Nicht gerade häufig begegnet man Opern von Paul Hindemith im weltweiten Musiktheater. Dass 1926, also vor genau 100 Jahren, seine erste mehraktige Oper Cardillac an der Semperoper Dresden uraufgeführt wurde, hat offenbar doch zu einer kleinen Welle an Aufmerksamkeit geführt. Nach den Bühnen in Essen und Zürich ist am Staatstheater Meiningen nun eine weitere Neuinszenierung vorgestellt worden.

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Isaac Lee (Der Kavalier) und Tamta Tarielashvili (Tamta Tarielashvili)
© Anke Neugebauer

Paul Hindemith und sein elsässischer Librettist Ferdinand Lion nahmen die 1819 erschienene Erzählung Das Fräulein von Scuderi von E.T.A. Hoffmann, dessen 250. Geburtstag zudem heuer zu feiern ist, als literarische Vorlage; sie gehört zu den ersten deutschen Kriminalerzählungen überhaupt. An Stelle des Fräuleins Scuderi wird von Lion Cardillac in den Mittelpunkt der knapp 100 Minuten langen Oper gestellt; er ist auch der einzige, der im Stück einen Eigennamen trägt. Krimi sowie Künstlerdrama sind gleichermaßen aufwühlend: Cardillac ist ein meisterhafter Pariser Goldschmied, der sich von den Schöpfungen aus seiner Hand nicht zu trennen vermag und auch nicht vor Mord zurückschreckt, um diese Schmuckstücke nach dem Verkauf wieder besitzen zu können.

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Lena Kutzner (Die Tochter) und Shin Taniguchi (Cardillac)
© Anke Neugebauer

Seine Tochter, die den Vater anhänglich versorgt, wird von einem Offizier umworben, der mit ihr die Stadt verlassen möchte. Dieser wird auf Cardillacs eigenartiges Verhalten aufmerksam, weil der Juwelier zwar sofort in die Verlobung mit seiner Tochter einwilligt, Kauf und Herausgabe eines Schmuckstücks dagegen offenbar kaum ertragen kann. Ein Mordanschlag auf den Offizier scheitert, doch es kommt zu keiner Anklage des eigentlichen Täters Cardillac; stattdessen wird im zufällig auftauchenden Goldhändler der vermeintlich Schuldige gefunden. Die Pariser Bevölkerung gerät in Aufruhr.

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Roman Payer (Der Offizier)
© Anke Neugebauer

Hindemith zeigt hier eine Abkehr von der großen, auch romantisch Wagner'schen Oper zu durchsichtigem kammermusikalischem Klangbild. Expressionismus ebenso wie neue Sachlichkeit eines „Bauhaus“-Barocks und rhythmische Komplexität zeichnen die Musik aus. Neben 18 Streichern wirken 17 Bläser natürlich großvolumiger; aus der U-Musik der 20er Jahre übernimmt er sogar ein Saxophon in das Orchester, insbesondere zu Cardillacs Charakterisierung. GMD Killian Farrell kann zügige Tempi in der heute meistgespielten Urfassung des Werks vorgeben; die Meininger Hofkapelle entwickelte ein hoch suggestives Klangprofil, mit dem er die schnell wechselnden szenischen Stimmungen bis in die zeitgenössische Jazzkneipe mitreißend ausdrückte.

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Shin Taniguchi (Cardillac)
© Anke Neugebauer

Eine große Aufgabe auch für den Chor des Staatstheaters (bestens einstudiert von Roman David Rothenaicher), der gleich zu Anfang aufgepeitscht agierend die beunruhigte Volksseele auf die Bühne brachte. Rufe wie „Flieht! Wendet das Gesicht ab! Mörder, ihr alle!“ fliegen hin und her; eine manipulierbare Menschenmasse, in der Weimarer Republik wie auch heute an vielen Orten der Erde. Später reflektiert der Chor das Geschehene nachfragend und empathisch.

