Die unbeantwortete Frage scheint im Mittelpunkt zu stehen an diesem Abend bei den Berliner Philharmonikern. Schon sein Beginn lässt keinen Zweifel daran, dass es hier weniger um Antworten als um das Aushalten des Ungewissen geht. Lahav Shani spannt mit dem Orchester einen dramaturgischen Bogen, der nicht auf schnelle Erfüllung zielt, sondern auf das beharrliche Umkreisen von Unsicherheit.

Charles Ives The Unanswered Question fungiert dabei nicht bloß als Auftakt, sondern als gedankliches Fundament. Der Orchesterklang liegt sonor und voll im Raum, beinahe wie ein atmender Klangteppich, der sich Zeit und Richtung entzieht. Einsam, klar, unbeirrbar: Weit oben, aus einer Empore hoch in den philharmonischen Weinbergen, stößt die Trompete (David Guerrier) ihre Frage in den Raum. Shani arbeitet dieses Spannungsverhältnis präzise heraus: Klang gegen Stille, Gewissheit gegen Zweifel. Die Unsicherheit wird nicht dramatisiert, sondern ausgestellt, als etwas, das bestehen darf, ohne aufgelöst zu werden. Eine musikalische Frage, die nicht drängelt.
Dieser Ansatz setzt sich auch im Violinkonzert Nr. 1 von Dmitri Schostakowitsch fort, nun jedoch in dunkleren Farben. Das Orchester klingt dunkel-basisch, klagend, fast lamentierend – ein tiefer Resonanzraum, in dem Daishin Kashimotos Violine nicht dominieren, sondern existieren muss. Kashimoto spielt mit einem gesetzten, reifen, erwachsenen Ton. Kein Aufbegehren scheint hier hörbar. Kein demonstratives Leiden, vielmehr ein reflektiertes Weitertragen der Frage.
Im ersten Satz spannt Shani einen zurückhaltenden Hintergrund, aus dem sich feine Steigerungen entwickeln. Solist und Orchester bewegen sich in Gegenrichtungen, ohne einander zu überwältigen – ein kontrolliertes Kräftemessen, das Wert auf Dialog legt. Auch der zweite Satz baut auf diese Spannung: Die Orchesterwogen schlagen hoch. So hoch, dass Kashimotos Violine trotz größter Anstrengung stellenweise im Klang zu verschwinden droht. Man hört gern zu, zweifellos – doch bleibt Schostakowitsch hier auf Sicherheitsabstand. Die Musik bleibt an der Oberfläche des Dunkels, nie ganz existenziell, nie so nah, dass sie unter die Haut geht.
Die beiden finalen Satz verdichten das Geschehen. Wieder Zurückhaltung, wieder das Beharren auf dem Unbeantworteten. Kashimotos Ton wirkt nun im besten Sinne atemlos, suchend, melancholisch – als lausche die Violine ihren eigenen Fragen. Die Kadenz wird zum emotionalen Zentrum des Stückes: emphatisch, tiefgründig, plötzlich ohne Absicherung. Der Knoten platzt. Orchester und Solist nehmen Fahrt auf, Schostakowitschs Charme und Gewitztheit blitzen auf, die Funken sprühen. Rückblickend fügt sich alles zusammen: Es ist eine Interpretation, die von hinten Sinn macht, deren lange Zurückhaltung erst im Finale ihre Rechtfertigung findet. Großer Applaus.
Auch in Antonin Dvořáks Symphonie Aus der Neuen Welt sucht Shani weniger die große Geste als das Spannungsfeld der Gegensätze. Im Adagio kostet er Pausen aus, setzt Stille gegen Klang, setzt daran Kontraste auszuloten. Der Klang ist schwelgerisch, aber zurückhaltend, die Holzbläser rücken immer wieder in den Mittelpunkt; die Streicher bahnen sich glänzend, silbrig schillernd ihren Weg. Shani hütet sich jedoch davor, sich und das Orchester den Klangmassen hinzugeben, setzt auf noble Zurückhaltung und eine feine Abstimmung der Orchestergruppen, auch wenn die Streicher bisweilen die Oberhand gewinnen. Der zweite Satz wird zum kontemplativen Zentrum der Symphonie. Feierlich und raumumspannend, scheint sich der Klang organisch zu entwickeln. Dirigent Shani leitet das Orchester mit sanften Gesten, fast beiläufig. Dominik Wollenwebers Englischhorn singt ätherisch über langen Linien. Die Berliner Philharmoniker atmen als eins, Genuss pur.
Im folgenden Scherzo bleibt die angestrebte tänzerische Leichtigkeit jedoch Versprechen. Eine grundierende Schwere, stellenweise auch Schärfe im Zusammenspiel, verhindert traumwandlerische Eleganz. Immer wieder drohen die Streichen die anderen Orchestergruppen zu überdecken. Während in den ersten beiden Sätzen der Klang aus sich selbst zu entstehen schien, wirkt das abschließende Allegro con fuoco eher aufgesetzt, lautstark, weniger organisch gewachsen. Immer wieder strafft und dehnt Shani die Tempi. Das wirkt auf der einen Seite suchend – fast als stelle er auch an Dvořák noch einmal die große Frage – und gleichzeitig kann man sich den Eindruck einer unnötigen Hast anstelle einer grandiosen Fulminanz nicht erwehren.
Nicht alles geht restlos auf, nicht jede Spannung löst sich ein. Doch gerade darin liegt die Konsequenz dieses Konzerts: Es sucht nicht nach schnellen Antworten, sondern nach Resonanz. Und die entsteht – leise, dunkel, tastend. Ein Panorama des Fragens, von Ives existenzieller Offenheit über Schostakowitschs tastende Innenschau bis zu Dvořáks ambivalenter Neuen Welt. Manchmal etwas glatt, wenig riskant. Ein Abend, der nicht zuspitzt, sondern ordnet – und vielleicht gerade darin seine Stärke findet.

