Anzüge mit stark femininen Komponenten, Make-Up, Sopranstimme, manchmal mit Abgleiten in seine natürliche Lage: Bruno de Sá spielt auf lockere und bewusste Art mit den geschlechtlichen Identitäten. So wie es im Barock bei aller vermeintlich entgegengesetzten, aber doch aus rigiden Verboten resultierenden Strenge die Freiheit der Bühne geschmacklich erfordert hat. Jene Eigenschaften führten bei Sopranisten, Kastraten genannt, und den Komponisten, die sich um sie rissen, teils zum gegenseitigen Status eines Influencers; ähnlich dem heutigen Interesse und mancher PR-Überlegung, mit diesen jeweiligen Besonderheiten, Fähigkeiten und aufgebrochenen Diskussionen um Geschlechter und ihren Rollen für Aufmerksamkeit zu sorgen.

Dorothee Oberlinger stellte mit de Sá ein Programm, fast zur Hälfte aus ihrer Zusammenarbeit namens „Baroque Influencer“ übernommen, um die aus päpstlichem Theater-Dekret erwachsene Accademia-dell’Arcadia-Notensetzer Alessandro Scarlatti, Corelli, Händel, Giovanni Battista Bononcini und Nicola Antonio Porpora zusammen, das diese Gemengelage aus Historie und Aktualität widerspiegelte. Zum Start einer kleinen Tour aufgeführt beim diesjährigen Resonanzen-Festival im Wiener Konzerthaus, bei dem Oberlinger saisonale Porträtkünstlerin ist und das ihre Ausgabe unter das Motto „Les femmes“ stellte, um Emanzipation, Ermächtigung und Erscheinungen in Rückblick und Verknüpfung zum Heute zu reflektieren.
Heraus kam ein Konzert, das nicht nur oben beschriebene Grenzen, sondern auch solche zwischen Mensch und Natur verschwimmen ließ, indem de Sá und Oberlinger als jeweilige allegorische Nachtigallenkehlen oder befederte zoologische Stars zum Ausdruck personifizierter Sternchenqualität um die Wette ihrer Künste zirpten. Und so mit ihrem Instrument Einfluss und Erfolg auf sensationsreproduzierende Weise zum Besten gaben, wofür sich Oberlingers solistisch angetretenes Ensemble 1700 als vertrauter sowie mit knackig entflammter Verve und profunder Gefühligkeit ausgestatteter Begleiter präsentierte. Neben stimmungsvollen Saitenzupfern Axel Wolfs Laute oder generell kontrastgewaltiger, besonders temporeicher Extreme von Streichern und Basso continuo unterstützte Kontrabassist Kit Scotney mit dem Vogl-Pfeiferl das lautmalerisch einnehmende Gezwitscher Oberlingers und ebenfalls mit Imitationsholz bewaffneten de Sás in Scarlattis Arie „Più non m’alletta“ aus Il Giardino d’Amore beziehungsweise Venere e Adone genannter Serenata, deren Vorläufer-Sinfonia zu Venere e Amore den abendlichen Auftakt besorgt hatte.
Konnte de Sá, diesmal in flamingopinkem Anzug samt Seidentuch und absatzgeprägten Ankleboots, mit weichem Volumen und affektbeflissener Intensität zu Bononcinis „Partir vorrei“ aus Polifemo erstmals in Erscheinung treten, befand sich die stürmische, durch rhythmische Energie reißende Bravura-Arie „In braccio a mille furie“ aus Porporas Semiramide riconosciuta bei allem Sprengverständnis allerdings an lagengeschmacklicher, diktionsbeschränkter und technischer Kante des ohrgefälligen Vertretbaren. Seine ätherisch-farbliche Stärke vermochte er dagegen besonders reizend im Arioso „Ombra mai fu“ Bononcinis Xerse auszuspielen, als er wunderwandelnd durch das Parkett schritt. Durch selbiges und Bühne tanzte de Sá dann zum ausgelassenen Schlusschor „Farfalletta che segue d’amor“ Bononcinis Polifemo, nach dem das stilistisch nicht zu exaltierte, dafür ehrfürchtig bei sich bleibende „Tu del ciel“ aus Händels Trionfo zu Beifallssalven des erfreuten Publikums veranlasste.
Die rief auch Oberlinger hervor, als sie einmal mehr mit Alto, Soprano und Flautino die Messlatte für ornamentierte und rasante Virtuosität von Fingern, Atem und Zunge in hohe Wipfel katapultierte. Ob in Händels nach der Blockflötensonate HWV 369 bearbeiteten Fassung des Orgelkonzerts, Op.4 Nr.5 oder in Geminianis Version Corellis Sonata in F, Op.5 Nr.10, der vokal-expressive, geschmeidige, forsche und koloraturrankende Wahnsinn offenbarte sich allgegenwärtig mit beeindruckender Leichtigkeit, mit Charme und mit emotionsgebannter Präsenz. Ein Doppel-Rezital, das letztlich Frauen und Männer in den Glanz musikuniversaler Begeisterungsegalité rückte.

