Reisen erweitert den Horizont. Und es öffnet die Ohren. Jahrelang war ich zufrieden mit Konzerten in London... bis ich andere Konzertsäle gehört habe. Ich habe die letzte Woche in Paris verbracht und neben der Maison de la radio auch dreimal die Philharmonie besucht. Im Oktober habe ich zum ersten Mal die Berliner Philharmonie besucht. Als die Berliner Philharmoniker den das erste Fortissimo vor dem Allegro vivace in Beethovens Vierter anstimmten, verstand ich genau, warum Sir Simon Rattle ein neues Konzerthaus für London will. Alle drei oben genannten Häuser stecken alles in den Sack, das London zu bieten hat.

Das Barbican, wie Michael Tilson-Thomas mir letztes Jahr berichtet hat, besitzt eine gute Akustik... nur nicht genug davon. Das Auditorium ist breit und der Klang an beiden Seiten kann extrem schlecht sein. Die Cadogan Hall ist in Ordnung für historische Orchester und Kammerkonzerte, aber es ist akustisch zu eng für einen mächtigen Prokofjew eines Symphonieorchesters. Die Royal Albert Hall ist wunderschön, von innen wie von außen, doch sie ist ein entsetzlicher Konzertsaal: in vielen Plätzen bekommt man das Konzert sogar zweimal zu hören, so immens ist der Hallraum. Ich würde gerne den Detonationsknopf drücken und sie dem Erdboden gleich machen, wenn sie nicht unter Denkmalschutz stünde – es wäre ein idealer Standort für den neuen, von Rattle vorgeschlagenen Saal.

Die Royal Festival Hall war lange mein bevorzugter Veranstaltungsort für Konzerte. Sie liegt nahe an Waterloo und ist damit viel besser aus dem Süden Londons zu erreichen als das Barbican. Die Akustik habe ich hingenommen, weil ich es einfach nicht besser wusste. Knochentrocken, Basspräsenz und Wärme fehlen, habe ich mich an den Klang gewöhnt... es ist ein bisschen, als würde man eine Aufnahme anhören, bei der die Höhen bis zum Anschlag aufgedreht sind. Die teure Modernisierung hat an de Akustik wenig geändert, obwohl großartige Dirigenten – und großartige Orchester – sie halbwegs annehmbar klingen lassen können. Aber ich werde den Blick perplexen Schreckens nicht vergessen, als eine Pariser Freundin letzten Frühling ihr erstes Royal Festival Hall-Konzert besuchte – Bruckners Vierte, bei der die massiven Akkorde auf Höhe des Parketts verhallten. Warte nur, bis du die Akustik in der Philharmonie hörst, wurde mir versprochen. Sie hatte nicht Unrecht.

Die Philharmonie ist keine Freude für das Auge. Ihr Äußeres wird mit einem rostigen Raumschiff verglichen, das im Parc de la Villette abgestürzt ist, und dessen reflektierende Aluminiumhaut im Sonnenlicht gleißt. Innen sieht man nur asymmetrische Kurven und Sitzplätze in einer Arena, was bedeutet, dass das Publikum nie weit vom Geschehen entfernt ist. Die Sitze sind bequem, bieten aber kaum Beinfreiheit. Aber der Klang! Die Akustik besitzt eine wunderbare Wärme und Pracht, mit einem Nachhall von einigen Sekunden, selbst für ein historisches Ensemble wie Insula Orchestra. Spielt dort ein größeres Orchester etwas Schwereres als Beethoven, strahlt der Klang geradezu. Es war ein Erlebnis, das Orchestre de Paris mit einer brennenden Interpretation von Schostakowitschs Fünfter Symphonie zu hören, die Musiker gestaffelt gesetzt, der Klang kompakt aber klar genug, um jedes instrumentale Detail zu hören. Die Akustik ist so perfekt, dass sie für Solo-Klavierrecitals nicht besonders geeignet ist: Khatia Buniatishvili Haydn-Sonate wurde oft von Hustern im Publikum gestört, die glockenhell durch den Saal hallten. Aber als Orchestersaal ist die Philharmonie enorm beeindruckend und sie kann es durchaus mit ihrem illustren Berliner Namensvetter aufnehmen.

Genauso gut – vielleicht sogar besser – ist das runde Auditorium der Maison de la radio von Radio France, die ich letzten Donnerstag besucht habe. Gerade modernisiert ist es ein prächtiger Saal, mit hölzernen Paneelen verkleidet, die den Publikumsraum in eine warme Umarmung hüllt. Wie in der Philharmonie sind auch hier die Sitzplätze in einer Arena angelegt, doch ihre Kapazität von 1461 Sitzen (etwa 1000 weniger als ihre glänzende neue Nachbarin) bedeutet, dass die größte Entfernung zwischen Publikum und Bühne weniger als 17 Meter beträgt. Der Klang ist großartig, wunderbar voll und doch klar, die Sitze sind bequem, und die Lage an der Seine – wie ein gigantischer Camembert – ideal. Bezüglich der Statur ist es nur der zweite Saal in Paris, doch wenn ich anschaue, was wir in London habe, möchte ich weinen vor Neid.

Warum würden wir so etwas verdammt Gutes für London nicht wollen? Wenn man den Klang in diesen Sälen gehört hat und sich danach mit dem Barbican begnügen soll ist es, als begnüge man sich mit Instantkaffee, wenn man einen frischen Café au lait haben kann. Nächste Woche werden sowohl meine Freundin in Paris als auch ich das Los Angeles Philharmonic Orchestra mit Mahlers Dritter besprechen, sie in der Philharmonie, ich im Barbican. Wer wird wohl das zufriedenstellendere Konzerterlebnis haben?



Aus dem Englischen übertragen von Hedy Mühleck.