Halbszenische Darbietungen mag ich eigentlich nicht. Sie sind für mich weder Fisch noch Vogel. Das neueste Exempel ereignete sich am Verbier Festival, und es bestätigte mein Urteil. Den Anlass bildete das 20-Jahr-Jubiläum des Verbier Festival Chamber Orchestra. Zur Feier wollte man die Erfolgsserie mit Mozarts Da-Ponte-Opern, die 2022 mit Don Giovanni begonnen hatte und 2024 mit Le nozze di Figaro weitergeführt wurde, nun mit Così fan tutte abschließen. Am Dirigierpult stand auch diesmal Gábor Takács-Nagy, der Gründer und musikalische Direktor des VFCO.

Der Stoff dieser Oper, 1790 in Wien uraufgeführt, ist auch heute noch brandaktuell. Im Zeitalter von Swingerparties und Polyamorie scheint das Liebesexperiment, das Lorenzo da Ponte in seinem Libretto und Mozart in seiner Musik anstellen, direkt aus unseren Tagen zu stammen. Angestiftet vom desillusionierten Don Alfonso, der nicht an eheliche Treue glaubt, gehen die Offiziere Guglielmo und Ferrando eine Wette ein, dass ihre beiden Verlobten, Fiordiligi und Dorabella, eben anders seien als die übrigen Frauen, dass sie „treu wie Penelope“ seien. Das zynische Experiment Don Alfonsos bringt dann allerdings ein überraschendes Resultat hervor...
Die halbszenische Realisierung in Verbier geschieht wie folgt: Es gibt keine eigentliche Regie, sondern eine Mise en espace, die von John Fisher, dem Cembalisten des Orchesters, stammt. Es gibt ein Bühnenbild, Kostüme, Requisiten und eine angedeutete Personenregie. An der Rückwand der Bühne in der Salle des Combins sehen wir im ersten Akt einen Meerhafen, im zweiten Akt eine romantische Flusslandschaft. Guglielmo und Ferrando erscheinen zuerst in Militäruniform, dann in orientalischen Gewändern, ihre Verlobten stecken in eleganten langen Kleidern. Die Zofe Despina verkleidet sich fallweise in einen Doktor und einen Notar. Als Requisiten dienen ihr ein Magnet und ein Heft mit zwei Ehekontrakten. Während das Orchester in der Mitte der Bühne spielt, bleibt an der Rampe und auf den Seiten Platz für das szenische Geschehen. Was will man noch mehr?

Was fehlt, ist die persönliche Handschrift eines Regisseurs, der das Geschehen nicht nur bebildert, sondern ihm eine bestimmte Deutung liefert. Diese könnte psychologischer Art sein: Sie könnte zeigen, dass die „falschen“ Paare eigentlich die richtigen sind, dass Mozart Ferrando und Fiordiligi durch die hohen Stimmlagen Tenor und Sopran, Guglielmo und Dorabella dagegen durch die tieferen Lagen Bariton und Mezzosopran einander zuordnet. Die Deutung könnte auch soziologischer Art sein: Sie könnte aufdecken, dass nicht die in die Falle gelaufenen Frauen die Schuldigen sind, sondern die Männer, allen voran Don Alfonso, die diese Fallen gelegt haben. Durch die Absenz einer solchen Deutung bleibt die Darbietung letztlich unverbindlich.

Würdigen wir also die musikalischen Aspekte der Aufführung. Beim Sänger-Cast entschied man sich, mit Ausnahme von Don Alfonso, für junge, aufstrebende Sängerpersönlichkeiten um die Dreißig. Eine reizvolle Wahl bestand darin, dass die beiden verlobten Schwestern des Stücks auch im wahren Leben Schwestern sind – geboren in Schweden und ausgebildet in Wien. Johanna Wallroth als Fiordiligi und Rebecka Wallroth als Dorabella erzielen in der Mischung von gleichen Gefühlsschwankungen, aber unterschiedlichem Umgang damit eine starke Wirkung. Der helle Sopran und der ernsthaftere Charakter von Fiordiligi unterscheidet sich dabei vom dunkleren Mezzo und der experimentierfreudigeren Art von Dorabella. Ähnliche Unterschiede lassen sich auch bei Guglielmo und Ferrando feststellen. Der deutsche Bariton Konstantin Krimmel gibt Guglielmo als lebenslustigen und temperamentvollen Burschen mit klangvoller Stimme. Und der Italiener Giovanni Sala alias Ferrando zeigt sich als lyrischer Tenor voller Empfindungen. Sehr schön kommen diese Charaktere im Quintett „Sento, o Dio, che questo piede“ im ersten Akt zum Vorschein.
Der Fünfte im Bunde, Don Alfonso, kann darstellerisch allerdings nicht mithalten. Der ursprünglich für diese Rolle vorgesehene Starsänger Bryn Terfel wurde ohne Angaben von Gründen durch Luca Pisaroni ersetzt. Der italienische Bassbariton besitzt zwar eine sonore Stimme und Mozart-Erfahrung, erfüllt aber die Rolle des Drahtziehers überhaupt nicht; er erscheint eher als ein Getriebener der Handlung denn als deren Steuermann. Großes Vergnügen bereitet hingegen Anna El-Khashem als Despina. Die russisch-libanesische Sopranisten erfüllt die Rolle der Zofe mit prallem Leben und sorgt immer wieder für Lacher im Publikum.

In bester Form zeigt sich das Verbier Festival Chamber Orchestra. Alle seine Mitglieder sind durch die Schule des Verbier Festival Orchestra gegangen und nehmen heutzutage Positionen in den europäischen Spitzenorchestern ein. Der charismatische Takács-Nagy schweißt die Individualisten zu einem homogenen Mozart-Ensemble zusammen. In seiner wirbeligen Art schafft er einen Ausgleich zwischen dramatischem Vorwärtsschreiten und lyrischem Verweilen, zwischen Leichtigkeit und Tiefgründigkeit. Bei der Continuo-Begleitung der Rezitative hätte man sich neben dem Cembalisten John Fisher, der souverän auf die Sänger eingeht, gerne noch einen Solocellisten gewünscht. Hervorragendes leisten insbesondere die Holzbläser und die Hörner. Als Beispiel sei das Rondo „Per pietà, ben mio, perdona“ im zweiten Akt erwähnt. Ergreifend, wie Fiordiligi hier ihre Zerrissenheit offenbart und wie diese Gefühlslage im Wechselspiel von Streichern sowie Holzbläsern und Hörnern reflektiert wird.
Thomas Schachers Pressereise wurde vom Verbier Festival bezahlt.





















