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Nichts als Schall und Rauch: Händels Rinaldo an der Oper Frankfurt

Von , 18 Januar 2019

Rinaldo liebt Almirena, Armida liebt Rinaldo, Argante liebt erst Armida, dann Almirena... Händels erste italienische Oper, die den Beginn seiner 30 Jahre währenden Opernkarriere in London markierte, beschäftigt sich ganz und gar mit den Irrungen und Wirrungen der Liebe und all ihren Höhen und Tiefen. Die bereits 2017 während ihrer ersten Spielzeit gefeierte Produktion von Ted Huffman avancierte schnell zum Publikumsliebling und kehrt nun erneut in das Bockenheimer Depot zurück. Die Dependance der Oper Frankfurt – ein ehemaliges Straßenbahndepot – wird regelmäßig als Spielstätte für zeitgenössische Stücke, Experimentalmusik und Barockopern genutzt und erweist sich für Rinaldo als äußerst passende Location.

Jakub Jósef Orliński (Rinaldo) und Karen Vuong (Almirena)
© Barbara Aumüller

Im Mittelpunkt der Inszenierung wird das ganze Gefühlsspektrum von Intrigen, Verrat, Hass, aber auch Vergebung, Liebe und Leidenschaft gerückt. Dass die Oper auf Torquato Tassos Epos La Gerusalemme Liberata (Das befreite Jerusalem) basiert und zur Zeit des ersten Kreuzzugs spielt, lässt man hier bewusst außen vor – ein zu vernachlässigendes Detail in Huffmans Produktion. Statt eines Ritterdramas entführt uns der Regisseur in eine Art Sommernachtstraum und lässt die Liebenden in einem Zauberwald aufeinandertreffen. Es überrascht kaum, dass Huffman, der sich besonders mit der Inszenierung zeitgenössischer Stücke einen Namen gemacht hat, eine so erfrischende Lesart ohne religiösen Pathos geschaffen hat.

Jakub Jósef Orliński (Rinaldo)
© Barbara Aumüller

Die nur aus einer schrägen, kargen Rampe bestehende Bühne wird zum Spielort für allerlei Fabelwesen, Furien und Krieger. Allen voran Jakub Józef Orliński, der den Ritter Rinaldo mit einer Jugendhaftigkeit eines griechischen Gottes porträtiert. Seine Bühnenpräsenz ist jedoch nicht nur seiner unglaublichen Körperbeherrschung, sondern auch seiner geradezu geheimnisvoll anmutenden und stark emotionalen Stimme zu verdanken. Orlińskis Arie „Cara sposa“ schien aus den traurigsten Tiefen seiner Seele zu erklingen. Der 28-jährige polnische Countertenor sang die Partie mit einer seinesgleichen suchenden Mühelosigkeit. Ebenso beeindruckend war neben seiner stimmlichen auch seine körperliche Beweglichkeit, die es ihm erlaubte sich nahezu drei Stunden auf der Bühne mit diversen, an Breakdance anmutenden Tanz- und Kampfszenen zu verausgaben.

Zusammen mit der Choreografie von Adam Weinert, dem Bühnenbild von Annemarie Woods und den Kostümen von Raphaela Rose schafft Huffman es, trotz der minimalistischen Erzählweise ein emotional packendes Drama zu kreieren, in dem ganz auf eine ausdrucksstarke Bewegungssprache und ergreifende Gefühlswelten gesetzt wird. Das kreative Team arbeitet mit der Visualisierung von mystischen Symbolen und mythologischen Tableaus. Licht und Schatten, sowie Laut und Leise werden eindrucksvoll eingesetzt. Alles wirkt abstrakt, dennoch greifbar und erfahrbar.

Elizabeth Reiter (Armida)
© Barbara Aumüller

Die Zauberin Armida wurde von der Sopranistin Elizabeth Reiter als wahre Rachegöttin dargestellt. Von Nebelschwaden angekündigt betrat sie mit ihren bedrohlichen Furien die Bühne. Stimmlich zog sie dabei alle Register. Von ihrem leichten lyrischen Sopran sollte man sich dennoch nicht täuschen lassen, denn in den dramatischeren Passagen wusste sie ebenso zu beeindrucken – darstellerisch und stimmlich. Ein ihr ebenbürtiges Gegenüber war Karen Vuong. Die amerikanische Sopranistin verkörperte eine zarte, zerbrechlich wirkende Almirena. Mit ihrer jugendlich-reinen, fast schon naiv wirkenden Art und sehr agilen Stimme verzauberte sie das Publikum. Ihr überaus gefühlvolles „Lascia ch’io pianga“ schien auch viele Stunden danach noch nicht zu verhallen – es beeindruckte, bezauberte und berührte. Der Bassbariton Gordon Bintner trat als Argante mit klarer, ausdrucksstarker Stimme auf. Auch Julia Dawson als Goffredo und Daniel Mirosław als Eustazio führten das hohe Niveau stimmlich fort.

Gordon Bintner (Argante)
© Barbara Aumüller

Der seit der Spielzeit 2017/18 als Kapellmeister angestellte Simone Di Felice übernahm erneut die musikalische Leitung der Produktion und befähigte das Frankfurter Orchester zu einem wahren Barockensemble. Ebenso geschmeidig wie präzise spielten sie unter Felices Dirigat und bewiesen einmal mehr, welch geeignete und spannende Spielstätte das Bockenheimer Depot mit seiner einzigartigen Akustik für Barockmusik ist. Die historischen Instrumente, Blockflöten und Vogelpfeifen schufen ein wahres musikalisches Arkadien-Idyll, während die Continuogruppe äußert souverän und wagemutig spielte. Wer trotz der orchestralen Virtuosität ein wenig an leidenschaftlichem Spiel vermisste, kam im dritten Akt ganz auf seine Kosten, als das Orchester besonders aufbrausend mit einem grandiosen Finale aufwartete.

Mehr als 300 Jahre nach Rinaldos Uraufführung verliert die Oper nichts an ihrer Aktualität und Regisseur Ted Huffman greift mit seiner Inszenierung die zentralen Themen von Liebe, Hass und Vergebung gekonnt auf und schafft zwischen Märchenwelt und Zauberwald einen willkommenen Eskapismus, in den man sich nur zu gern hineinbegibt, um Händels zeitlos schöner und berührender Musik zu lauschen.

*****
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“alles wirkt abstrakt, dennoch greifbar und erfahrbar”
Rezensierte Veranstaltung: Bockenheimer Depot, Frankfurt am Main, am 16 Januar 2019
Programm
Händel, Rinaldo
Darsteller
Oper Frankfurt
Simone Di Felice, Dirigent
Ted Huffman, Regisseur
Annemarie Woods, Bühnenbild
Raphaela Rose, Kostüme
Karen Vuong, Almirena
Elizabeth Reiter, Armida
Julia Dawson, Goffredo
Jakub Józef Orliński, Rinaldo
Gordon Bintner, Argante
Daniel Miroslaw, Eustazio
Adam Weinert, Choreographie
Frankfurter Opern- und Museumsorchester
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