2007 war eine Produktion mit dem Namen Between the Devil and the Deep Blue Sea der jungen Kompanie 1927 ein sofortiger Erfolg in seinem 40 Sitze zählenden Saal im Rahmenprogramm des Edinburgh Festivals (Fringe). Sie ging auf internationale Tour und wurde in Berlin vom Direktor der Komischen Oper, Barrie Kosky, gesehen, der die Kompanie ohne Umschweife einlud, an einer Neuproduktion der Zauberflöte für die Komische Oper zu arbeiten. Es war eine ungewöhnliche Anfrage, denn Zauberflöten hatten Kosky in der Vergangenheit zu Tode gelangweilt, doch er wusste, dass sein Haus dieses Werk früher oder später doch angehen musste. Für Suzanne Andrade, Direktorin von 1927 mit einem Hintergrund im literarischen Kabarett, und Trickfilmzeichner Paul Barritt war die Welt der Oper völliges Neuland. Sie sagten sofort zu.

Die <i>Zauberflöte</i> der Komischen Oper © Iko Freese, drama-berlin.de 1
Die Zauberflöte der Komischen Oper
© Iko Freese, drama-berlin.de 1

Die Zauberflöte, beschrieben als „Oper der Bilder“ ist das perfekte Werk für diese Talentkollision. Auf dem Papier erscheint die Idee täuschend einfach: das Bühnenbild besteht aus einer großen Projektionsleinwand und mehreren, sich drehenden Plattformen auf verschiedenen Ebenen, die es den Figuren gestattet, in einer Cartoonprojektion aufzutauchen und wieder daraus zu verschwinden. Mit Stimmfilm und dem Berlin der 1920er als Hauptreferenzen kam die visuelle Magie von der absolut verrückten Vorstellungskraft von 1927, die auf diese beliebteste aller Opern losgelassen wurde, um aus einer blanken Leinwand einen Aufruhr von Bildern zu kreieren. Oper und Videoprojektion bilden oft ein merkwürdiges Gespann, doch diese handgezeichneten Figuren kehrten ein kindliches Wundern heraus, umarmten das Publikum mit humanitärer Wärme, wie es diese Oper tun sollte. Eine clowneske Cartoonbesetzung von seltsamen Tieren und mechanischen Kreaturen bewohnen eine Steam Punk-geprägte Uhrwerkwelt, wo eine geflügelte Fee magische Töne verstreut, die Sterne am Himmel zusammen hängt und die Sternzeichen auf einem Tanz durch den Himmel an sich nimmt. Papageno wird von seiner allwissenden, schwarzen Katze begleitet, die im Vogelfangen spektakulär schlecht ist, und als ihm die drei Damen vorübergehend den Mund verschließen, schwebt ein roter, plappernder Cartoonmund neckend um seinen Kopf.

Die <i>Zauberflöte</i> der Komischen Oper © Iko Freese, drama-berlin.de 1
Die Zauberflöte der Komischen Oper
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Die Sänger sind meist stationär auf ihren schwindelerregend hohen Plattformen oder auf Bühnenhöhe, und sie interagieren mit den projizierten Bildern mit eine solchen Timing, das auch bei Bruchteilen von Sekunden nahtlos funktioniert. Bei Vorstellungen an vier aufeinanderfolgenden Abenden waren viele Rollen doppelt besetzt, und die Sänger des Premierenabends waren einheitlich stark. Dominik Königer war ein glückloser Jedermann-Papageno im Stile Buster Keatons, ein warmer Bariton in einem verknitterten, rostfarbenen Anzug, der widerwillig von Tamino, dem in Abendgarderobe gekleideten Allan Clayton mit besonders schöner Stimme, durch das ganze Abenteuer gezerrt wird. Die drei Damen, Nina Bernsteiner, Karolina Gumos und Ezgi Kutlu, waren ein stark gesungenes und amüsantes Ensemble, gekleidet in Glockenhüten und erdfarbenen Mänteln der 1930er in Dreiviertel-Länge mit Fellkragen; sie bliesen Rauchringe und verstreuten Liebesherzen.

Die russische Sopranistin Olga Pudova traf als riesige Spinne mit Bajonettbeinen bei der Rachearie der Königin der Nacht den Nagel auf den Kopf, mit Spitzentönen, die völlig natürlich, nicht ausgeflippt klangen. Ihr Landsmann Dmitry Ivanschenko als Sarastro, wie sein Gefolge in Gehrock und Zylinder gekleidet, zeigte eine wunderbar geglättete Stimme mit viel klingender Tiefe. Die amerikanische Sopranistin Maureen McKay, eine 'Louise Brooks'-Pamina mit heller Stimme, schien in dieser Produktion mehr als genug Schrecken entgegengeworfen zu bekommen: mal wird sie von den roten Messern der Königin der Nacht zirkusartig an die Kulisse gepinnt, dann wird sie in ihrem Bett vom bösartigen Monostatos belästigt. Drei Knaben des Tölzer Knabenchors sangen lieblich und bekamen von der Regie flatternde Insektenflügel.  

Die <i>Zauberflöte</i> der Komischen Oper © Iko Freese, drama-berlin.de 1
Die Zauberflöte der Komischen Oper
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Das Orchester der Komischen Oper Berlin unter Kristiina Poska war superb, arbeitete die Verspieltheit von Mozarts Musik mit filigraner Leichtigkeit heraus und ließ die Sänger stets durchscheinen. Der Chor der Komischen Oper, mal auf der Bühne, mal dahinter, mal in den Logen, war stimmlich gut disponiert; ein paar etwas fransige Momente im Zusammenspiel wurden von Poska sofort aufgegriffen. Dialog wurde mit Untertiteln im Stile eines Stummfilms zu den Klängen von Mozarts Fantasien auf einem Hammerflügel ersetzt.

Koskys und Andrades Regie, verzahnt mit Paul Barritts Animationen, war an sich ein Wunderding, doch auch das unsichtbare Team hinter den Kulissen muss lobend erwähnt werden, das die Sänger in verschiedensten Höhen auf die Rückseite ihrer winzigen Plattformen setzte, in exaktem Zeitplan mit den Filmschnitteinblendungen und der Musik selbst.

Die <i>Zauberflöte</i> der Komischen Oper © Iko Freese, drama-berlin.de 1
Die Zauberflöte der Komischen Oper
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Das Edinburgh International Festival tat gut daran, sich diese Produktion zu sichern, hier gesehen bei ihrer britischen Premiere. Begeisterter Applaus für Besetzung und Musiker steigerte sich noch, als das Produktionsteam auf die Bühne kam – ein herzliches Willkommen zurück in der Stadt für die Kompanie 1927 nach ihrem führen Erfolg im Rahmen des Fringe-Programms. Während Puristen vielleicht mit dieser Inszenierung zu kämpfen haben, so sind es die lebhaften Bilder, die diese Oper noch lange verfolgen werden, und es wird ein paar Jahre dauern, bevor ich Papagenos „Ein Mädchen oder Weibchen“ hören kann, ohne dabei an fliegende rosa Elefanten zu denken.

 

Aus dem Englischen übertragen von Hedy Mühleck.

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