Für alle Beethoven-Fans, insbesondere die Liebhaber seiner Klaviermusik, ist München gerade ein wirkliches Mekka. Vor nicht einmal zwei Wochen machte András Schiff mit gleich zwei Klavierkonzerten in der Philharmonie halt, Igor Levit steckt mitten in seiner Konzertreihe mit Beethoven-Sonaten und am zweiten Advent übernahm Rudolf Buchbinder für seinen erkrankten Kollegen Murray Perahia den Solopart in Beethovens Fünftem Klavierkonzert gemeinsam mit der Academy of St Martin in the Fields ebenfalls in der Philharmonie.

Rudolf Buchbinder © Marco Borggreve
Rudolf Buchbinder
© Marco Borggreve

Was Mozart mit Don Giovanni für die Oper schuf, schaffte Beethoven mit seinem Fünften Klavierkonzert für die Gattung des pianistischen Solokonzerts. Vom heroischen Kraftprotz bis zur zutiefst berührenden Feinsinnigkeit ist in diesem Konzert alles dabei und Buchbinder bewies wieder einmal, dass er, wenn es um den Klavierkosmos Beethovens geht, noch immer Maßstab setzend ist. Dabei waren es die kleinen Details, die seine Interpretation so faszinierend machten. Sowohl der musikalische Fluss seines Spiels, der sich schlagartig in perlenartige Regentropfenläufe verwandeln konnte, als auch seine ungeheure Überlegenheit, wenn es ums Virtuose geht, überwältigten. Das Adagio gestaltete Buchbinder zurückgenommen, emotional und gleichsam mit Spannung vorandrängend. So donnernd wie der Österreicher können nur wenige Pianisten in das anschließende Rondo übergehen. Der Rest war überschäumende Klavierkunst. Buchbinder vermochte wahrlich magische Klänge aus seinem Instrument zu holen und diese in üppige Farben umzumünzen.

Die Academy spielte ohne Dirigenten angeleitet lediglich durch kleine Gesten des Konzertmeisters Tomo Keller. Die Kommunikation zwischen Solist und Orchester rückte also umso stärker in den Fokus und obwohl kurzfristig eingesprungen, musizierten das Orchester und Buchbinder absolut selbstverständlich miteinander.

Academy of St Martin in the Fields © Bernardo Arcos Mijailidis
Academy of St Martin in the Fields
© Bernardo Arcos Mijailidis

Das Konzert hatte die Academy als krönenden Abschluss des Programms gesetzt und widmete sich in der ersten Hälfte zwei weiteren Werken Beethovens. Seine Romanze G-Dur für Violine und Orchester ist nicht allzu oft in den Konzertsälen zu hören, obwohl sie sich mit ihrem kantablen Charakter großer Beliebtheit erfreut und auch für die nachfolgenden Kollegen in der Romantik eine neue musikalische Form schuf. Keller, der den Solopart übernahm, interpretierte die Romanze mit handfestem Ansatz und angenehm unprätentiös.

An die Romanze schloss sich die Zweite Symphonie an, die in dieselbe Schaffensperiode wie die Romanze fällt. Zwar kann die Zweite nicht mit den Beliebtheitswerten einer Fünften oder Siebten mithalten, dennoch ließ die Academy keinen Zweifel daran, dass die D-Dur-Symphonie Beethoven durch und durch ist. Zwar noch deutlich in der Wiener Klassik verankert, hält die Symphonie im ersten Satz die dramatische Dichte der Neunten bereit und bindet die pastorale Landidylle einer späteren Sechsten Symphonie ein. Die Londoner gestalteten die brodelnd-positive Grundstimmung der Symphonie mit feuriger Spritzigkeit, flotten Tempi und pulsierenden Rhythmen. Trotz einer für Beethoven angemessenen kleinen Besetzung, vermittelten die Londoner eine ungeheure Durchschlagskraft, die Dank der mit Holz-Schlägeln gespielten Pauke eine erdige Note bekam. Gleichsam durchleuchtete die Academy die Partitur mit unvergleichlicher Transparenz und baute ungeheure Spannung auf, die gar zu einem Szenenapplaus nach dem Scherzo führte.

Die Frische und Spielfreude, mit der die Academy ihr Programm anging, hört man selten. Es war ein wahres Fest für jeden Beethoven-Fan! Als Zugabe spielte Buchbinder zum Abschluss des Programms natürlich Beethoven: Das Finale der Sturmsonate. Und schließlich weiß man gar nicht mehr, was denn nun das größte Highlight des Abends war.

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