Laut des Programmheftes verlangt der Komponist Jörg Widmann an einem Punkt seiner Oper Babylon, dass sich der Chor in 94 Teile teilt. Ich hoffe, es handelt sich dabei nur um einen Druckfehler, aber Babylon ist ein eine furchtlose, ehrgeizige und anspruchsvolle Komposition. Die beeindruckende Vorstellung beim Holland Festival, geleitet vom unerschrockenen Markus Stenz, wurde zu Recht bejubelt. Jedoch ist Peter Sloterdijks deutsches (mit babylonischen Anwandlungen versehenes) Libretto zu abstrakt für eine konzertante Aufführung. Bei einer Dauer von drei Stunden könnte das Werk von ausgewählten Kürzungen profitieren.

<i>Babylon</i> © Hans van der Woerd
Babylon
© Hans van der Woerd

Die Oper spielt zur Zeit des babylonischen Exils der Juden und verfolgt den Konflikt zwischen Apollinisch (Vernunft, Temperament, Judentum) und Dionysisch (Instinkt, Lust, Babylonische Götter). Tammu, ein jüdischer Gefangener, ist zerrissen zwischen der Seele, seiner jüdischen Geliebten, und der verführerischen Inanna, Babylonische Priesterin im Tempel der freien Liebe. Nachdem Tammu den Göttern geopfert wurde, steigt Inanna hinab in die Unterwelt, um ihn zurückzuholen, eine Geschlechter-Umkehrung des Orpheus Mythos. Die Seele-Körper Dichotomie wird durch ein Nietzsches Ende gelöst. Liebe besiegt den Tod und überwindet kulturelle Unterschiede. Nachdem sie eine schmalzige Barkarole singen, löst sich die Seele in Licht auf, während Tammu und Inanna in einem Raumschiff davonfliegen. Der Turm zu Babel stürzt ein und eine neue Weltordnung wird hergestellt, unterteilt in Sieben-Tage-Wochen, eine Babylonische Erfindung. Alle Götter werden für machtlos erklärt.

Die Handlung, oder eher die philosophische Abhandlung, wird in sieben Szenen erzählt, die von Mal zu Mal kürzer werden, wie die immer schmäler werdenden Stufen eines Zikkurats. Ein Skorpionmensch singt einen Prolog in einer post-apokalyptischen Landschaft und kommt für den Epilog zurück, während welchen er sich selbst sticht, verdoppelt sich, die verdoppelten Hälften teilen sich wieder und wieder. Ich kann nicht sagen wofür er steht, aber Kai Wessel, ein fantastischer Countertenor, beschwor mit Widmanns verworrener Atonalität eine brennende Zerstörung herauf.

Das Libretto tut sowohl zuviel als auch zu wenig. Es bauscht mit erklärenden Monologen, obskuren Forderungen, Schöpfungsmythen und biblischen Anspielungen auf. Die Trompeten, die die Mauern von Jericho zum Einsturz bringen, erinnern an epische Filmfanfaren. Bei sieben Tore zur Unterwelt gibt Inanne ein Kleidungsstück ab, um diese zu öffnen, und sieben sind die singenden Planeten. Beim Neujahrsfest tanzen und singen zwei Genitalienseptette, ein männliches und ein weibliches; die Musik ist fröhlich, karnevalsartig, der Text jedoch ist didaktisch und humorlos. Während wir mit biblischen Ausdrücken beworfen werden, vergisst Sloterdijk darauf, die drei Hauptrollen auszuarbeiten. Tammu, Inanna und die Seele bleiben vage allegorische Figuren, was es schwierig macht, Zuneigung für sie und ihr Schicksal zu empfinden. Der menschlichste Charakter ist der Fluss Euphrat, der die biblische Flut beklagt. Wagner-Veteranin Gabriele Schnaut öffnete die Schleusen ihrer gewaltigen Stimme und rüttelte den Saal wach, sang und trug jede Silbe mit überwältigender Klarheit vor. Widmanns Flutmusik ist furchteinflößend, aber Schnaut war es noch mehr.

Bei der Premiere in München in 2012, erhielt Babylon eine bildlich überaus aufwendige Inszenierung von Carlus Padrissa, welche die Öffentlichkeit sofort begeisterte. So innovativ strukturiert die Musik ist, sie kann nicht für die Flauten in der Handlung entschädigen. Sie ist jedoch verführerisch, überschwänglich und überwältigend. Wie ein See ruheloser Farben schwillt sie ständig zu immensen Flutwellen an. Die Vorstellung des Menschenopfers in den tiefen Registern des Orchesters erreicht durch sparsam eingesetzte Mittel einen Hauch Eloquenz. Kein Lobgesang kann Stenz und dem Niederländischen Radio Philharmonieorchester gerecht werden, welche die Musik in all ihren Facetten zeigten. Gastinstrumente des hundertköpfigen Orchesters waren unter anderem ein Akkordeon, ein Heckelphon, ein Klavier und eine Orgel. Beim metalllastigen Schlagwerkregister stand außerdem ein Wasserglas. Widmans Polystilistik beinhaltet freie Atonalität, Wagnersche Umfänge, Spätromantik, Bayerische Bierzelt-Ausgelassenheit und ein wiederkehrendes an West Side Story erinnerndes Liebesduett. Stenz und seine Musiker hatten für alle Stile das richtige Gespür. Das gleiche galt für den Niederländischen Kammerchor und den Niederländischen Radiochor. Sie waren großartig in den dichten, massiven Polyphonien und exakt in den Septetten und gesprochenen Chören.

Die Solisten waren ebenfalls allesamt überzeugend. Marisol Montalvo (Inanna) und Guibee Yang (die Seele) stachen durch ihre Koloraturen jenseits des hohen C hervor. Yang sang mit opalartiger Schönheit. Montalvo lieferte mit ihren unglaublich schwülstigen Zeilen den Reiz, den dieser Charakter ausmacht. Die Rolle des Tammu dürfte eigentlich gar nicht existieren. Sie verlangt ein volles Orchester wie ein Heldentenor zu führen und gleichzeitig geschmeidig in lyrischen Stellen zu sein. Jussi Myllus, der lyrische Tenor, der diese Rolle sang, bewältigte dies bewundernswert. Robert Bork lieh seinen abgeklärten Bassbariton dem Priesterkönig und sein Falsetto und andere Spezialeffekte der Göttin des Todes. Bassbariton Simon Duus war als Scribe eine Luxusbesetzung, und Tenor Steven Ebel ein sicherer Priester. Schauspieler Franz Tscherne war ein überzeugender Ezechial, Anführer der Juden, und die zwei Soprane des Tölzer Knabenchores überbrachten goldene Nachrichten. Sie alle machten den Besuch dieser Vorstellung unglaublich lohnenswert.

 

Aus dem Englischen übertragen von Elisabeth Schwarz.

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