Ton Koopman hat sich dem Gesamtwerk Johann Sebastian Bachs verpflichtet. Allerdings auch jenem Dietrich Buxtehudes, der protestantischen Lübecker Orgelkoryphäe, von deren Fähigkeiten und Erfahrungen Bach viel aufsaugen wollte und vor Ort konnte. Nicht verwunderlich, dass Koopman Präsident sowohl des Leipziger Bach-Archivs als auch derjenige der Lübecker Buxtehude-Gesellschaft ist. Vor seinen Auftritten beim Bachfest Leipzig brachte er beide Leibkomponisten mit seinem Amsterdam Baroque Orchestra & Choir im Programm „Zeit und Ewigkeit“ zusammen. Dafür ging es ganz bewusst mal wieder in Koopmans Geburtsstadt Zwolle. In das Academiehuis Grote Kerk mit seiner berühmten Schnitger-Orgel, wo Koopmans Zeit selbst begonnen hatte für ein Leben als Chorist, Organist, Cembalist und Dirigent, getreu barocker Vorgänger.

Unter mächtig imposanter, ebenfalls die Konzertüberschrift äußerlich schon demonstrierende Orgel nahmen die Ensembles Aufstellung. Koopman und Gattin Tini Mathot an den Truhenorgeln, Instrumentalsolist Antoine Torunczyk an der Oboe, um begonnen mit Bachs Weimarer Kantate – in barock-norddeutschem Stimmton 465 Hz – Weinen, Klagen, Sorgen, Zagen, BWV12, vor allem der betrauerten irdischen Vergänglichkeit in Demut und Andacht Raum zu geben. Keine Exzentrik also, beispielsweise in auffälligen Tempi oder Harmonieakzenten, wenngleich Torunczyk sukzessiv expressivere Töne anschlagen durfte, sondern anmutige Bedacht mit feiner Dynamik zum mahnenden Motto des „Bedenkens“. Sie zog sich zugleich durch die Arien, die elegant phrasierende Lara Morger, diktions- und farbgesetzter Klaus Mertens sowie noch etwas staksig und schüchtern, doch zärtlich und in kleinen Notenwerten genau agierender Soloneuling Maarten Romkes verständlichkeitsaffin gestalteten.
Auch die Mühlhäuser stile-antico-Kantaten Aus der Tiefen rufe ich, Herr, zu dir, BWV131, und Gottes Zeit ist die allerbeste Zeit, BWV106, ergossen sich in diesen besonnen-weich ausgerichteten Klangzügen. Wirkte Mertens' Aria der Psalmkantate BWV131 in der Akustik leider allerdings eher verloren, der Chor in der „Und er wird Israel erlösen“-Fuge zunächst etwas unsicher und Romkes' Tenor zuweilen noch zu unausgereift, gefielen jedoch dessen originelle „wartet“-Verzierungen in „Meine Seele wartet auf den Herrn“, Torunczyks flehensanlehnende wie auffangende Oboe sowie beide Cantus-firmus-Erscheinungen der Chorallieder durch Sopran und Alt.
Mit den Altblockflöten Reine-Marie Verhagens und Inês d'Avenas in BWV106 kam schließlich wieder die ausgemachte runde Kontur zurück, die die ersten Takte der Sinfonia plötzlich hatte vermissen lassen. Romkes konnte in seinem dortigen Arioso seinen besten, weil in Darstellung und Entschlossenheit stimmigsten Einsatz einbringen; Mertens weise und väterlich-milde, mit der beim „im Paradies“ erst intonationsunpässlichen, dann entschieden und gewohnt beweglich-solideren Vox Christi von sich hören machen, Morger in „In deine Hände befehl ich meinen Geist“ ebenfalls mit einer gewichtigeren Erinnerung an die Worte Jesu am Kreuz in Erscheinung treten.
So einerseits konsequent diese Koopman'sche interpretatorische Sprache in der Klage, so andererseits oftmals verschütt gingen zu meinem Bedauern die Kontraste zur Veranschaulichung der – selbst konzerttitelgebenden – tröstlichen Verheißung auf die himmlische Ewigkeit. Das Hauptmanko, dem sich besonders Amelia Berridge jedoch glücklicherweise erkenntnisbewusst und vom Vokalnaturell her wunderbar entgegenstellte, als sie in BWV106 die Erlösungserwartung „Ja, komm, Herr Jesu!“ eindrücklich, in inspirierender Frische und ätherisch-spährischer Reinheit äußerte. Wie ein Leitstern und lockendes Zünglein funkelte und formulierte ihr vitaler Sopran mit behände betonter und deutlicher Text- und Affektgebung zudem in Buxtehudes Kantaten Bedenke, Mensch, das Ende, BuxWV9, (im passenden Terzett mit Sopran Elisabeth Blom und Mertens) und Befiehl dem Engel, daß er komm, BuxWV10, (im SATB-Vokalquartett), die somit insgesamt ansprechender und gehalttreffender gerieten.
Dazu bei trugen außerdem die gefühlvoll-alerten ABO-Streicher im norddeutsch-hochbarocken Dialekt. Abendlich gewählter Ausdruck bestimmte freilich Buxtehudes Klag-Lied, BuxWV76b, in dem Morger über dem herzlich warmen Summen von Gamben, Violone und Orgel sowohl ihr Mezzo-Register als auch ihre angenehme, phrasierungs- und betonungsgestützte, liebliche Klarheit und sensibel umsorgte Textlebendigkeit entfalten konnte. Über die Vergänglichkeit, hier des irdischen Daseins Buxtehudes eigenen Vaters, deren Lauf eben mit der Geburt beginnt.


