In einer idealen Welt würde die Oper Köln nicht Jahre, nachdem der Bau ihres neuen Theaters abgeschlossen sein sollen hätte, noch immer in einer zeitweiligen, gemieteten Unterkunft spielt. Und in einer idealen Welt sollte man in der Lage sein, Bernsteins „komische Operette“ Candide ohne die Hilfe von Mikrophonen aufführen zu können. Doch so sieht die Realität nun einmal aus. Choreograph Adam Coopers Inszenierung, eine Koproduktion mit dem Münchner Gärtnerplatztheater, wo man die Produktion vor einem Jahr zum ersten Mal zeigte, wurde in die niederen Ausstellungsräume des Kölner Staatenhauses gezwängt, was auch bedeutete, dass das Gürzenich-Orchester und Dirigent Benjamin Schwarz hinter dem Vorstellungsraum versteckt waren.

Alexander Franzen (Pangloss) © Paul Leclaire | Oper Köln
Alexander Franzen (Pangloss)
© Paul Leclaire | Oper Köln

Dahin liegt das größte Problem hier: es wurde für notwendig befunden, die Musiker wie die Sänger mit Mikrophonen auszustatten, mit dem Ergebnis, dass das Orchester als sehr grobe Mauer von schlecht abgewogenem Klang herüberkommt, harsch, basslastig und mit dem Eindruck, es spiele eher mono als stereo – von Surround Sound ganz zu schweigen. In schlechten Momenten zeigt das jede Unsauberkeit im Spiel, und es gab genug solcher Augenblicke, dass es schwer zu glauben, war, dass dies dasselbe Orchester war, das in diesem Gebäude nur wenige Monate zuvor so göttlich Ravel gespielt hat.

Gideon Poppe (Candide) und Emily Hindrichs (Kunigunde) © Paul Leclaire | Oper Köln
Gideon Poppe (Candide) und Emily Hindrichs (Kunigunde)
© Paul Leclaire | Oper Köln

Coopers Produktion selbst ist farbenfroh, schnittig und gewitzt, wenngleich sie nicht über die oberflächlichen Tollereien hinausgeht, um die Umstände der Wurzeln des Stückes in den USA McCarthys näher zu betrachten, in denen Bernstein und seine Kollaborateure (viele kamen und gingen im Laufe der Zeit) neue Resonanz auf Voltaires Satire über die Philosophie des Optimismus sahen. Rainer Sinells offenes Bühnenbild ergab eine geradlinige Spielbühne, überschaut von einer riesigen, historischen Weltkarte, auf der die Stationen von Candides pikaresker Reise hilfreich genau angegeben wurden. Die englischen Texte zu den Musicalnummern wurden beibehalten, doch Dialog und Erzählung wurden ins Deutsche übersetzt – nicht so befremdlich wie man es vielleicht erwartet hätte und verständlich, wenn man sich mit der Aufgabe konfrontiert sieht, einen deutschen Reim für den Geburtsort der Alten Dame Rovno Gubernia zu finden, der zum Englischen „hernia“ passt...

Letztendlich ist es jedoch ein Abend, der mithilfe der Sänger glückt. Ihre Verstärkung war ein wenig besser kontrolliert als die des Orchesters, doch es gab trotz allem merkwürdige Diskrepanzen zwischen Auge und Ohr und man hatte das Gefühl, die meisten Sänger hätten auch ohne Mikro gut genug projizieren können, wenngleich es mit dem Dialog half. Eine Ausnahme war vielleicht der Voltaire/Pangloss/Cacambo/Martin von Alexander Franzen, ein Musicalspezialist mit der unbehauenen, wenig subtilen Stimme, die mit dem Job kommt. Seine Bühnenpräsenz war beeindruckend, doch seine Gesangsnummern schienen ihm nicht gut im Register zu liegen und in seinem „Dear Boy“ im zweiten Akt fiel er zu offensichtlich in Manierismen von Adolph Greens denkwürdiger Gestaltung dieser Rolle in Bernsteins eigener Kultaufnahme zurück.

Emily Hindrichs (Kunidunge), Gideon Poppe (Candide) und Dalia Schaechter (Alte Dame) © Paul Leclaire | Oper Köln
Emily Hindrichs (Kunidunge), Gideon Poppe (Candide) und Dalia Schaechter (Alte Dame)
© Paul Leclaire | Oper Köln

Der Rest der Besetzung jedoch hätte kaum besser sein können. Gideon Poppe, der in der Titelrolle sein Debüt an der Oper Köln machte, ist ein sehr schöner lyrischer Tenor mit herrlichem Legato und einem meisterlichen Sinn für Phrasierungen. Emily Hindrichs, eine bekannte Königin der Nacht auf dem Ring der Zauberflöte, gab eine Kunigunde mit echter Klasse mit ausnehmend guter Diktion (nicht immer einfach in hoher Lage), klanglicher Ebenheit und großer Musikalität, am packendsten in „Glitter and Be Gay“. Dalia Schaechter gab eine muntere und stimmlich beeindruckende Alte Dame, John Heuzenroeder einen eloquenten Gouverneur (zusammen mit einem halben Dutzend anderer kleiner Rollen) und Wolfgang Stefan Schweiger dominierte seine Szenen als selbstverliebter Maximilian. Die übrige Besetzung entstammte überwiegend dem Opernchor, der in puncto Bühnendisziplin ein wenig lax schien, aber einhellig und konzentriert sang.

 

Aus dem Englischen übertragen von Hedy Mühleck.

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