Es ist vieles ungewohnt in diesem Idomeneo von Mozart am Staatstheater Nürnberg. Die erste Opern-Einrichtung des jungen Regisseurs David Bösch, 2013 in Basel herausgebracht, kam hier nun als Koproduktion mit der Opera Vlaanderen hier auf die Bühne und gleichwohl ist den Nürnbergern ein Coup gelungen: eine abwechslungsreiche und bedeutungsschwere Inszenierung, die Barbora Horáková und Lutz Schwarz für das Haus eingerichtet haben, und ein beeindruckendes musikalisches Zusammenspiel aller Akteure unter der Leitung des Generalmusikdirektors Marcus Bosch.

Ilker Arcayürek (Idomeneo), Alex Kim (Arbace), Ida Aldrian (Idamante) © Ludwig Olah
Ilker Arcayürek (Idomeneo), Alex Kim (Arbace), Ida Aldrian (Idamante)
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Mit dem Krieg der Trojaner und Griechen hatte bereits die Saisonpremiere des Staatstheaters zu tun – in der dramatisch-romantischen Fassung von Hector Berlioz. Dass nach Kriegsende die insbesondere seelischen Aufräumungsarbeiten erst anfangen, hat Mozart zum Thema seines Idomeneos gemacht. Bösch zeigt dies bereits während der Ouvertüre in einem Film cartoonesker Kinderzeichnungen, wie alles in Troja begann, wo der Kreterkönig Idomeneo zehn Jahre seines Lebens mit Belagerung und Eroberung der Stadt verbracht hatte und nun auf dem Rückweg in Seenot geriet. Wie auch die trojanische Prinzessin Ilia und die kleinasiatischen Kriegsgefangenen in Kreta strandeten und auf ungewisse Zukunft warten. Durch den Krieg gezeichnet, versprach Idomeneo Neptun für Rettung kaltblütig das erste Wesen, das ihm am Strand begegnen würde. Dieses Opfer ist ausgerechnet sein Sohn Idamante, den er als Kleinkind verließ und nun als jungen Mann kaum wiedererkennt. Bösch interessiert sich genau für Idomeneos abweisend-ambivalentes Verhalten gegenüber dem Sohn und die Frage, wie Idamante sich vom moralisch angeschlagenen Vater lösen kann. Vollends wird das Drama zur komplizierten Vierecksbeziehung, da Ilia und Idamante nach gemeinsamer Kindheit spielen, sich necken und verlieben und die mykenische Prinzessin Elettra, auf der Flucht vor dem Orestie-Drama, sich Chancen für eine Liaison mit Idamente ausrechnet.

Ina Yoshikawa (Ilia) und Ilker Arcayürek (Idomeneo) © Ludwig Olah
Ina Yoshikawa (Ilia) und Ilker Arcayürek (Idomeneo)
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Patrick Bannwart und Falko Herold haben in großem Bühnenraum Bretter, Sand, Strandspielzeug und Kindermöbel arrangiert: Sinnbilder der Kindlichkeit von Ilia und Idamante. Sie lassen einen funkelnden Sternenhimmel erstrahlen, nutzen das Segel von Idomeneos Boot oder den Vorhang von Idomeneos Zimmer als Projektionsfläche für kommentierende Videosequenzen. Neptun erscheint als illumiertes Krakenungeheuer von der Bühnenkuppel herab, als Kronleuchter gar über Idomeneos Thronsitz. Im dritten Akt wird eine Mischung aus Schlachtfeld, Friedhof, Kreuzen in Videozuspielungen und einem überdimensional-zentralen Holzkreuz Kulisse für Leben und Tod der Protagonisten, für Elettras Eifersuchtsgefühle sowie Festrausch und Konfettiraketen der Freude von Idomeneos geretteten Kretern. Es sind vielleicht fast schon zu viele deutende Anspielungen, und waren Kreuze um 1000 vor Christus wirklich Grabschmuck?

