Saimir Pirgu © Paul Scala
Saimir Pirgu
© Paul Scala

Der albanische Tenor Saimir Pirgu, ein Schützling Luciano Pavarottis, hat sich konsequent eine starke, internationale Karriere aufgebaut und ist mit den führenden Opernkompanien der Welt aufgetreten. Erst kürzlich haben Bachtrack-Autoren seinen leuchtenden Belcanto als Edgardo in Neapel gepriesen sowie seinen Hirten in Król Roger der Opera Australia, einer Produktion, die er zuvor an der Royal Opera in London gegeben hatte. Hier beschreibt er seine Inspiration auf dem Weg zum professionellen Tenorleben, die Bedeutung von Mozart in seiner Karriere, gute Gesundheit und darüber, welche Baritonrollen er unter der Dusche singen würde. 

Was hat Sie zur Oper gebracht und wie haben Sie Ihre Stimme entdeckt? 

Die Leidenschaft für den Gesang war schon immer in mir. Schon als kleines Kind habe ich es geliebt, Volkslieder für Freunde und Bekannte zu singen. In Albanien, das muss man erwähnen, war das kommunistische System bereits an seinem Ende, als ich in der ersten Grundschulklasse war, aber es hat das Schulsystem mit verschiedenen Musikkursen und Aktivitäten unterstützt, die besonders auf die Kinder ausgerichtet waren, die Talent zu haben schienen. Teils aus eigener Entscheidung, teils, weil es mir vom System vorgegeben wurde, habe ich Geige spielen studiert, dabei aber nie aufgehört zu singen. Dieses Instrument zu studieren hat auf bemerkenswerte Weise zu meiner musikalischen Vorbereitung beigetragen.

Wie ich schon oft gesagt habe bezeichne ich mich als ein Produkt der Drei Tenöre. Als ich ungefähr 13 oder 14 war, habe ich im Fernsehen das berühmte Konzert der Drei Tenöre aus den Caracalla-Thermen gesehen. Ich war fasziniert. Ich nahm das Konzert auf und schaute es mir unzählige Male an. Und dann beschloss ich, dass Gesang mein Lebensinhalt werden sollte, und so kam es. Ich war gerade einmal 18 als ich mich dazu entschloss, Albanien zu verlassen und nach Italien, der Heimat der Oper zu gehen, um Gesang zu studieren. Ich bestand die Aufnahmeprüfung am Konservatorium von Bozen, wo ich Maestro Vito Brunetti kennenlernte, der mich in seiner Klasse studieren ließ und an mich glaubte. Dank ihm konnte ich das Konservatorium nach nur 2 Jahren abschließen und sehr früh meine Karriere beginnen. Als ich 20 war, hatte ich bereits zwei wichtige internationale Wettbewerbe gewonnen. Claudio Abbado hörte davon und wollte mich für Mozarts Così fan tutte. Kurz danach debütierte ich bei den Salzburger Festspielen und an der Wiener Staatsoper, und das war der Anfang meiner internationalen Karriere.

Sie haben Ihre Karriere mit viel Mozart begonnen. Welche Mozartrollen singen Sie am liebsten und welche Herausforderungen stellt Mozart an junge Sänger?  

Saimir Pirgu in der Titelrolle zu Mozarts <i>Idomeneo</i> © Suzanne Schwiertz | Opernhaus Zürich
Saimir Pirgu in der Titelrolle zu Mozarts Idomeneo
© Suzanne Schwiertz | Opernhaus Zürich