Neben der vordergründigen Kriminalstory arbeitet die italienische Regisseurin Giulia Giammona die im Exzess gar gewaltbereite Verehrung eines Künstlers durch das Volk auf, in der alle Indizien in den Hintergrund geschoben und ein Täter zum Helden stilisiert werden kann. Cardillacs psychische Komplexität wird mit großer Klarheit erzählt. Susanne Maier-Staufen hat die Szene mit großen Vitrinen ausgestattet, die sich auf den zwei konzentrischen Ringen der Drehbühne leicht verschieben lassen und so immer neue Spielräume öffnen. In Meiningen arbeitet der Künstler mit Glas, das Sinnbild wird für Verschlossenes ebenso wie Einsichtiges, das fest oder fragil sein kann; immer wieder werden im Hintergrund Geräusche splitternden Glases eingeblendet.

Shin Taniguchi (Cardillac) © Anke Neugebauer
Shin Taniguchi (Cardillac)
© Anke Neugebauer

Da das Libretto eine „raubvogelhafte Flucht des Mörders“ beschreibt, begleiten bald sechs stumme, rabenartige Vögel Cardillac auf seinem Weg, ein Bild von Unruhe und Getriebensein. Immer stärker kommt schließlich auch die Ambivalenz von Cardillacs Gefühlen zu seiner Tochter und seiner Unfähigkeit loszulassen ins Spiel. „Vater, warum streichelt Ihr Gold, nicht mich?“, fragt die Tochter ihn. Und er drückt seine Besessenheit aus: „Tochter, hüte meine Schätze!“.

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Shin Taniguchi (Cardillac)
© Anke Neugebauer

Erstes Opfer ist ein Kavalier, den seine anspruchsvolle Geliebte für ein kostbares Unikat in die Werkstatt des Cardillac schickt. Kaum überreicht er ihr den ersehnten Schmuck und versinken beide in rauschender Liebesnacht, da taucht schon der Schatten des Unbekannten hinter dem Vorhang auf, wird der Kavalier vom bislang geheimnisvollen Mörder erdolcht. Isaac Lee und Tamta Tarielashvili zelebrierten mit Genuss und prickelnd ariosem Stimmglanz diese Liebesnacht mit tödlichem Höhepunkt.

Der Bariton Shin Taniguchi zeigte stringent die Exzentrik des Goldschmieds, zwischen vokaler Zärtlichkeit eines Künstlers und Vaters sowie der Brutalität des Mörders. Lena Kutzner sang wundervoll wandelbar die Tochter, die Angst hat, den Vater zu verlassen. Ihr Duett im zweiten Akt, ganz retrospektiv von Hindemith als mehrstimmige Fuge angelegt, machten beide zu einem sängerischen wie schauspielerischen Juwel.

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Lena Kutzner (Die Tochter)
© Anke Neugebauer

Roman Payer charakterisierte mit schönem dramatischem Tenor den Offizier und seinen Wunsch, die Mordserie aufzuklären und zugleich die Tochter in ihrem Emanzipationsprozess nicht zu überfordern. Dass sie sich zum Schluss befreit, erscheint nicht als Happy End, sondern nur ein erster Schritt. Ein weiterer musikalischer Höhepunkt dann, wenn Cardillac, der Goldhändler, der Offizier und die Tochter, im Stile einer späten Verdi-Oper, im Solistenquartett ihre gegenwärtigen Gefühle und Absichten abwägen. Wie durch einen Schleier nimmt die Tochter ihr altes Leben wahr; als sie diesen Schleier herunterreißt, erlangt sie endlich Unabhängigkeit. Dass sie die letzte Arbeit des Vaters, eine schlanke Glasfigur einer Frau im langen Kleid, nach dessen Ableben an sich nimmt, ist bereits Zeichen neu gewonnener Freiheit. Ein hoch beeindruckender Thriller!

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