Denjenigen von uns, die erwarteten, dass das Konzert an diesem Abend mit den zarten, einleitenden Akkorden von Beethovens Viertem Klavierkonzert beginnt, stand eine gewaltige Überraschung bevor, den das Management hatte ein zeitgenössisches Werk eingeschmuggelt, ohne davon auch nur ein Wort zu verraten. Das Stück trägt den unwahrscheinlichen Titel58˚58’/1˚19’E-300514 und stammt aus der Feder des unmöglich jung aussehenden Aaron Parker. Obwohl die Entscheidung, dieses Stück geheim zu halten, ziemlich ängstlich schien, so war alles andere daran mutig. Parker gehört nachweislich zur Morton Feldman-Schule der sich nicht entwickelnden und vor allem ausgedehnten Ambient-Musik (wobei einem auch John Luther Adams einfällt). Ein undurchschaubar komplexer Akkord wird beständig bei mäßiger Dynamik wiederholt, subtile Veränderungen werden allmählich auf die Stimmführung und die zunehmend lose Synchronisation übertragen. Über allem bewegen sich die Perkussionisten frei, ihr Beitrag gleichermaßen gedämpft doch andernfalls ohne Bezug. Trotz aller moderater Lautstärke ist dies Musik, die gewagte Aussagen macht und niemandem verpflichtet ist. Halten Sie die Augen nach Aaron Parker offen, er wird in den nächsten Jahren eine charakteristische und wichtige Stimme werden, wenn ihm seine Werktitel nicht in die Quere kommen.

Als Rudolf Buchbinder schließlich auftrat, war es das Warten allemal wert. Buchbinder lebt und atmet Beethoven. Er steht kurz vor seinem 50. vollständigen Sonaten-Zyklus, und sein aktuelles Buch trägt den Titel Mein Beethoven – Leben mit dem Meister . Das Vierte Klavierkonzert ist eines der eigenartigsten und unvorhersehbarsten Werke des Meisters, und Buchbinders Intimität zu sich sein Spiel auf eine einzelne Melodie in der rechten Hand, kurz vor dem Orchestereinsatz. Die Erwartung eines jeden einzelnen Tones war geradezu greifbar.

Nikolaj Znaider kennt man besser als Violinsolist, nicht so sehr als Dirigent; eine Erfahrung, die ihm nachweislich in der Begleitung gute Dienste leistete, und er hielt das Orchester und Buchbinders oft ungewöhnliche Rubati ausgezeichnet zusammen. Nicht, dass das Orchester ihm blind gefolgt wäre. Zum Einsatz kam ein überraschend großer Streicherapparat, und, vielleicht aufgrund seines empathischen Tons, machte das Orchester Buchbinder nur wenige Zugeständnisse mit einer zufriedenstellend symphonischen Interpretation – eine ideale Ergänzung zum gleichermaßen kräftigen Ansatz des Solisten.

Als Dirigent ist Znaider ein Schützling Valery Gergievs (eine Verbindung, die ihm zweifelsohne zum Engagement für diesen Abend verholfen hat), doch bei der Stärke seiner Ersten Mahler-Symphonie ist er eindeutig sein eigener Herr. Anders als Gergiev treibt er die Musik nicht gnadenlos voran, sondern findet Nuancen und Schattierungen in jeder Phrase. Gleichermaßen verschieden von Gergiev gibt er dem Solo im dritten Satz einen einzelnen Kontrabass anstelle eines ganzen Registers. Die Ähnlichkeiten zeigen sich in den Tutti. Beide Dirigenten wissen, wie weit sie mit diesem Orchester gehen können, und die Musiker des LSO haben eine unheimliche Fähigkeit, die Kontrolle über ihren Klang auch in extremer Lautstärke zu behalten. Die Enden des ersten, zweiten und vierten Satzes waren einfach überwältigend, nicht allein wegen ihrer puren Energie, sondern vor allem wegen der Art und Weise, in der die Höhepunkte sorgsam vorbereitet wurden. Znaider schenkt den leiseren Stellen dasselbe Maß an Aufmerksamkeit, doch nicht immer mit dem gleichen Erfolg. Das Gefühl von pastoraler Ruhe zu Anfang beispielsweise gelang ihm nicht so gut, denn die Holzbläsereinsätze schienen etwas willkürlich, ebenso die Tempoänderungen. Auch die ruhigen Zwischenspiele im Finale besaßen nicht den Hauch von urbaner Distanziertheit, die man von Bernstein und seinesgleichen hört. Dennoch war es überwiegend eine überzeugende und fesselnde Darbietung, unvergleichlich aufgewertet durch die Gewandtheit und die unangreifbare Präzision der Londoner Symphoniker.

Aus dem Englischen übertragen von Hedy Mühleck

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