Wann hat schon einmal ein renommierter Chemiker und promovierter Mediziner eine volksnahe Nationaloper geschrieben, wie seine Bewunderer es von ihm erwarteten! Alexander Porfirjewitsch Borodin, 1833 geboren, wählte als Vorlage nichts Geringeres als ein gewaltiges Heldenepos der mittelalterlich-russischen Literatur, das Igorlied. Dass neben beruflichen Pflichten die 1869 begonnene Kompositionsarbeit nur langsam vorankam, verwundert nicht. Als Borodin 1887 auf einem Faschingsball zusammenbrach und starb, existierten zwar große Teile der Partitur, jedoch keine geschlossene Nummernfolge. Seine Freunde Alexander Glasunow und Nikolai Rimsky-Korsakow übernahmen es, die Werkskizzen zusammenzufügen und zu vollenden. Neben vergleichsweise wenigen anderen Werken, wie zwei Symphonien und Kammermusik, wird Fürst Igor als sein Hauptwerk angesehen.

Tobias Kartmann (Glasunow), Dieter Fernengel (Borodin), Vladimir Pavic (Rimsky-Korsakow) © Markus Tordik
Tobias Kartmann (Glasunow), Dieter Fernengel (Borodin), Vladimir Pavic (Rimsky-Korsakow)
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Das Gärtnerplatztheater München brachte nun eine Neuinszenierung des historischen Opernstoffs heraus. Fürst Igor von Nowgorod-Sewersk führt seine Truppen in eine aussichtslose Schlacht gegen die benachbarten Polowetzer, gerät dabei in Gefangenschaft. Daheim reißt sein Schwager Fürst Galitzky die Macht an sich, bis zu Verschwendung und wilden Ausschweifungen. Die Polowetzer holen zum Gegenschlag aus; ihr Anführer Khan Kontschak ist kein heidnischer Barbar, sondern ausgesprochen human. Ein Friedensangebot schlägt Igor aus, am Ende gelingt ihm die Flucht und die Rettung seiner Gemahlin Jaroslawna sowie seines Landes.

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Fürst Igor
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Roland Schwab, Regie-Debütant am Gärtnerplatz, und Chefdirigent Rubén Dubrovsky machen aus der schwierigen Entstehungsgeschichte ein szenisches Konzept, indem sie den dritten Akt streichen und nach dem Prolog direkt in den zweiten springen, der in den berühmten Polowetzer Tänzen den Jubel über die Gefangennahme Igors visualisiert. Nach der Pause schließt der erste Akt an, der Galitzkys übergriffige Herrschaft schildert, danach aus dem vierten der Klagegesang Jaroslawnas und Igors Rückkehr. Dubrovsky sieht in der aufgeteilten Autorenschaft der Oper sogar einen Gewinn in unglaublicher Farbenvielfalt, wenn Volksmusik, Anklänge an orthodoxe Kirchenmusik, romantische Musik mit spektakulären Orchester- und Chornummern komprimiert sich in diesem einem Werk verbinden.

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Matija Meić (Fürst Igor) und Oksana Sekerina (Jaroslawna)
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Als wahrer Kunstgriff erweist sich, Borodin, Glasunow und Rimsky-Korsakow als stumme Rollen in die Handlung zu integrieren und darin die schwierige Entstehungsgeschichte zu spiegeln. In ihrem eigenen anrührenden Kammerspiel erweckten Dieter Fernengel, Tobias Kartmann und Vladimir Pavic die drei Komponisten ergreifend zum Leben. So wird die Anekdote, Glasunow habe Borodins Ouvertüre aus dem Gedächtnis aufgeschrieben, nachdem dieser sie während eines Besuchs gespielt hatte, schon in die Eröffnungstakte auf der Bühne eingebunden, führt direkt in den St. Petersburger Salon des Künstlers. Borodins Notenstapel wehen auch später immer wieder durch die Szene. Seine Beanspruchung wird schmunzelnd vorgestellt, indem eine farbkräftig dampfende, chemische Laborausrüstung ins Wohnzimmer gefahren wird und der Professor engagiert die Studenten mit Reagenzgläsern, Bechergläsern und Pipetten unterweist. Selbst sein Tod wird zum abrupten Schreckensmoment, als Borodin während der Polowetzer Tänze zusammenbricht und der aufgewühlt entfesselte Tanzwirbel jäh unterbrochen wird.

