Die Figur der Medea aus der griechischen Mythologie hat über die Jahrhunderte viele Dichter, Autoren, Komponisten und Filmemacher inspiriert. Beispiele sind Euripides’ Schauspiel aus dem frühen 4. Jahrhundert v. Chr., Marc-Antoine Charpentiers Oper von 1693, Jean Anouils Theaterstück von 1946, und der Kultfilm Jason und die Argonauten von 1963, die sich alle mit diesem Thema befassen.

Nicole Chevalier (Medea) © Monika Rittershaus
Nicole Chevalier (Medea)
© Monika Rittershaus

Aribert Reimanns Medea basiert auf der 1890 geschriebenen Trilogie Franz Grillparzers Das Goldene Vlies und wurde vom Komponisten als weibliches Gegenstück zu seiner Oper Lear angedacht. Der australische Regisseur Benedict Andrews stellt seine Medea für die Komische Oper Berlin als verletzliche Frau und liebende Mutter dar, verängstigt über ihre eigenen übernatürlichen Kräfte und geleitet von ihren Emotionen.

Medea und ihr Geliebter Jason, beide königliche Sprösslinge aus unterschiedlichen Königreichen und ein unverheiratetes Paar, sind auf der Flucht, nachdem sie das Goldene Vlies gestohlen haben. Dazu kommt, dass sie verdächtigt wird, den König Pelias in Jolkos ermordet zu haben. Medea, Jason und ihre zwei Kinder bitten in Korinth um Asyl, das ihnen vom König Kreon gewährt wird. In einem Versuch sich anzupassen, vergräbt Medea ihren Zaubertrank und das Goldene Vlies. Eine Anpassung gelingt ihr nicht, sie bleibt die Außenseiterin. Jason hat den Vorteil, dass er Grieche ist und als Kind mit Kreusa spielte, die Tochter des Königs und seine vorgesehene Braut. Medea ist im Weg, wird als Hexe ungewisser Herkunft bezichtigt, besonders als sie von einem Boten des Mordes beschuldigt wird. Jason wird weiterhin vom König Kreon beschützt, aber Medea wird aufgefordert das Land zu verlassen und ihre Kinder in der Obhut des Vaters und deren zukünftigen Stiefmutter Kreusa zurückzulassen. Medea kann diesen Gedanken nicht ertragen und sendet dem König eine vergiftete Krone und ein Kleid an Kreusa, das sie entzündet, und so den Tod beider hervorruft. Während die Kinder schlafen, schlitzt sie ihre Kehlen auf und findet so einen vermeintlichen Frieden.

Günter Papendell (Jason), Nicole Chevalier (Medea) und Nadine Weissmann (Gora) © Monika Rittershaus
Günter Papendell (Jason), Nicole Chevalier (Medea) und Nadine Weissmann (Gora)
© Monika Rittershaus

Nach der Weltpremiere an der Wiener Staatsoper 2010, ist dies nun die zweite Neuproduktion des Werkes. Bühnenbildner Johannes Schütz gestaltet eine leere Bühne, überzogen mit Torf, eine riesige Fläche Nichts. Ein Drahtgespinst deutet ein Haus an, eine große Kugel hüllt die Bühne in ein kaltes Licht, Medeas Gebiet ist stets außerhalb, in oder um die Torfgrube herum. Die Kostüme von Victoria Behr sind zeitlos, Medea selbst legt zu Beginn ihren königlichen Umhang ab und trägt von da an ein weißes Unterkleid, ein Ausdruck ihrer Unschuld und Verletzlichkeit. Da es Andrews nicht für angebracht hielt, echte Kinder auf der Bühne zu haben, verwendet er stattdessen zwei lebensgroße Puppen, die, wie es ihr Schicksal verlangt, grob behandelt werden.

Nicole Chevalier ist die perfekte Wahl für diese komplexe Musik und das Wesen der Medea. Andrews lässt sie durch den Torf stapfen und in ihm wühlen, sich mit weißer Paste zu beschmieren und sich auf der Bühne ununterbrochen ausleben. Ihr klarer, starker Sopran ist geeignet für die ausgedehnten hysterischen Ausbrüche, aber auch für die süßen Schlaflieder, die sie ihren Kindern vorsingt und besonders nachdem sie sie getötet hat, bietet ihr Reimann eine lyrische und existenzielle Auflösung, zuletzt inneren Frieden. Günter Papendell verkörperte mit seinem attraktiven und kräftigen Bariton einen Jason, der eher ein ex-Held ist und jetzt bereit wäre sich niederzulassen und ein bürgerliches Leben zu führen. Der Tenor Ivan Turšić ist als König Kreon ein blasser und gedämpfter Charakter, was wahrscheinlich daran liegt, wie die Rolle geschrieben ist. Nadine Weissmann füllte als Gora, die Vertraute Medeas und Kindermädchen, ihren Mezzosopran mit Empathie, ein standhafter Gegenpart zu Medeas emotionsgeladene Ausschreitungen. Countertenor Eric Jurenas ist der Herald der Götter, der das vernichtende Urteil in einer Stimme von einer anderen Welt überbringt, inklusive Glatze und grünem Glitzerkleid. Die polnische Sopranistin Anna Bernacka ist die vom Unglück verfolgte Prinzessin Kreusa, die wie Chrysothemis in Elektra, nur ein glückliches Familienleben will und für die Reiman eine fast lyrische Rolle geschrieben hat.

Der amerikanische Dirigent Steven Sloane leitete das sehr große Orchester der Komischen Oper – mit zusätzlichen Schlagwerkensembles, die links und rechts außserhalb des Orchestergrabens platziert wurden – und führte die Musiker und Sänger durch Reimanns komplexe Partitur mit gekonnten Engagement. Reimanns reiche Erfahrung als Liedbegleiter führte zu glänzenden Klangbildern für die Sänger, wie in den Melodien der Windinstrumente für Medea, dem Blechpomp für Kreon und Harfen-Celesta-Passagen für Kreusa. Alles in allem war es eine Aufführung, die die Darsteller und das Publikum zweieinhalb Stunden fesselte, ein mächtiges, aufwühlendes und ergreifendes Musiktheater.

 

Aus dem Englischen übertragen von Elisabeth Schwarz.