Ilker Arcayürek (Idomeneo), Alex Kim (Arbace), Ina Yoshikawa (Ilia), Ida Aldrian (Idamante) © Ludwig Olah
Ilker Arcayürek (Idomeneo), Alex Kim (Arbace), Ina Yoshikawa (Ilia), Ida Aldrian (Idamante)
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Die zweite Aufführung im Opernhaus stand unter dem ungünstigen Stern der Grippesaison, die einen unruhigen Chor von Hustern ins Parkett geschickt hatte und die Sängerin des Idamante völlig ausfallen ließ. Für letztere hatte der Dramaturg innerhalb eines Tages eine spontane Lösung gefunden: die Regieassistentin Annika Nitsch spielte die Rolle szenisch intensiv; die Mezzosopranistin Maria Kataeva, 2016 mehrfach beim „Meistersinger von Nürnberg“-Wettbewerb ausgezeichnet, sang die musikalische Partie von der Bühnenseite.

Das Staatstheater konnte jedoch alle Rollen aus eigenem Ensemble vorzüglich besetzen. Im Zentrum der junge Tenor Ilker Arcayürek, kürzlich noch mit einem Schubert-Soloprogramm in Londons Wigmore Hall zu hören. Seine intensive Verkörperung des traumatisierten Königs Idomeneo war stimmlich wie darstellerisch souverän und hoch beeindruckend. Sein „Willkommen ist mir die Weisung der Götter“ kam glaubhaft, wie immer im griechischen Drama in auswegloser Verstrickung zwischen familiären Beziehungen, politischen Zwängen und dem Götterwillen: Wenn du einen Sohn verlierst, gewinnst du Hunderte der Götter! Das Libretto von Gianbattista Varesco erlässt ihm am Ende die Opferung des Sohnes; zur Bewältigung der Kriegsfolgen sollen Idamante und die geliebte Ilia eintreten.

Chool Seomun (Oberpriester) und Ilker Arcayürek (Idomeneo) © Ludwig Olah
Chool Seomun (Oberpriester) und Ilker Arcayürek (Idomeneo)
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Für Böschs Schlussszene eines Idomeneo, der sich gebrochen und gescheitert mit Gift in die Leichen des Friedhofs reiht, geben Mozarts jubelnde Dankgesänge des Kretervolks nur wenig Hinweise. In Nürnberg wurde die ursprüngliche Variante einer Mezzosopran-Besetzung des Idamentes gewählt, die feminin-lyrische Aspekte der Rolle betont. Dies wurde auch in den geteilten szenisch-gestischen sowie vokalen Partien intensiv ausgespielt. Dabei konnte Maria Kataeva mit delikater und präziser Stimmführung, exakter Intonation und weit gespanntem Ausdrucks-Spektrum naturgemäß mehr profitieren.

Bereits in der großen Einleitungsarie im ersten Akt beeindruckte Ina Yoshikawa als leidende und liebende Ilia und mit lyrischen wie dramatischen Sopranhöhen. Ihre vokale Klasse machte die Duette und besonders das große Quartett im dritten Akt zu Höhepunkten des musikalischen Abends. Isabel Blechschmidt zeichnete differenziert und impulsiv die Verzweiflung einer Elettra, die am Ende alles verliert. Alex Kim sorgte als weiser wie verschmitzter Arbace auch für heitere Momente.

Ilker Arcayürek (Idomeneo), Ida Aldrian (Idamante), Ina Yoshikawa (Ilia) © Ludwig Olah
Ilker Arcayürek (Idomeneo), Ida Aldrian (Idamante), Ina Yoshikawa (Ilia)
© Ludwig Olah

Als „Herzensangelegenheit“ hatte Marcus Bosch die Erarbeitung des Idomeneo bezeichnet, und unter seinem prägenden Dirigat spielten die Philharmoniker in Höchstform, mit kräftig attackierender Blechgruppe, vorzüglichen Holzbläsern und zwischen mild-seidigem Glanz und schroffer Dramatik wechselnden Streichern. Für nachdenkliche Ruhepunkte in den Rezitativen sorgte Marie-Elise Boyer in kluger musikalischer Rhetorik am Hammerklavier. Tarmo Vaask hatte Chorsänger und Extrachor des Theaters auf die zahlreichen Auftritte stimmlich bestens vorbereitet, und auch darstellerisch entfalteten sie mit dramatischer Verve den Wechsel der Stimmungsbäder von Kretern und Trojanern.

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