Obwohl Bachs h-Moll-Messe – wie für so viele – für mich das absolute Lieblingswerk bleibt, üben Zelenkas geistlichen Vokalstücke genauso unumstößlich einen großen Reiz auf mich aus. Auch wenn beim Böhmen, den Bach sehr schätzte und der – im Gegensatz zu dessen Ausflüge für die gemeinsame Titelverleihung als Kirchencompositeur in Dresden – tatsächlich immer für die Hofkapelle schrieb, ebenfalls einiges im Dunkeln liegt, gibt es ziemlich gute Quellen über sein Wirken.

Wroclaw Baroque Orchestra und ensemble polyharmonique
© NFM Wroclaw

Eine davon ist Zelenkas Inventar, welches er über den Bestand von Notenmaterial seiner zahlreichen (bearbeiteten) Kollegen und vollends aus sich selbst enstprungenen Errungenschaften führte. Darin fehlen allerdings ausgerechnet seine sechs geplanten und davon drei fertiggestellten Missae ultimae, von denen die Missa Dei Patris die erste dieser letzten Vertonungen darstellt. Man weiß dennoch, dass sie – ebenfalls in Übereinstimmung zu Bach – seinen kompositorischen Höhepunkt im Angesicht der Tatsache bilden, dass Zelenka stets um wahre Anerkennung bei seinem Dienstherren, August dem Starken, rang. Jener Dienstherr war als König von Polen ab dem 22. September 1740 auf dem Weg in sein Reich nordöstlich Sachsens. Von daher lässt sich wiederum ableiten, dass Zelenka seine Missa einen Tag zuvor vollendet hatte, die jetzt Alexander Schneiders Vokalensemble polyharmonique zusammen mit dem Wroclaw Baroque Orchestra unter der Gesamtleitung Jaroslaw Thiels in einem Stream für das Early Music Day Festival zu Gehör brachte.

Jaroslaw Thiels
© NFM Wroclaw

Das Kyrie I strömte dabei viel Einfühlungsvermögen und Weichheit aus, was im Vergleich zu den wortführenden tschechischen Ensembles einerseits zunächst die Befürchtung nach einem etwas zu gedämpften Temperament nährte, andererseits aber mit dem Einsatz des Chores einen größeren Spannungsbogen bereithielt, der im Verlauf dynamisch weiter geschärft wurde. Die Akzentuierung und Balance nahm dabei Rücksicht auf die Achtköpfigkeit der Gesangsstimmen, der eine Durchhörbarkeit immanent war, die das typisch Zelenka'sche Mit- und Gegeneinander von Vokalem und Instrumentalem in überdeckenden Repetierungs-, Triller- und diminutionsartigen Lauf-Figuren sowie Synkopen-Versetzungen offenbarte. Es ist jene unverkennbare Sprache des Komponisten, die eine Herzenslust und Energie ausstrahlt, mit der sich der liturgische Rahmen für die Predigt der Ehrfurcht und des Lobes doch einfach gewandter vermitteln lässt. So steckte das schnellere Kyrie II bereits rhyhtmisch an, das ein – ebenso auffällig für Zelenka – anmutig, teils schwebend und dennoch eindringlich durch Joowon Chung, Piotr Olech und Matthias Lutze terzettiertes Christe eleison umschloss.

Wroclaw Baroque Orchestra und ensemble polyharmonique
© NFM Wroclaw

Diese Merkmale machten das Gloria sehr lebhaft und abwechslungsreich, besonders durch die herausgearbeitete wunderbare Durchführung der „Gratias agimus tibi“-Passage. Kontrastreich gelungen ebenfalls das Qui sedes mit seinen zuckenden Pulsierungen in Abgrenzung zum liegend klagenden „Miserere“, das einem dramatischer besetzten Domine Deus und dann einem Domine Filii folgte, in dem Altus Olech ein klein wenig angestrengt klang, sich die abgestimmte Zurückhaltung – oder besser: Balance – des WBO jedoch bezahlt machte. Das nächste Terzett wartete im Quoniam nun auf Magdalene Harer, Johannes Gaubitz und Cornelius Uhle, die den gleichsam geschmeidigen wie gepfefferten Satz anregend, edel und melodiös eingängig gestalteten. So drang auch das ähnlich gehaltene, aber doch expressivere und kühnere Cum sacnto spiritu des Tutti herüber, wobei mir der Vorlauf eben noch beredter erschien.

Munter wirbelte schließlich die zentrale Stelle der Messe, die Credo-Sequenz, um meinen Kopf, zumindest ja was die feierlich spritzigen Sätze des Credo in unum Deum (mit mächtigerem Ausruf) und des Et resurrexit mit seinen freudig-flitzenden, überreich „abgedrehten“ Stilelementen samt einnehmend römisch-katholischer Hymne und griffig-verspielt gestanztem „et vitam“-Statement angeht. Die Farben und pietätvollen bis ungehaltenen Umgangsformen des Leides formulierten die Ensembles genauso klang- und textintensiv wie den kurzen, preisenden Sanctus-Abschnitt, in dessen Mitte Bass Lutze ein geschmeidig warmes, liniengeführt phrasiertes Benedictus stellte. Nicht ganz so opernhaft ist das Agnus Dei I, dennoch versuchte Schneider durch mit langsamstem Tempo herausgeforderten Atem und Volumen, der Einzelstimme des Friedensrufs Ausdruck zu geben, ehe dies alle vereint im Dona nobis pacem beschwingt und beseelt in der Abrundung zum Beginn taten.


Die Vorstellung wurde vom Stream des Early Music Day Festivals rezensiert.

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