Vor der Premiere in Berlin 2012 versprach Stefan Herheim eine „barocke Muppet-Show“, bei der man nicht alles logisch nachvollziehen müsse (und könne). Davon konnte man sich jetzt auch in der Oper Graz überzeugen, denn tatsächlich bietet Händels Xerxes eine wahre Fülle an Verkleidungen, Verwechslungen, Intrigen und Situationskomik. Herheim siedelt seine Inszenierung in der Entstehungszeit der Oper an spielt gekonnt mit der Idee eines Theaters im Theater. Nicht die Handlung oder eine klassische Personenführung stehen im Vordergrund, sondern das Spiel selbst.

Chor der Oper Graz © Karl Forster
Chor der Oper Graz
© Karl Forster
Auf der Drehbühne, die fast permanent in Bewegung ist, verschmelzen die Seitenbühnen des Bühnenbildes mit der realen Seitenbühne; Auf der Bühne des dargestellten Theaters erscheinen die von Heike Scheele entworfenen Kulissen, etwa dunkle, comicartige Gewitterwolken, als überzeichnete Parodie. Die Kostüme, für die Gesine Völlm verantwortlich zeichnet, bieten eine Mischung aus Fluch der Karibik und Lady Gaga und sind ein optisches Ereignis. Erst am Ende fällt die Fassade des barocken Klamauks, wenn der Chor in Alltagskleidung das letzte Wort hat und die Hauptfiguren zusammengekauert am Bühnenboden sitzen, bevor sie langsam das Spiel abzustreifen scheinen um wieder in der Realität zu landen.

Die dreieinhalb Stunden davor sind ein riesiger Spaß, etwa wenn Atalanta ihre Schwester Romilda mit allen Mitteln aus dem Weg räumen will und dabei ein Barockengerl vom Himmel schießt, oder wenn mit Neonlettern aus „Xerxes“ plötzlich „SexRex“ wird. Sämtliche Tumult- und Slapstick-Einlagen passen perfekt zur Musik, und auch zur Textfassung von Eberhard Schmidt. Gesungen wurde zum Großteil auf Deutsch, nur einige wenige Arien blieben in der italienischen Originalfassung. Obwohl das italienische sicher leichter in der Kehle liegt, und nur zwei der Solisten deutsche Muttersprachler waren, beeindruckte den ganzen Abend über Wortdeutlichkeit aller Beteiligten.

Tatjana Miyus (Atalanta), Stephanie Houtzeel (Xerxes) & Margareta Klobučar (Romilda) © Karl Forster / Oper Graz
Tatjana Miyus (Atalanta), Stephanie Houtzeel (Xerxes) & Margareta Klobučar (Romilda)
© Karl Forster / Oper Graz
Das Orchester agierte auf Publikumshöhe und war aktiv in das Geschehen auf der Bühne eingebunden. Unter dem sensiblen Dirigat von Konrad Junghänel bewies das Grazer Philharmonische Orchester, dass es zu einem herrlich transparenten Barockklang fähig ist. Unterstützt wurden sie dabei von Spezialisten der Grazer Szene für Alte Musik. Junghänel ließ sich vom bunten Treiben auf der Bühne, das immer wieder auch auf das Orchester überschwappte, nicht irritieren, und führte die Musiker mit viel Schwung durch die Partitur.

Ihr Rollendebüt als Xerxes wurde für die amerikanische Mezzosopranistin Stephanie Houtzeel zum Triumph auf ganzer Linie. So begann sie noch sanft-romantisch in der Arie „Ombra mai fu“ und steigerte sich dann zusehends zu einer grandiosen Leistung. Ihre satte Stimme fühlte sich bei Händel hörbar wohl, besonders in höheren Lagen begeisterte sie mit strahlendem Klang. Der Perserkönig wurde bei ihr zu einer Art Captain Jack Sparrow – sehr von sich selbst überzeugt, umgarnend-intrigierend und dabei herrlich komisch. In der Rolle des Arsamenes führte Dshamilja Kaiser ihre Stimme äußerst sicher durch die Partie und konnte vor allem mit ihren wunderschönen Bögen und innigen Passagen glänzen. Auch die Darstellung des Unglücklichen, der ständig im Schatten seines Tyrannen-Bruders steht, gelang ihr überzeugend; sie sorgte für die berührendsten Momente des Abends.

Tatjana Miyus (Atalanta) & Margareta Klobučar (Romilda) © Karl Forster
Tatjana Miyus (Atalanta) & Margareta Klobučar (Romilda)
© Karl Forster
Die übrigen Rollen bestachen gleichermaßen durch ihre Leistung, von der gewohnt höhensicheren, agilen Margareta Klobučar (Romilda), ihrer Bühnenschwester Tatjana Miyus (Atalanta), die sich mit perlenden Koloraturen und grenzenloser Spielfreude zusehends in die Herzen des Grazer Publikums singt, über die komische Figur des Diener Elviro, die Hagen Matzeit mit gekonnten Wechseln zwischen Bariton und Counter-Register und erheiternden Crossdresser-Einlagen zum absoluten Highlight machte, bis zu den Damen und Herren des Chores, die wieder einmal von Bernhard Schneider perfekt einstudiert waren und durch ihre Spielfreude und individuelle Rollengestaltung auffielen.

Obgleich Orchester und auch das Team unter Stefan Herheim vereinzelte Buh-Rufe einstecken mussten, so gingen die doch schnell in zahlreichen Bravos unter: Dieser Xerxes bietet barocken Spaß vom Feinsten auf musikalisch sehr hohem Niveau – ein toller Abend, nach dem man beschwingt mit einem Lächeln auf den Lippen nach Hause geht.