Für dieses Konzert musste man schnell sein! Am 6. November kündigten die Berliner Philharmoniker auf ihrer Internetseite vollkommen überraschend ein außerplanmäßiges Konzert im Internet für die Woche darauf an. Eine Woche zuvor hatte das Orchester sein letztes öffentliches Konzert noch mit einem (Anti-)Paukenschlag enden lassen: 4'33" von John Cage besteht aus drei Sätzen mit jeweils einer Spielanweisung: Tacet (Schweigen). Damit wollten die Musiker unter ihrem Chefdirigenten Kirill Petrenko auf die in ihren Augen ungerechtfertigte Schließung aller Konzertsäle vom bis Ende November hinweisen: „Wir, die Musikerinnen und Musiker der Berliner Philharmoniker, haben kein Verständnis für die erneute Schließung unseres Konzertbetriebs und sämtlicher kultureller Einrichtungen. Insbesondere die freien Kulturschaffenden haben bereits große Einbußen hinnehmen müssen und wir alle werden mit den Konsequenzen der erneuten Schließung noch für Jahre zu kämpfen haben. Die Kulturlandschaft hat die Situation ernst genommen – jetzt bitten wir darum, ernst genommen zu werden.“

Kirill Petrenko
© Frederike van der Straeten

Aber diese Musiker wären eben nicht die Berliner Philharmoniker, wenn man nicht noch alles probiert hätte, um in großer Besetzung wenigstens online und ohne Publikum spielen zu dürfen. Das Orchester sieht es nun auch als ein Privileg, dass es weiterspielen darf. Dazu gab es wie im Fußball ein aufwendiges Test-Management. Am Tag vor der ersten Probe wurden alle Musiker getestet, die Ergebnisse gab es schon am Abend. Am zweiten Probentag wurde wieder getestet. Außerdem saßen die Musiker nicht so eng wie gewöhnlich. Es wurde auf individuelle Wünsche einzelner Orchestermitglieder Rücksicht genommen: Manche Kollegen saßen wie gewohnt zu zweit am Pult, aber mit größerem Anstand, andere hatten sich dazu entschlossen allein am Pult zu sitzen.

Seine Achte Symphonie komponierte Dimitri Schostakowitsch 1943 innerhalb von nur 40 Tagen als ein Requiem nach der Schlacht um Stalingrad. Dem Dirigenten Kurt Sanderling zufolge, der Schostakowitsch persönlich kannte, wollte Schostakowitsch jedoch auch „den Schrecken des Lebens eines Intellektuellen in der damaligen Zeit“ beschreiben. Kirill Petrenko, seit dem Sommer vorigen Jahres fast einstimmig gewählter Chefdirigent der Berliner ist ein Mann mit enorm ausdrucksstarken Gesichtszügen. Er dirigierte leidenschaftlich: forderte, beschwichtigte, lächelte, explodierte und inspirierte mit all seinen Emotionen das Orchester zu wundervollen Klangorgien. Petrenko strahlte Energie aus, sein Dirigat war nicht nur deutlich, es war zwingend. Der Soloflötist des Orchesters Emmanuel Pahud beschrieb Petrenkos Führungsstil einmal folgendermaßen: „Die Unvermeidlichkeit kommt nicht – Du kommst.” Selten habe ich eine so intensive Chemie zwischen einem Dirigenten und seinen Musikern beobachten können. In Petrenkos Mimik spiegelte sich sowohl die Tragik als auch die hölzern-tänzerische Fröhlichkeit von Schostakowitsch Musik. Im Largo schwebte der Schmerz beinah tastbar im Raum als Petrenko mit sparsamsten Bewegungen das Hornsolo dirigierte. Der letzte Satz Allegretto begann danach übergangslos mit einem zögerlich wiegendem Fagottsolo. Wenig später kommt die Flöte fröhlicher daher. Konzertmeister Noah Bendix-Balgley fing in seinem Solo Schostakowitsch unterdrückte Angst ein bevor Olaf Maningers Cello die Atmosphäre wieder besänftigte. Das Werk endete nach etwas mehr als einer Stunde auf einem eisigen Orgelpunkt: unendlich langsam und schwebend. Petrenkos Blick ging nach dem Schlussakkord nach oben, wo er regungslos verharrte. Im letzten Shot ließ die Kamera das Orchester unter sich in Düsternis gehüllt verschwinden.

Die Vorstellung wurde vom Livestream der Berliner Philharmoniker rezensiert.

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