Es ist modern, Opernregisseure dafür zu kritisieren, dass Sie ihre Ideen auf Kosten der Musik durchsetzen, doch im Falle der Inszenierung von Mozarts Hochzeit des Figaro des norwegischen Regisseurs Stefan Herheim für Hamburg, die 2015 Premiere feierte, ist Musik überall. Wortwörtlich. Die Kostüme (Gesine Völlm) und das gesamte Bühnenbild (Christof Hetzer) setzen sich aus Seiten aus Mozarts Manuskript zusammen. Zu Beginn der Ouvertüre kann der Hörer sogar der Partitur folgen, als die Seiten auf einem großen Kinobildschirm entlangblättern, bevor die Töne selbst den Akkoladen entfliehen und der Spaß beginnt, dank der Animation des allgegenwärtigen Duos fettFilm.

<i>Le nozze di Figaro</i> © Karl Forster
Le nozze di Figaro
© Karl Forster

Kleine Strichmännchen entstehen aus Mozarts Federstrichen, das Streben nach Liebe beginnt und in einer Szene kulminiert, in der die weibliche Strichfigur von einem Schwarm Spermien verfolgt wird. In dieser Oper geht es schließlich um Sex. Und um diese Tatsache zu betonen, ist das einzige Möbelstück in der tunnelartigen, manuskriptbedeckten Leere, die das Bühnenbild darstellt, ein großes Doppelbett, auf dem sich alle wichtigen „Aktionen“ ereignen, und auf dem die Darsteller wie von Zauberhand erscheinen – es ist ein Trick, den Herheim in seinem berühmten Bayreuther Parsifal genutzt hat und der seiner meisterlichen Bühnenkunst abermals Tribut zollt. Selbst Cherubinos Flucht aus dem Schlafzimmer der Gräfin ist ein Sprung ins Nichts vom Kopfteil.

<i>Le nozze di Figaro</i> © Karl Forster
Le nozze di Figaro
© Karl Forster

Ja, es ist ehrfurchtslos, doch alles kommt aus der Musik und der Handlung selbst. Cherubinos Teenage-Verliebtheiten werden zu „Non so più“ mit weiteren witzigen Animationen untermalt, und im größten Coup de théâtre des Abends, auf dem Höhepunkt des Chaos’ und der Verwirrung am Ende des zweiten Aktes, fallen die 1500 Manuskriptseiten, die auf der Innenseite des Bühnenbildes kleben, zu Boden und enthüllen ein käfigartiges Rahmengestell, wiederum aus Zeilen von Mozarts Musik erstellt – die Figuren sitzen in der Falle. Auf eine Weise bedeutet das, dass die Inszenierung ihren Höhepunkt zu früh erreicht, und dass die Akte III und besonders IV im „Garten“ nicht den gleichen visuellen Eindruck machen wie der Rest, doch man kann sehen, worauf Herheim in seiner Anordnung der Charaktere auf der Bühne hinauswill.

Wilhelm Schwinghammer (Figaro) © Karl Forster (2015)
Wilhelm Schwinghammer (Figaro)
© Karl Forster (2015)

Diese erste Wiederaufnahme wurde großteils mit Hamburger Ensemblemitgliedern besetzt, eine weitere Rechtfertigung dessen, dass ein Kern von angestellten Sängern im Zentrum jeder Opernkompanie stehen sollte, die etwas auf sich hält. Wer braucht teuer eingeflogene Stars für ein alltägliches Repertoirestück, wenn das eigene Team den Job so gut macht wie hier? Viele Darsteller waren Veteranen des Premierenlaufes, einschließlich des unverblümten Figaro von Wilhelm Schwinghammer (der mit einem solchen Namen auf die Rolle des Donner festgelegt sein sollte), Iulia Maria Dans wohlgezeichneter Gräfin und Dorottya Lángs draufgängerischem Cherubino. Neu waren Alexey Bogdanchikovs robuster, aber eloquenter Graf und eine selbstsichere Susanna von Hayoung Lee. Die übrigen Solisten – Fabrizio Beggi (ein starker, sonorer Don Bartolo), Katya Pieweck (Marcellina), Jürgen Sacher (Don Basilio), Peter Galliard (Don Curzio), Franz Mayer (Antonio) und Opernstudiomitglied Nareo Son (Barbarina) – trugen alle zum Erfolg der Vorstellung bei. Das gilt auch für Michele Gambas Dirigat in einer charmanten, verspielten Lesart, weder zu sehr traditionell noch festgefahren in obsessiver historischer Aufführungspraxis.


Aus dem Englischen übertragen von Hedy Mühleck.

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