Alder (Gräfin Almaviva) und Johanna Wallroth (Susanna)
© Glyndebourne Productions Ltd. Photography by Richard Hubert Smith

„Was mir an Mariame Cléments Inszenierung besonders gut gefallen hat, war ‚Porgi amor‘, bei dem sie zunächst die Tochter der Gräfin auf die Bühne bringt. Da ich mittlerweile selbst Mutter von zwei Töchtern bin, hat mich das umso mehr berührt, denn es verdeutlicht die schwierige Beziehung zwischen dem Grafen und der Gräfin. Es steht so viel auf dem Spiel. Aber Mariame stellte uns vor eine besondere Herausforderung: ein Gespräch zwischen Susanna und der Gräfin während der Einleitung, in dem Susanna mir erzählt, was der Graf getan hat. Es gab also eine sehr unverfälschte, unmittelbare Reaktion auf diese Nachricht, und das floss in ‚Porgi amor‘ ein, was durchaus schwierig war – diese sehr instinktive Reaktion zu zeigen und dann diese langen Phrasen zu singen. Aber tatsächlich gab es mir sowohl Kraft als auch das Gefühl, dass sich die Dinge für sie plötzlich verändert hatten.“

Cléments Darstellung der Beziehung zwischen dem Grafen und der Gräfin enthielt mehr als nur einen Hinweis auf häusliche Gewalt. Er ist nicht nur ein Frauenheld, meine ich, sondern er ist dabei auch noch bösartig. „Wir haben so viele Kommentare dazu bekommen“, reflektiert Alder. „Erstens sieht man all das ständig im Film und im Fernsehen. Für mich ist die Bühne das Zentrum der Künste, sie ist der Ursprung von Fernsehen und Film. Ich nehme an, es ist schockierender, weil man es live miterlebt. Hoffentlich haben Huw (Montague Rendall) und ich es gut umgesetzt, sodass es ziemlich schockierend wirkte. In der Aristokratie war das sehr real. Frauen wurden nicht gut behandelt, werden nicht gut behandelt. Es ist eine Realität des Lebens.“

Louise Alder (Gräfin) und Huw Montague Rendall (Graf Almaviva) © Glyndebourne Productions Ltd. Photography by Richard Hubert Smith
Louise Alder (Gräfin) und Huw Montague Rendall (Graf Almaviva)
© Glyndebourne Productions Ltd. Photography by Richard Hubert Smith

Was mir an Cléments Figaro besonders gut gefallen hat, war die Schlussszene, im „Contessa, perdono“ des Grafen. In Großbritannien lachen die meisten Zuschauer, doch Clément sorgt dafür, dass es kein Gelächter gibt, indem sie keine Übersetzung in den Übertiteln anzeigt. Ich erzähle, wie ich in McVicars Inszenierung erlebt habe, dass das Publikum schon über diese Zeile gelacht hat, noch bevor der Graf sie überhaupt ausgesprochen hatte, weil sie zu früh in den Übertiteln erschien. „Das ist ein schreckliches Gefühl“, stimmt Alder zu, „denn wenn man die Szene ernsthaft spielt – was man auch sollte –, hat man das Gefühl, dass alles umsonst war, wenn das Publikum sie dann urkomisch findet.“

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Die Rückkehr zur Rolle der Susanna in Covent Garden bereitete ihr keine Schwierigkeiten – „ich habe so viel Muskelgedächtnis, dass es irgendwie leicht war, wieder in die Rolle der Susie zu schlüpfen“ –, doch Alder verrät, dass sie sich mittlerweile definitiv wohler in der Rolle der Gräfin fühlt. „Ich habe neulich Abend zum ersten Mal seit letztem Jahr (bei einem Konzert im Opera Holland Park) ‚Porgi amor‘ gesungen und dachte mir: Ja, das passt jetzt definitiv besser zu mir. Als Susanna wird ‚Deh vieni‘ immer die herrlichste Arie sein, die man singen kann, aber ‚Porgi amor‘ hat so viel Seele.“ Adler verrät, dass sie liebend gerne wieder in die Rolle der Gräfin zurückkehren würde und dies auch tatsächlich tun wird.

Ist Mozart der Komponist, dessen Werke am schwersten gut zu singen sind? „Ich weiß nicht, ob ich das so sagen kann, aber man steht nackt da. Man ist stimmlich nackt, man ist musikalisch nackt. Was akustisch potenziell schwieriger klingt – Dinge wie Janáček oder Britten oder manche zeitgenössischen Werke –, kann tatsächlich einfacher sein, weil die Leute andere Erwartungen haben.“

Louise Alder (Gräfin Almaviva) © Glyndebourne Productions Ltd. Photography by Richard Hubert Smith
Louise Alder (Gräfin Almaviva)
© Glyndebourne Productions Ltd. Photography by Richard Hubert Smith

