1802. Ludwig van Beethoven sehnt sich nach dem Tod. Noch während seines Aufenthalts in Heiligenstadt bei Wien ist er sich im Spätherbst seines Kuraufenthaltes gewiss, dass er aufgrund seiner fortschreitenden Ertaubung und eines sich verschlechternden, von Koliken gezeichneten Gesundheitszustandes nicht mehr lange auf der Erde weilen wird. Beethoven ahnt nicht, dass er im darauffolgenden Jahr – in dem die im indischen Ozean gelegene Insel Ceylon zur Britischen Kolonie ernannt und in Dänemark der Sklavenhandel verboten wird – seine dritte Symphonie vollenden soll und die Uraufführung seines einzigen Oratoriums, Christus am Ölberg, dirigieren wird.

Lisa Batiashvili und Sir Simon Rattle © Manolo Press | Michael Bode
Lisa Batiashvili und Sir Simon Rattle
© Manolo Press | Michael Bode

1935. Alban Berg wird die Erstaufführung seines Violinkonzertes, Dem Andenken eines Engels, nicht mehr erleben. Vor dem Hintergrund des Inkrafttretens der Nürnberger Gesetze sowie einer zukunftsweisenden Weltausstellung im belgischen Brüssel unterbricht der Komponist im Sommer seines letzten Lebensjahres seine Arbeit an der unvollendet gebliebenen Oper Lulu. Noch bevor er durch die Entzündung eines Insektenstiches erkrankt, widmet er der allzu früh verstorbenen Tochter Alma Mahler-Werfels und Walther Gropius‘ eines seiner letzten Werke. Berg stirbt mit nur 50 Jahren an einer Blutvergiftung.

Die künstlerische Auseinandersetzung mit dem Tod und der Endlichkeit verbindet nicht allein die Lebenswelten der Komponisten Beethoven und Berg, sondern bildet aus unterschiedlichen Blickwinkeln betrachtet und über die zeitliche Diskrepanz von 132 Jahren hinweg den emotionalen Klangraum der Werke Christus am Ölberg und Dem Andenken eines Engels. Gemeinsam mit dem London Symphony Orchestra and Chorus setzte Sir Simon Rattle das instrumentale Requiem für die achtzehnjährige Manon Gropius nun der einzigen geistlichen Passionsmusik im Schaffen Beethovens am Festspielhaus Baden-Baden entgegen.

Elsa Dreisig, Pavol Breslik, Sir Simon Rattle und David Soar © Manolo Press | Michael Bode
Elsa Dreisig, Pavol Breslik, Sir Simon Rattle und David Soar
© Manolo Press | Michael Bode

Gleich einer symphonischen Dichtung zeichnete das London Symphonie Orchestra unter seiner Leitung die Leidensgeschichte jenes jungen Mädchens nach, das Elias Canetti einst als „Engelgazelle vom Himmel“ beschrieben hatte. Die Violinistin Lisa Batiashvili entwarf in ihrem ausdruckstarken Spiel ein vielschichtiges Klangporträt des sterbenden Kindes, dessen anfängliche Verzweiflung, einem über dem feinen orchestralen Klang sich hinaufwindender, spitzer Klageruf des Streichinstruments, schon zu Beginn einen Moment vollkommener Ergriffenheit schuf. Im warmen und ausgewogenen Klang ihrer Guarneri del Gesu ließ sie die sanfte Unbeschwertheit in den von Berg an Kärntner Volkslieder kompositorisch angelehnten Kindheitserinnerungen in lustvoll lebendiger, kraftvoller Weise im Andante ein letztes Mal auferstehen, bevor sich im zweiten Satz das schmerzvolle Sterben in Form eines gewaltigen Zwölftonakkords im expressiven Spiel der Violinistin aufbäumte. Mit äußerster Wandlungsfähigkeit bewegte sich Lisa Batiashivili mit ihrem Instrument im rhythmisch grandios variierten Todeskampf über dem von Rattle feingliedrig abgestimmten Orchester und verlieh der Komposition auf einzigartige Weise in Bergs kunstvoller Variation des Bach Chorals Es ist genug am Ende eine Seele, welche in sanftem Ton, leise und sacht, aus der Welt entschwand.

Dieser einfühlsamen Interpretation für Violine schloss Sir Simon Rattle Beethovens selten gespieltes und in Vergessenheit geratenes Oratorium, in dessen Zentrum Christus vor seiner Ergreifung im Garten Gethsemane steht, an. Hier wählte der in Liverpool geborene Dirigent eine klar konturierte, analytisch durchdachte Sprache, die in der klassisch-strengen Abfolge des Werkes zwischen Rezitativen, Arien und Duetten trotz herausragender Soli der Bläser jedoch wenig Raum für eben jene tiefenpsychologische Sprengkraft ließ, die Lisa Batiashvilis im ersten Teil des Konzertes erschuf. Neben Pavol Breslik, der Christus' Seelenqualen mit virgil-heroischem Tenor versah, Elsa Dreisig, die dem ihm erscheinenden Seraph durch ihren klar nuancierten Sopran auszeichnete und David Soar, der Petrus mit seinem tiefem Bass erdete, beeindruckte hier jedoch der London Symphony Chorus unter der Leitung von Simon Halsey mit vokaler Ausdruckskraft als Chor der Engel und verlieh der Leidensgeschichte, in welcher Ludwig van Beethoven sein eigenes Schicksal gespiegelt fand, am Ende einen Hauch musikalischer Verklärung.

****1