Wie lässt sich das Vergehen der Zeit auf einer Opernbühne sichtbar machen? Matthew Ferraro versucht es in seiner Neuinszenierung von Tschaikowskys Eugen Onegin am Theater Erfurt mit einer Drehbühne, wechselnden Jahreszeiten und einem Russland, das mit der eleganten Welt des Petersburger Adels wenig gemein hat. Statt Salons und Gesellschaftsbällen begegnet man der grauen Provinz, gar Einöde. Eine Landschaft aus kahlen Bäumen, auf denen die Raben bereits auf ihr nächstes Opfer zu warten scheinen, und ein Haus, das seine besten Jahren schon lange hinter sich hat, prägen das Bühnenbild. Die Vergangenheit ist hier keine abgeschlossene Epoche, sondern ein Schatten, der über der Gegenwart liegt.

Es ist tatsächlich die Bewegung, in der das Bühnenbild, ebenfalls aus Ferraros Hand, seine größte Wirkung entfaltet. Aus dem winterlichen Stillstand werden Szenen des Landlebens, schließlich ein Erntefest, später Tatjanas Geburtstag, dann wieder Winter viele Jahre später; die Drehbühne treibt das Geschehen voran, während die Jahreszeiten den Figuren ihre Vergänglichkeit vor Augen führen.

Dass die stimmigen Kulissen dabei allzu oft Kulissen bleiben, ist Teil der Idee dieser Inszenierung. Ein Russland, das immer mehr Projektion in den Köpfen nationaler Narrativschöpfer denn Wirklichkeit war, möchte Ferraro darstellen. Die Personenführung darin entwickelt allerdings nur selten eine eigene psychologische Spannung, vieles erschöpft sich im Rampensingen. Auch die überdimensionierte, luftgefüllte Matrjoschka bleibt als Bild eher Behauptung denn Erkenntnis.

Wie viel präziser Ferraro sein kann, zeigt sich in der Polonaise zu Beginn des dritten Aktes. Während die wohlhabende Gesellschaft ihren Luxus zur Schau stellt, wartet eine verarmte Bevölkerung auf Brot und wird von einem Polizisten drangsaliert. Bären, Clowns und Torten, auf einer davon ein Torpedo, bilden eine groteske Parade, in der sich Anspielungen auf die Gegenwart mit der sozialen Ungleichheit des Bühnen- wie wahren Russlands verbinden. Hier gewinnt die Inszenierung jene Schärfe, die ihr andernorts fehlt: Der Kontrast zwischen Überfluss und Mangel wird nicht erklärt, sondern ausgestellt. Zum Ende wagt Ferraro noch eine Anspielung an einen anderen Klassiker der russischen Weltliteratur. In einer Bahnhofshalle trifft Tatjana Onegin in der Schlussszene. Referenz oder Assoziation an Anna Karenina? Ein Ausblick auf Tatjanas Zukunft nach der Entscheidung? Die Antwort darauf bleibt im Unklaren.

Am Pult setzt Generalmusikdirektor Hermes Helfricht währenddessen gemeinsam mit seinem Orchester auf einen durchleuchteten Tschaikowsky, dessen romantischer Überschwang nicht sich selbst überlassen bleibt. Sein Dirigat schafft Transparenz und Raum für die Feinheiten der Partitur, ohne dabei die großen orchestralen Steigerungen aus dem Blick zu verlieren. Besonders eindrücklich gelingt dies, wenn das Philharmonische Orchester Erfurt in breiten, wogenden Bögen das Innenleben der Figuren nachzeichnet. Dann entfaltet Helfrichts Zugang eine mitreißende dramatische Kraft, die nicht auf vordergründige Effekte angewiesen ist, sondern aus der Musik selbst erwächst. Gerade im Wechsel zwischen analytischer Klarheit und emotionaler Verdichtung gewinnt die Interpretation ihr eigenes Profil.

Im sängerischen Ensemble setzt Tetiana Miyus als Tatjana den stärksten vokalen Akzent. Ihr heller, glockenreiner Sopran besitzt eine Durchschlagskraft, die besonders in der Briefszene aufleuchtet und den Abend mit vielschichtiger Brillanz überstrahlt. Máté Sólyom-Nagy verleiht Onegin mit seinem markanten Bariton vokales Gewicht, während Tristan Blanchet Lenskys lyrischer Empfindsamkeit Ausdruck gibt. Marlene Gaßner ergänzt als Olga mit ihrem Mezzosopran die vokale Farbpalette. Der Opernchor und der Extrachor des Theaters Erfurt tragen die Massenszenen mit Präsenz und bilden gerade in der Gegenüberstellung von Festgesellschaft und verarmter Bevölkerung ein wichtiges Element des gesellschaftlichen Tableaus.

So verstreichen die Jahreszeiten, die Bühne dreht sich weiter, und doch scheint dieses Russland auf der Stelle zu treten. Ferraro findet eindrückliche Bilder für ein Land, das zwischen Vergangenheit und Gegenwart gefangen bleibt; was daraus für Tatjana, Onegin und Lensky folgt, bleibt szenisch weniger greifbar. Gerade Tschaikowskys Musik erzählt vom unwiederbringlichen Vergehen der Zeit und von Entscheidungen, die sich nicht zurücknehmen lassen. Helfricht und das Philharmonische Orchester Erfurt lassen diese Tragik immer wieder aufscheinen. Die Inszenierung hingegen dreht sich bisweilen im Kreis: Viele ihrer Bilder vergehen, ohne nachhaltig im Kopf zu bleiben.
























