Gäbe es diese Oper nicht, dann hätte Arrigo Boitos Mefistofele speziell für die Oper Stuttgart erfunden werden müssen, denn auch wenn der teuflische Mephisto und nicht Faust die Titelfigur und nahezu ubiquitär auf der Bühne präsent ist, kommt die heimliche Hauptrolle dem Chor zu – als himmlische Heerscharen, als Volk, das sich sinnlichen Vergnügungen hingibt, als Hexen auf dem Blocksberg, denn kein Opernchor wurde derart häufig zum Chor des Jahres gekürt, wie der Stuttgarter, und er macht auch hier seinem Ruf alle Ehre. Unter Manuel Pujols Leitung lotete er alle Ausdrucksspektren aus, vom lieblich harmonischen Gesang der Engel bis zum orgiastischen Toben beim Hexensabbat und dem mächtig anschwellenden Finale des Epilogs. Kein Wunder, dass das Publikum ihn mit Ovationen feierte.

Mika Kares (Mefistofele) © Thomas Aurin
Mika Kares (Mefistofele)
© Thomas Aurin

Ovationen gab es auch, gleichermaßen verdient, für Mika Kares. Als Mefistofele kommentierte er sarkastisch mit schwarzem Bass seine Sicht der Welt, näherte er sich überredend und schmeichelnd seinem Opfer Faust und thronte er souverän über dem Tanz der Hexen. Diese Vielschichtigkeit ließ Antonello Palombi ein wenig vermissen, er verließ sich allzu sehr auf die brillante Italianitá seines Tenors, lotete aber die Gefühlstiefen der Figur zu wenig aus, ganz im Gegensatz zu Olga Busuioc, die vor allem in der Wahnsinnsszene der im Kerker auf die Hinrichtung wartenden Margherita alle Register beherrschte, von der hochdramatischen Verzweiflung über ihren Kindsmord bis zur sehnsuchtsvollen Erinnerung an bessere Zeiten.

Olga Busuioc (Margherita), Mika Kares (Mefistofele) und Antonello Palombi (Faust) © Thomas Aurin
Olga Busuioc (Margherita), Mika Kares (Mefistofele) und Antonello Palombi (Faust)
© Thomas Aurin

Angesiedelt ist das alles in einem einfachen, aber wandlungsfähigen Bühnenbild von Alfons Flores. Anfang und Ende spielen in einem Labor, in dem Faust mit anderen Forschern Organe seziert. Für den Rest genügt ein Turm aus Metallgestänge, in dem sich das Volk in der Freizeit verlustiert, die Hexen tanzen, Mefistofele wie ein König über allem steht und Margherita auf einen elektrischen Stuhl steigt. Einerlei in welche Sphäre der Welt man blickt, will dieses Bühnenbild sagen, es herrscht überall gleiche Gefühlslosigkeit und geistige Armut. Kein Wunder, dass Faust mit diesen Zeitgenossen nichts zu tun haben möchte.

Auch Regisseur Àlex Ollé findet zu manchen symbolischen Gesten. So wendet sich Mefistofele, der schon mit Margheritas Nachbarin Martha nicht viel anfangen kann, im Elena-Akt von Elenas Gefährtin ab, beide von Fiorella Hincapié verkörpert, so wie auch Margherita und Elena, die beiden Frauen, auf die Faust sich stürzt, von einer Sängerin verkörpert werden – die Frau an sich.

Olga Busuioc (Margherita) © Thomas Aurin
Olga Busuioc (Margherita)
© Thomas Aurin

Doch ansonsten hat Ollé nicht viel mehr als eine bunte Ausstattungsrevue auf die Bühne gebracht. Da finden sich zwar einige interpretatorische Finessen, etwa indem sich die Landbevölkerung in ihrer Freizeit auch nur mit Sex und Begierde beschäftigt wie die Hexen auf dem Blocksberg, oder wenn der abendliche Discobesuch der Landleute nahtlos zum Sabbat mutiert, doch aus mehr als einigen hektischen Bewegungen und abgenutzten Gewändern besteht dieses orgiastische Treiben nicht. Dafür ist es in glutrotes Licht getaucht, während Elena in kühler blauer und schwüler rosa Beleuchtung auftritt. Doch auch sie, die Faust ja in höchste Ekstase versetzt, ist nicht mehr als ein cooles Revuegirl mit Schlitz im Kleid, und wenn die beiden von glutvoller Liebe singen, bemühen sie sich um ein paar Tanzschritte à la Ginger Rogers und Fred Astaire, Faust in glänzendem Jackett. Auch wenn der Chor vom Toben der Stürme singt, findet sich nichts als Pendant auf der Bühne.

Mika Kares (Mefistofele) © Thomas Aurin
Mika Kares (Mefistofele)
© Thomas Aurin

Für diese Emotionen, für die Boito grandiose Passagen komponiert hat, sorgte das Orchester unter Daniele Callegari. Hier spielte sich ähnlich wie im Chor das eigentliche Drama ab vom zarten Melos der Himmelssphäre über die ausgelassene Feststimmung der Bevölkerung bis zum Hexensabbat, der in dieser Inszenierung letztlich nur durch die Stimmen des Chors und die Instrumente des Orchesters realisiert wird, desgleichen, wenn Elena Bilder vom Untergang Trojas heraufbeschwört.

So ist es eine sinnliche Aufführung für die Augen mit einigen gedanklichen Lichtblicken, aber doch nur ein in Szene gesetztes Operngeschehen, dessen Opulenz reiner Augenschmaus, nicht aber gedankliches Konzept ist, und das dem grandiosen Opernstoff und der Musik szenisch nicht gerecht wird – musikalisch aber in fast jeder Hinsicht.

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