Es bringt die Natur der Sache mit sich, dass jede Zeit des Menschen ihre zwei Welten hat. Die der Trauer, Vergänglichkeit und Verzagtheit sowie jene von Glück, Zufriedenheit und Vitalität. So auch in der Renaissance, in der Kaiser Karl V. in der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts erst über die Niederlande und Spanien, dann unter dem Wahlspruch „plus ultra“ als Habsburger schließlich über das Heilige Römische Reich Europas herrschte. Oder es „im Herbst des Mittelalters“, so der Historiker Johan Huizinga, zumindest in seinen Kriegs- und Friedenskräften versuchte, ehe er 1556 ermüdet abdankte.

„Plus ultra“, immer weiter also, verbreitete sich der Josquin de(s) Prez zugeordnete Chanson Mille Regretz, ein Ohrwurm, der zum Lieblingslied Karls V. und zur kalkulierten Vorlage verschiedener Bearbeitungen avancierte. Diese historische Symbiose griff die ihre Namensgebung besonders ernst nehmende Royal Wind Music in ihrem neuen, einmal mehr diese Zusammenhänge faszinierend abbildenden, von Anna Stegmann arrangierten und mit teils extravaganten Diminutionen gefüllten Programm Lamentation and Celebration auf, das bei den eigenen Open Recorder Days Amsterdam nach der eigentlichen Premiere im März vorgestellt wurde. Selbstverständlich gehalten im RWM-Markenzeichen-Design: acht Abschnitte, zentral Mille Regretz, die die Auswüchse und gegangenen Wege beliebter Renaissance-Charts-Pendants gliedern, in sich streng chronologisch, abwechslungsreich und mit thematisch-spielerisch gepflegten Überraschungen des Blockflöten-Ensembles.
Eine solche bot schon der Rahmen aus scheinbar traditioneller, bei allen lebhaften Diminutionen Hester Groenleers Cantus feierlich behutsamer „Intrada“ in Form des von Pierre Attaignant veröffentlichten Bass-danse La Brosse. Denn er hielt unter „Ritorno“ in auch da konsequenter Fortführung des Ausgangsmaterials zugleich als Auszug her, für den nach historischem Rausschmeißer-Muster freilich das Tempo angezogen und dadurch sowie die virtuosen Verzierungen und Besetzungen der Charakter verändert werden mussten. Dafür entledigte sich Juho Myllylä des geschlagenen schellenlosen Grand Tambourins, um sich mit Sopranino in einen fast wahnsinnigen, jedenfalls mitreißenden Rausch zu spielen, den Sopran und Alt Groenleers und Stegmanns immer wieder wettkämpferisch anstachelnd entfacht hatten.
Ähnliches vollzog die RWM im Mille Regretz-Part („Remorse“), in dem der Auftritt als Blockflötenconsort samt Handtrommel als struktureller Einstieg mit Signalwirkung fungierte. So erfuhr die Paduana del Re zunächst ihre eigene Entwicklung mit jener Besetzung, einen gefühlvoll Bass-Cantus Daniel Scotts über originale Vierstimmigkeit mit Stegmanns Altsolo zum Tutti mit elf Hölzern, bei dem Myllylä die ausgesprochen kunstfertigen, auch rhythmisch extrem herausfordernden Diminutionen mit der Sopranino steigerte. In aufbauender, gleichzeitig kontrastierender Effektintensität wiederholte die Royal Wind Music den Vorgang dann ausgehend von Josquins andächtigem Lied mit dessen festlich bestimmten Nachahmern, Jean de Castros Version und Cristobal Morales Verwendung im „Agnus Dei III“ seiner Missa Mille regrets.
Ging Keiser Karls Aufhänger der Hit Doulce Memoire („Nostalgy“) mit Pierre Sandrins inniger Verspieltheit über Orlando di Lassos Ehrwürdigkeit bis zu Hernando de Cabezóns erhebend-zeremonieller, dynamischer Dramatik sowie in „Dualty“ das affektuose Basssolo Scotts in Marchetto Caras Per dolor mi bagno il viso – allesamt mit auch diminuierenden Tenören – voraus, das Stegmann in wohlzirpende Hoffnung Batholomeo Tromboncinos Zephyro spira e 'l bel tempo rimena überführte, lauerten danach die nächsten Überraschungen. Im Abschnitt „Joy: Terpsichore“ mit Michael Praetorius' La Canarie die durch Marco Magalhães aus dem Rückraum auf die Bühne kommende Soprano in ihrem naturalistisch-allegorischen, launig-humorigen Element, das zusammen mit Myllyläs rassigen Griffkastagnetten zu regelrechter Ekstase geformt wurde. Und unter „Deceit“ Raivis Misjuns Sätze „Lament“ und „Birds“ aus seiner 2025 komponierten Suite zu Didier Lupiers anmutigem Schlager Susanne un jour, die Kolorit, Wandel und Affekt in Stil, Harmonik, Besetzung und tiefem Register eingängig veranschaulichte.
Die Welten verband unter letztem Parade-Block „Destiny“ Nicolas Gomberts Mort et fortune, das im Barock zur Tanzweise La Monica reifte. Mit klanglich frischem Zug setzte ihn die RWM zu Eustache Du Caurroys Fantasies sur une jeune fillette und Girolamo Frescobaldis Partite in die eigene Welt: die einnehmender Blockflöten, welche Geschichte emotional ins Heute beamen.