Unter Alders weiteren Mozart-Rollen bezeichnet sie  Fiordiligi in Così fan tutte als ihre Lieblingsrolle. „Stimmlich fühle ich mich in ihren Arien so richtig zu Hause. Ich bin mit Jazz und Musicals aufgewachsen, daher ist mir meine Bruststimme schon immer sehr leicht gefallen. Ich habe immer gesagt, dass Susanna und Fiordiligi sich in Bezug auf den von Mozart geforderten Stimmumfang eigentlich sehr ähnlich sind. Es geht wirklich ziemlich tief, aber dann sitzt sie in den Ensembles ganz oben und es ist unerbittlich. Wenn man noch nie etwas von den leichteren Mozart-Stücken gesungen hat, sind diese schwebenden Passagen bei Fiordiligi fast unmöglich. Und die Läufe! In ‚Come scoglio‘ gibt es eine tückische Passage mit all diesen Triolen. Da muss man sich wirklich gut bewegen können!“ Alder wird die Rolle in der nächsten Saison in Covent Garden in einer Neuproduktion von Netia Jones erneut übernehmen.

In Don Giovanni hat Alder den Wechsel von Zerlina – „ein wahnsinnig lustiges Girl“ – zu Donna Anna vollzogen (ich habe ihr Rollendebüt in Wien in Barrie Koskys Inszenierung gesehen). Wie war dieser Sprung? „Anna ist stimmlich eine riesige Herausforderung, und ich finde sie dramatisch weniger interessant. Ich habe in Barries Inszenierung zweimal mitgewirkt und werde die Rolle diesen Sommer bei einer Konzertaufführung in Edinburgh erneut singen.“

Ich frage sie, wie sie mit Koskys Bühnenbild, einer Art Vulkangestein, zurechtkam. „Ich kann gar nicht in Worte fassen, wie furchterregend dieses Bühnenbild ist!“, ruft sie aus. „Annas erster Auftritt besteht darin, von oben nach unten zu rennen. Und dieser Orchestergraben in Wien ist hoch, aber so offen, dass ich ehrlich gesagt dachte, wenn ich zu schnell renne, lande ich einfach auf den Kontrabässen!“

Louise Alder (Donna Anna) und Bogdan Volkov (Don Ottavio) © Wiener Staatsoper | Michael Pöhn
Louise Alder (Donna Anna) und Bogdan Volkov (Don Ottavio)
© Wiener Staatsoper | Michael Pöhn

„Von den Arien singe ich am liebsten ‚Or sai chi l’onore‘, von der ich dachte, sie würde mir am meisten Angst machen. Das ist aber nicht der Fall. Die Arie, die mir wirklich Angst macht, ist ‚Non mi dir‘, die nach dem Sextett kommt, wo man ganz oben im Ensemble steht, was unglaublich anstrengend ist. Die Energie schwankt bei Anna extrem, weil man die meiste Zeit hinter der Bühne ist und dann plötzlich diese extrem schwierige Musik singen muss, und das alles ziemlich bedrückend und voller Angst. Und das kostet Kraft, also muss man klug damit umgehen.“ Würde sie jemals Donna Elvira singen wollen? Alder nickt. „Ich glaube, als Figur bin ich eher Elvira. Aber es gibt so wenige Sopranistinnen, die Anna singen wollen, dass ich immer gebeten werde, stattdessen sie zu übernehmen.“

Unter den anderen Mozart-Rollen hat Alder Konstanze (Die Entführung aus dem Serail) noch nicht in Angriff genommen. „Ich habe ‚Martern aller Arten‘ gesungen, aber bei ihr bin ich mir nicht sicher. Ich würde sehr gerne irgendwann einmal Vitella (La clemenza di Tito) singen. Ich finde sie unglaublich interessant und liebe ihre Arien. Vor kurzem wurde mir Elettra (Idomeneo) angeboten, aber auch bei ihr bin ich mir noch unsicher. Ich möchte meine Stimme so lange wie möglich schonen und so viele lyrische Partien singen, wie ich kann.“

Louise Alder © Will Alder
Louise Alder
© Will Alder

Mozart-Sopranistinnen singen oft viel Strauss. Alder gab im vergangenen Herbst ihr Debüt an der Met – „gleichzeitig furchteinflößend und grandios!“ – in der Rolle der Zdenka (Arabella) und würde sich über eine Chance als Marschallin freuen. „Ich habe viele Daphne-Auftritte vor mir“, verrät sie, „darauf freue ich mich schon sehr. Ich werde die Rolle nächstes Jahr in einem Konzert mit Vladimir Jurowski in Berlin singen.

„Ich freue mich schon sehr darauf, in den kommenden Spielzeiten auch andere Rollen zu singen. Eine Violetta (nächsten Sommer in Glyndebourne), Adina und eine Mimì – Rollen, die dazu beitragen, meine Stimme weiter zu entfalten. Das geschieht ganz natürlich mit zunehmendem Alter und nach zwei Kindern. Ich möchte aber immer frisch klingen und werde natürlich auch weiterhin Mozart und Händel singen, keine Frage. Mozart wird zweifellos immer meine große Liebe bleiben.“


Ins Deutsche übertragen von Elisabeth Schwarz.