Es gibt wenige Dirigenten, die Schostakowitschs Siebte Symphonie so ruhig und gleichzeitig hochkonzentriert dirigieren können. Noch weniger können sich so sehr auf ihr Orchester verlassen, dass sie während des Invasionsthemas aufhören zu dirigieren und das Orchester die Musik streckenweise selbst entwickeln lassen. Mariss Jansons konnte mit seiner gestrigen Aufführung von Schostakowitschs Siebter ein weiteres Mal beweisen, dass er nicht nur zu den besten Schostakowitsch-Interpreten, sondern auch zu den Dirigenten mit unglaublichem Charisma gehört.

Bereits mit dem Überraschungsstück für diesen Abend – Mahnmal für Lidice des tschechischen Komponisten Bohuslav Martinů – ließ das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks erahnen, dass es ein Abend werden würde, der zur Nachdenklichkeit anregt. Martinů schrieb das Werk während des Zweiten Weltkrieges, als deutsche Soldaten das tschechische Dorfes Lidice komplett auslöschten. Unter dem Eindruck der Geschehnisse wirkt das Werk mit seinen introvertierten, flächigen Klangstrukturen wie ein Klagelied, wird allerdings immer wieder von heftigen Orchesterausbrüchen durchzogen. Besonders die Streicher des BRSO trugen mit ihrem glänzenden Klang, aber gleichzeitig schwerem Ton zu einer eindrucksvollen Gestaltung des Mahnmals für Lidice bei. Mit lyrischer Ruhe entwickelte Jansons die elegischen Teile des Werkes und ließ sie donnernd auf die Orchesterausbrüche treffen. Auch wenn Titel und Hintergrund des Werkes zu Beginn des Konzertes noch nicht verraten wurden, hinterließ Jansons Interpretation keine Fragezeichen: Hier wurde großes Leid und tiefe Trauer inszeniert.

Ganz so einfach ist es mit Schostakowitschs Siebter Symphonie nicht. Zwar ist auch sie im Zweiten Weltkrieg entstanden und besonders das Invasionsthema wird gerne als Widerstand gegen den deutschen Faschismus gedeutet. Schostakowitschs Werk aber ist deutlich vielschichtiger und so hat er selbst über seine Siebte Symphonie gesagt, dass sie gegen jeglichen Faschismus – auch den Stalins – gerichtet sei. Jansons beschränkte die Interpretation jedoch nicht auf bloße Kriegsbeschreibung und Siegeshymnen, sondern arbeitete die Feinheiten der Partitur heraus. Das bereits erwähnte Invasionsthema entwickelte er von zu Beginn fröhlich, fast frech wirkenden Holzbläsern bis zu monoton stampfenden Motiven fort. Mit wenigen Handbewegungen steuerte er die Musiker zum Gipfel der musikalisch dargestellten Gewalt, und das Orchester übernahm sein minimales Dirigat mit exakter Präzision.

Auf diesem Höhepunkt angekommen, schmetterten die Blechbläser das Thema wieder und wieder mit metallenem Klang fort, wobei dies der einzige Moment im Werk war, an dem Jansons auch mit größeren Gesten arbeitete. Das Orchester wusste auch diese packend umzusetzen und führte das Thema zu einem ohrenbetäubenden Höhepunkt, der den Zuschauer mit seiner Vehemenz in seinem Sitz festzunageln schien. Umso überraschender war bei diesen wuchtigen, emotionsgeladenen Passagen, dass das Orchester die erzählerischen Passagen des Werkes mit bewundernswerter Leichtigkeit und mit exzellenten Soli meisterte - vor allem die Flöte im zweiten Satz und die Blechbläser sind hier zu nennen. Das Orchester spielte kompakt, präzise und mit Hingabe an eine kompromisslose Interpretation, die im Ausdruck immer noch einen Schritt weiter ging. So vermittelte der Beginn des zweiten Satzes keineswegs das Gefühl eines gefälligen Walzers, obwohl Jansons ihn mit der notwendigen tänzerischen Leichtigkeit formte, sondern vielmehr das eines bizarren Totentanzes, der unter einem bedrohlichen Schleier und einer gewissen Spannung zu liegen schien.

Wie eine wehklagende menschliche Stimme reflektierte das Solo der Oboe über das Geschehene, bevor Jansons mit dem Bläserchoral und dem anschließenden Streichersatz den emotionalen Höhepunkt einleitete. Stark an Mahler erinnernd werden hier wohl am deutlichsten die Entbehrungen des Komponisten während des Krieges offenbar. Ohne Scheu rieben sich die Musiker des BRSO an den Dissonanzen und gaben so der Passage mit klagenden Streichern noch eindringliche Wirkung.

Gleichsam blieb der strahlende Siegeshymnus nicht aus, wobei dieser bei Jansons nicht bloßer Pomp, sondern eine schlau inszenierte Siegesfeier war, die jeglicher wahrer Freude entbehrte. Man mag sich nicht vorstellen, was passiert wäre, hätten die zuständigen Beamten der Sowjetregierung die scharfe Systemkritik im wahren Kern der Symphonie erkann. Jansons Lesart des Werkes machte schmerzlich klar, wie doppelbödig Schostakowitschs Werk wirklich ist. In dieser Symphnie steckt so viel mehr als eine reine Darstellung von Krieg und Frieden; sie ist vielmehr ein Manifest gegen jegliches Böse in der Welt.

Mariss Jansons ist sicherlich einer der besten Dirigenten und womöglich der beste Schostakowitsch-Interpret unserer Zeit – mit dem heutigen Konzert hat er dies wieder einmal eindrucksvoll unter Beweis gestellt. Mit welch stoischer Ruhe er noch so kleine Feinheiten ausleuchete und die 75-minütige Symphonie an ihre Abgründe führte, war mehr als beeindruckend.

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