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Fürst Igor
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Nicht nur, wenn Igor geschlagen nach seiner Rückkehr sich zum Retter seines Volks berufen fühlt und trotz Blessuren einen neuen Angriff plant, werfen Bezüge zur Gegenwart Fragen auf. Projizierte Inschriften wie „Alle fliehen aus Cherson“ auf dem Bühnenvorhang sind dezente Beispiele trauriger Realität. Dass Schwab mehr auf Borodin blickt, der „das Prinzip Utopie komponierte“, in dem er Musik fremder, exotischer Welten schrieb, lenkt seine Deutung auf Völkerverständigung, „Pazifismus in einer Realität voller Rivalität und feindlicher Aggression“. Nicht nur Kontschak, auch seine Polowetzer werden durchaus sympathisch empfunden, auf „einträchtige Koexistenz von Völkern“ fokussiert. Sogar Igors Sohn Wladimir und Kontschaks Tochter Kontschakowna wollen ein Paar werden. Und ein im Original kriegerischer Schlusschor muss den Platz räumen für ein anderes Finale, doch davon später.

Renée Listerdal wählt zeitgenössisch formelle Kleidung der Herren, hochgeschlossene wie bodenlange Kleider der Damen. Piero Vinciguerra nimmt Borodins holzgetäfeltes, altrussisches Arbeitszimmer als Raum und Schnittpunkt der gesamten Geschichte. Am Ende erleidet es in einer aufgebrochenen Rückwand den zerstörenden Eingriff dieses Konflikts. Man mag streiten, ob der Sarg Borodins auch Teil von Galitzkys Orgie werden muss.

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Oksana Sekerina (Jaroslawna)
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Dass das Ballett des Gärtnerplatztheaters (Einstudierung Karl Alfred Schreiner) in den ersten beiden Abschnitten die Handlung im feudalen Rahmen durch seine Tanzeinlage weiter ausmalt, ist sicher ein zusätzlicher schwungvoller Reiz der Inszenierung, insbesondere auch während der bekannten Polowetzer Tänze. Nachdem die drei Komponisten auf ihre stumme Weise bereits spielerische Bewegung auf die Bühne zaubern, konnte man zeitweise ein Überdrehen von Aktionismus empfinden.

Musikalisch hochklassig gestalteten Rubén Dubrovsky und das Orchester des Staatstheaters Borodins vielgestaltige Melodik, nahmen geschmeidig Rücksicht auf die Sängerschar, die sich klangprächtig eingebettet fühlen durfte. Einen ebenso aufregend spielerischen wie vokalen Beitrag leisteten die Mitglieder des Chores (Einstudierung Pietro Numico).

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Fürst Igor
© Markus Tordik

Bass-Bariton Matija Meić in der Titelrolle war schlichtweg umwerfend in sängerischer sowie schauspielerischer Gestaltung, sein tiefschwarzes samtiges Timbre markierte perfekt die komplexe Gestalt Igors. Die Jaroslawna wurde von Oksana Sekerina hinreißend interpretiert; die Farbpalette ihres Soprans berührte in allen Lagen mit unerschöpflichen Facetten. Ein Höhepunkt der Schluss, wenn Sekerina – in den Trümmern der Villa zusammen mit Dieter Fernengel als Borodin – das anrührende Klavierlied Für die Ufer deiner fernen Heimat zelebrierte.

Monika Jägerová überzeugte in sinnlich-dunklem Timbre in der Rolle der verliebten Kontschakowna. Arthur Espiritu war als Wladimir optimal besetzt: sein lyrisch-dramatisches Timbre besaß Leichtigkeit, gleichzeitig Stärke für dramatischen Ausbruch. Timos Sirlantzis ging mit Stimme und Spiel in seiner Rolle als Galitzki auf: Boshaftigkeit, Vulgarität, großmäulige Unverschämtheit. Levente Páll verlieh mit wohlklingendem Bass dem Sieger Kontschak die nötige Autorität, voller Menschlichkeit und Güte. Viel Premieren-Beifall, erlebenswert!

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