Es sei Ihnen verziehen, wenn Sie noch nie etwas von Cinq-Mars gehört haben – weder von Gounods 1877 komponierten Oper noch von der historischen Figur, die diesem Werk seinen Namen gibt. Die elfte Rarität, die vom Centre de la musique française im Palazzetto Bru Zane neu belebt und mit dessen Hilfe aufgezeichnet wurde, bekommt nach Felicien Davids Herculaneum (aufgeführt letztes Jahr in Wexford) die erste Neuinszenierung seit dem 19. Jahrhundert. Die Oper Leipzig, dessen Generalmusikdirektor und Intendant Ulf Schirmer die Aufnahme dirigierte, meisterte die Herausforderung.   

Mathias Vidal (Cinq-Mars) © Tom Schulze
Mathias Vidal (Cinq-Mars)
© Tom Schulze

Und Cinq-Mars? Er war ein Liebling König Ludwigs XIII. zur Mitte des 17. Jahrhunderts in Frankreich, der hier in einem Libretto, basierend auf Alfred de Vignys historischen Roman von 1826, in eine verräterische Verschwörung gezogen wird, den allmächtigen Kardinal Richelieu zu stürzen, vertreten durch den skrupellosen Père Joseph. Richelieu stellt sich auch in den Weg von Cinq-Mars und seiner geliebten Marie, die den König von Polen heiraten soll. Die Verschwörung wird allerdings erkannt und bevor er mit Marie flüchten kann wir Cinq-Mars gefangen genommen und hingerichtet. Sein bester Freund, der Bariton De Thou, bleibt bis zuletzt an seiner Seite – nur eine von vielen Gemeinsamkeiten mit Verdis Don Carlos.

<i>Cinq-Mars</i> © Tom Schulze
Cinq-Mars
© Tom Schulze

Aber Gounods Oper ist ein ganz anderes Biest. Obwohl die Handlung die einer klassischen Grand opéra ist, wurde Cinq-Mars (in Eile) für die Pariser Opéra-Comique komponiert und sollte ursprünglich unzählige Dialoge enthalten, die jedoch durch Rezitative für die Aufführungen in Mailand ersetzt wurden. Die Partitur ist dementsprechend etwas einfach in der Gliederung und schwach in der Entwicklung der Charaktere: Das langgezogene Divertissement nimmt im zweiten Akt gleich viel Zeit in Anspruch wie das tragische Finale. Trotzdem ist es voller dramatischer Momente und unwiderstehlich unbeschwerter Lyrik, nicht zuletzt in Maries „Nuit resplendissante et silencieuse”, für sich allein ein bescheidener Hit.

Ich muss gestehen, dass ich an dem Stück auf der CD-Aufnahme so meine Zweifel hatte, und manche dieser Zweifel blieben. Aber die Leipziger Inszenierung erweckt Cinq-Mars (hier als Der Rebell des Königs bezeichnet) so überzeugend und fesselnd zum Leben, dass diese Bedenken zu bloßen Fußnoten degradiert wurden. Drei Stunden – inklusiver einer in der Mitte des langen zweiten Satzes angesetzten Pause – verflogen wie im Nu.

Die meiste Anerkennung sollte dem Regisseur Anthony Pilavach gebühren, dessen Glaube an das Werk in jedem Detail sichtbar wird. Er entlockt den Sängern exzellente Darbietungen in einer klugen Inszenierung, die eine klare Handlung fordert, unterstrichen durch den gelungenen Einsatz von Extras.

Mathias Vidal (Cinq-Mars), Jonathan Michie (de Thou), Fabienne Conrad (Prinzessin Marie de Gonzague) © Tom Schulze
Mathias Vidal (Cinq-Mars), Jonathan Michie (de Thou), Fabienne Conrad (Prinzessin Marie de Gonzague)
© Tom Schulze

Markus Meyers Design bietet eine leicht ironische historische Eleganz, die Handlung spielte innerhalb zweier konzentrischer Goldrahmen. Meistens verwendet er auffällige neobarocke Ebenen, etwas aufwändiger für das Divertissement (witzig choreographiert von Julia Grunwald). An Stellen größter Leidenschaft kann er alles auf ein Minimum reduzieren, untermalt durch Michael Rögers geschickte Beleuchtung. Auch die Kostüme wiesen ein breites Spektrum vom pointiert übertriebenen Barock (Cinq-Mars’ Kostüm erinnerte durchaus an Liberace) bis hin zur dezenten Eleganz Maries auf.

Mathias Vidal sang einen fabelhaften Cinq-Mars. Sein ansprechender, lyrischer Ton vereint elegante Phrasierungen mit reichlich Heldentum. Er spielte mit der erforderten Mischung aus Naivität und anspruchsvoller Intensität in einer Aufführung, die im Laufe des Abends immer besser wurde, und mit einer vorzüglichen Cavatine im Vierten Akt einen Höhepunkt erreicht, ein Highlight des Werkes.

Fabienne Conrad (Princesse Marie de Gonzague) und Mathias Vidal (Cinq-Mars) © Tom Schulze
Fabienne Conrad (Princesse Marie de Gonzague) und Mathias Vidal (Cinq-Mars)
© Tom Schulze

Fabienne Conrad war eine elegante, bewegende Marie und sang mit einem weichen, vollen Ton, auch wenn sie ihn manchmal eher sparsam einsetzte. Jonathan Michie gab einen attraktiv und klar gesungenen De Thou und Mark Schnaible einen resonanten, gebieterischen Père Joseph. Es gab viele schöne Darbietungen, von Danae Kontora (Marion) und Sandra Maxheimer (Ninon), und auch von Sébastien Soules als dandyhafter Viscomte de Fontrailles.

David Reiland dirigierte mit äußerster Überzeugung und entlockte dem Gewandhausorchesters ein höchst elegantes Spiel. Ob Cinq-Mars ein weiteres Comeback über diese Inszenierung hinaus haben wird, ist schwer zu sagen. Aber es ist gewiss, dass diese Inszenierung kaum bessere Argumente dafür liefern hätte können.

 

Aus dem Englischen übertragen von Elisabeth Schwarz.

****1