Das stimmt, meine Karriere begann mit Mozart, dessen Musik ich schon in jungen Jahren gesungen habe. Er ist ein Komponist, der mir besonders wichtig ist und dessen Kompositionen ich im Laufe der Jahre wirklich gut kennen- und lieben gelernt habe. Er ist ein wahres Genie. In den letzten Jahren habe ich mich dem Belcanto-Repertoire des 19. Jahrhunderts gewidmet, vor allem Donizetti und Verdi. Ich habe jedoch nie aufgehört, Mozart zu lieben, da ich ihn für eine Schlüsselfigur unter den Komponisten halte, was Technik und Musikalität betrifft. Mozart verbietet dem Sänger, sich zu viele Freiheiten zu nehmen, und verlangt vom Interpreten beständig Disziplin und Respekt für die Musik. Mozart zu singen ist für junge Sänger nur eine scheinbar leichte Aufgabe: Es kann eine ausgezeichnete Schule sein, um die Musikalität zu fördern, aber man braucht eine solide technische Basis, um dieses Repertoire zu bewältigen. Unter den Mozartrollen, die ich besonders gerne singe, sind auf jeden Fall jene, in denen ich besonders oft und in aller Welt aufgetreten bin, wie Don Ottavio, Ferrando oder Tito. Aber die Partie, welche mir ganz besonders ans Herz gewachsen ist, ist Idomeneo, den ich unter Nikolaus Harnoncourt zum ersten Mal gesungen habe. Eine einzigartige Erfahrung, die mir unvergesslich bleiben wird.  

Welche Sänger waren in jungen Jahren Ihre Vorbilder? 

Zu allererst würde ich Luciano Pavarotti nennen, der auch mein Mentor war. Ich habe immer unterschiedliche Vorlieben für jedes Repertoire gehabt. Jedenfalls kann ich sagen, dass ich Pavarotti, Giuseppe di Stefano und Nicolai Gedda immer besonders geschätzt habe. Drei geniale Tenöre, alle recht verschieden, auch was den Stil betrifft, und alle haben mich während meiner Studienzeiten inspiriert.

Sie singen viel Belcanto und haben nun damit begonnen, Ihrem Repertoire schwerere Partien wie Rodolfo, Riccardo und Gabriele Adorno hinzuzufügen. Einige davon haben Sie auf Ihrer aktuellen CD Il mio canto gesungen. Wie entwickelt sich Ihre Stimme? 

Angela Gheorghiu (Mimì) und Saimir Pirgu (Rodolfo) in <i>La bohème</i> am Liceu © Irina Stanescu
Angela Gheorghiu (Mimì) und Saimir Pirgu (Rodolfo) in La bohème am Liceu
© Irina Stanescu

Die stimmliche Entwicklung eines Sängers befindet sich in kontinuierlicher und konstanter Bewegung. Diese Entwicklung ist schneller, wenn man jung ist und sich alle zwei oder drei Monate Veränderungen an der Stimme bemerkbar machen, und sie verlangsamt sich Schritt für Schritt, um sich dann mit fortgeschrittenem Alter zu stabilisieren. Mit der nötigen Vorsicht habe ich schon immer gerne neue Rollen ausprobiert, um mein Repertoire zu erweitern. Rodolfo war einer meiner größten Erfolge der letzten Jahre, aber die Resonanz für meinen Faust in La Damnation de Faust, Roméo in Roméo et Juliette, die Titelrolle in Werther und Riccardo in Un ballo in maschera war ebenfalls ausgezeichnet. Nach und nach werden noch weitere neue Rollen folgen, unter anderem auch Gabriele Adorno in Simon Boccanegra. Für einen jungen Sänger ist es sehr wichtig, Dinge auszuprobieren: Wenn das gewissenhaft vollzogen wird, kann es sehr nützlich sein, um die Grenzen des eigenen Repertoires auszumachen und gleichzeitig neue Rollen zu entdecken, mit denen man seine stimmlichen Möglichkeiten bestmöglich demonstrieren kann. Ich gehe immer nach einem bestimmten Muster vor, wenn ich meinem Repertoire eine neue Rolle hinzufüge: Nach dem Rollendebüt lege ich die Partie für ein paar Jahre beiseite und arbeite weiter daran, bevor ich sie wieder singe. Das erlaubt mir, die Rolle unter Kontrolle zu halten, sie langsam reifen zu lassen, um sie dann in zunehmend besser Gestalt wiederaufzunehmen. Dieses Verfahren hat mir in meiner gesamten Karriere sehr geholfen.

Gibt es eine Traumpartie, die Sie eines Tages gerne singen würden, wenn sich die Stimme in eine bestimmte Richtung entwickelt?  

