Béla Bartók war getrieben von der Idée fixe, die archaische Kraft der Volksmusik in den entlegensten ungarischen Bauerndörfern aufzuspüren und seiner Kunstmusik einzuflößen. Er unternahm aufwendige Studienreisen, um Folklore dort zu hören und auf Tonträger zu archivieren, wo sie entstanden war und von Generation zu Generation durch Nachspielen und Nachsingen tradiert wurde. Einige dieser alten Aufnahmen sind noch erhalten und man spürt trotz der kaum hörbaren Klangrudimente die unmittelbare natürliche Ausdruckskraft, die sich nicht aufdrängt, sondern vielmehr einen unwiderstehlichen Sog entfaltet, dem man sich nicht entziehen kann. „Es ist, als würde man endlich mit den Händen die Erde berühren und sich die Erde mit den Fingernägeln holen, um die Wurzeln zu fühlen.“ – So beschreibt es die norwegische Geigerin Vilde Frang in einem Interview mit Bayerischen Rundfunk, mit dessen Symphonieorchester sie das Zweite Violinkonzert Bartóks im Münchner Herkulessaal spielte.

Das Konzert begann mit Bartóks Drei Dorfszenen für Frauenchor und Orchester. Hatte das Orchester in der ersten Szene Svatba (Hochzeit) trotz des präzisen Dirigats Iván Fischers noch Schwierigkeiten, die vertrackten Rhythmen übereinander zu bringen, fanden die Musiker spätestens ab Ukoliebavka (Wiegenlied) ihren typischen kompakten und vollen Sound.
Der Frauenchor des Bayerischen Rundfunks war von Anfang an konzentriert bei der Sache und überzeugte durch homogene Klangschönheit und stilsichere Phrasierung. Die Solistinnen des Chores sangen unaufdringlich und doch souverän. Besonders der Mezzosopranistin Julia Price gelang es, beim Wiegenlied vor der flirrend-mystischen Atmosphäre der Streicher die beschwörenden Melodien esoterisch-transzendental in den Herkulessaal zu tragen. Beim letzten Stück, Tanec mládencov (Tanz der Burschen), kam die raffiniert miteinander verwobene rhythmische Struktur vollends zur Geltung, so dass auch Fischer auf seinem Dirigentenpult hüpfte und tanzte wie einer der Bauernburschen, die hier lautmalerisch in Szene gesetzt wurden.
Erst vor zwei Jahren hat Vilde Frang begonnen, sich intensiv mit Bartóks Zweiten Violinkonzert zu beschäftigen, und doch spielt die skandinavische Ausnahmekünstlerin das Konzert bereits so, als wäre es ihr auf den Leib geschrieben worden. So wie Bartók vom natürlichen Geist der ungarischen Folklore verzaubert wurde, gelang es Frang wie so oft in ihren Konzerten, das Publikum aufzusaugen in den musikalischen Kosmos, den sie so unmittelbar zwingend und doch mit einer musikantischen Leichtigkeit erschuf.

Wie sie die Vierteltonverschiebungen vor der Kadenz des ersten Satz spielte, steht exemplarisch für ihre Interpretation des Bartók’schen Konzerts. Sie hörte sich selbst zu und schien momentan befremdet ob des ungewohnten Klangs, horchte wieder hin, mit gutgelaunter Neugier, und gab sich nicht nur damit zufrieden, dass es ein wenig „schräg“ klingen könnte, sondern zelebrierte die einzigartige Andersartigkeit, feierte sie gemeinsam mit den Zuhörern. Den zweiten Satz spielte sie wunderbar lyrisch-melodisch und im kammermusikalisch ausgefeilten Zusammenspiel mit dem Orchester, zu dem sie sich immer wieder drehte und die Blicke einzelner Musiker erhaschte. Jeder Takt atmet ihre Begeisterung für den intimen musikalischen Diskurs kleiner Besetzungen.
Der dritte Satz ist vor allem bogentechnisch enorm vielfältig und anspruchsvoll, vom fast unhörbar flüsternden Flattern zum schnellen Changieren zwischen feinsten Nuancen des Klangs, ein Leckerbissen also für die Klangmagierin Vilde Frang. Aber auch mit der linken Hand konnte Frang die ganze Bandbreite des Vibratos und der Obertonschattierungen ausspielen. Das Publikum lag ihr zu Füßen und erklatschte sich als Zugabe die Giga Senza Basso von A.M. Montanari. Grandios, was man aus dieser Miniatur herausholen kann. Knackig frech, aufregend spritzig und spannend vom ersten bis zum letzten Ton.
Nach der Pause gab das BRSO die Schottische Symphonie von Felix Mendelssohn Bartholdy mit sprühender Verve und ansteckender Spielfreude. Wie die Musiker dann am Ende des Finalsatzes Gruppe für Gruppe aufstanden und die abschließende Jubelhymne in den Konzertsaal warfen, das war im wahrsten Sinne des Wortes wie das gesamte Konzert: Erhebend!



