Ich liebe Manon Lescaut von Puccini und die außergewöhnliche und sehr schwierige Rolle des Renato Des Grieux, die einen gewichtigen Tenor erfordert. Ich denke, dass ich noch eine lange Zeit warten muss, bevor ich diese Partie werde angehen können, und dass ich sie sehr wahrscheinlich nie singen werde. Ich werde mich aber sehr freuen, wenn der richtige Moment kommt, den Des Grieux in Massenets Manon zu singen.

Sie waren gerade in Australien und haben dort wieder den Hirten in Kasper Holtens Londoner Inszenierung von König Roger gesungen. Wie war es, diese Rolle wieder zu interpretieren, und wie wurde die Inszenierung in Sydney aufgenommen?

Saimir Pirgu (Hirte) in <i>König Roger</i> in Sydney © Keith Saunders
Saimir Pirgu (Hirte) in König Roger in Sydney
© Keith Saunders
König Roger war eine sehr gelungene Produktion, die tolle Kritiken erhielt und deren Premiere ich an der Royal Opera in London sang (die erste Produktion dieser Oper in der Geschichte des Londoner Opernhauses), in der Regie Kasper Holtens und dirigiert von Antonio Pappano. Die Produktion wurde auch für einen Grammy 2017 nominiert! Ich habe mich von Beginn an voll mit dem Charakter des Hirten identifizieren können und es geschafft, mir die Rolle ganz zu eigen zu machen. Als ich sie im Januar in Australien wiederaufgenommen habe, musste ich einem komplett anderen Publikum entgegentreten, aber trotzdem waren die acht Vorstellungen im Opernhaus von Sydney ein enormer Erfolg. Wenn es einer Produktion gelingt, so toll von solch unterschiedlichem Publikum aufgenommen zu werden, dann kann man sie, denke ich, als erfolgreich bezeichnen. Und mit diesem König Roger ist genau das passiert, auch dank der hervorragenden Besetzung, sowohl in London als auch in Sydney, der Interaktion der Charaktere, der Regie, der phantastischen Musik und der Handlung selbst, die sofort alle Aufmerksamkeit auf sich zieht und den Zuschauer über das, was auf der Bühne passiert, nachdenken lässt.

Wie bleiben Sie trotz eines so vollen Terminkalenders gesund? Haben Sie eine bestimmte Routine für Vorstellungstage?

Es ist in der Tat nicht leicht, so viele Vorstellungen pro Jahr zu singen, vor allem für einen jungen Sänger. Das erste Geheimnis ist die Wahl des Repertoires und die Abfolge der verschiedenen Rollen im Kalender. Außerdem sind die Leidenschaft und der Wille zu singen ein entscheidender Faktor, wenn es darum geht, den verschiedenen Schwierigkeiten, die der Beruf des Sängers mit sich bringt, entgegenzutreten. Neuproduktionen, die meist mit langen Probenphasen verbunden sind, helfen einem Künstler meist sehr dabei, nach und nach wieder Energie zu tanken und sich bestmöglich auf die Rolle vorzubereiten. Fundamental wichtig sind auch Ruhephasen für die Stimme und wie man mit Erkältungen und anderen Atemwegserkrankungen umgeht. Einen bestimmten Tagesablauf halte ich am Tag der Vorstellung nicht ein. Sehr wichtig ist es, die Stimme langsam und gut aufzuwärmen.

Und zu guter Letzt... Stellen Sie sich vor, Sie wachen eines Tages als Bass oder Bariton auf. Welche Rolle würden Sie singen wollen? Und warum?

Vor allem zwei Bassrollen haben mich schon immer wegen ihrer Schönheit beeindruckt: Boitos Mefistofele und Filippo II in Don Carlo. Was Baritonpartien anbelangt gibt es hingegen besonders viele Rollen, die ich gerne singen würde: Beim Komponieren der phantastischen Partien für Bariton, die oft szenisch so eindrucksvoll sind, haben viele Komponisten scheinbar all ihre Kreativität ausgelebt. Man denke nur an Rigoletto oder Scarpia, zwei Rollen, die ich übrigens – auch wenn ich sehr glücklich darüber bin, Tenor zu sein – meinem Repertoire schon vor langer Zeit hinzugefügt habe... unter der Dusche!

 

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Dieser Artikel wurde gesponsert von O-PR Communications.
Aus dem Englischen übertragen von Tim Weiler.