Als Sir John Eliot Gardiner 2014 bis 2016 seinen Mendelssohn-Zyklus mit dem London Symphony Orchestra absolvierte, blieb neben den beiden großen Oratorien auch Die erste Walpurgisnacht unberücksichtigt. Die Interpretation Mendelssohns erstvertonter Goethe-Ballade sollte Gardiner schließlich 2021 bei den Salzburger Festspielen mit der dortigen Camerata nachholen – und mit seinem Monteverdi Choir, der zuvor als Vokalensemble beim LSO und danach in Österreich den Sommernachtstraum realisierte. Beide Werke bildeten letztes Jahr den Beginn einer Neuauflage einer Mendelssohn-Reihe Gardiners, diesmal eben auf historischen Instrumenten, mit seinen neugegründeten Ensembles, The Constellation Choir and Orchestra.

Finan Jones dirigiert The Constellation Orchestra and Choir © Nikolai Wolff | fotoetage
Finan Jones dirigiert The Constellation Orchestra and Choir
© Nikolai Wolff | fotoetage

Sie setzte sich nun fort mit Mendelssohns Lobgesang-Symphonie, die Gardiners Ex-Chor zuvor ebenfalls sowohl beim Gewandhausorchester als auch den Berliner Philharmonikern gesungen hatte und gepaart wurde mit Brahms‘ Schicksalslied. Station neben Auftritten in Spanien, Slowenien und Italien: das Musikfest Bremen. Dort allerdings ohne Gardiner, den ersten Musikfest-Preisträger, der durch seinen Assistenten Finan Jones ersetzt worden war. Jones ist zugleich Vize-Chefdirigent des Atlanta Symphony Orchestra, dessen musikalische Leiterin Nathalie Stutzmann auch einst Lehrimpulse bei Gardiner erhalten hatte.

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Ohne große Bewegungen kam Jones in Brahms' Schicksalslied aus, das der Komponist unweit Bremen in Wilhelmshaven 1868 begonnen hatte zu komponieren, sondern ließ den mit Gardiner und dem CCO einstudierten, elementaren Strom der himmlischen Entrücktheit in klangphrasierender, schwelgerischer, bloß nicht kitschiger Eleganz und Affektgebung fließen. Freilich zudem dynamisch effektiv und historisch ebengleich fundamental mit nur dezentestem Vibrato, das erst mit dem Einsatz des jede Bewegung verstärkenden Chores und seinem aufgehenden „Blüten“-Forte zunahm. Ganz nach den Schlagworten Friedrich Hölderlins Texts. Wieder einmal offenbarte sich damit Gardiners Zugang sowie Beherzigung Brahms' gewünschter Natürlichkeit und Klarheit, die sich kontrastierend mit urgewaltiger Dramatik zur aufgewühlten Unrast der leidenden Erdbewohner bahn brach.

Hilary Cronin und Jonathan Hanley © Nikolai Wolff | fotoetage
Hilary Cronin und Jonathan Hanley
© Nikolai Wolff | fotoetage

Verarbeitete der Zuhörer noch etwas die melodisch-modulatorische Brillanz zum Ausklang des Schicksalslieds, schlug die um Dimensionen gesteigerte, jede romantische Verklärung hinwegfegende, mit Gänsehaut generierender Farbigkeit und mutiger Überzeugungsdynamik gespickte Theatralik in Mendelssohns symphonischer Choralkantate mit den erhobenen Posaunen zum Eröffnungsmotiv ohne Umschweife packend zu. Das Constellation Orchestra ging mit spritzig-flirrenden Streichern und knackigem Blech, darunter die beibehaltenen Klappen- statt Naturtrompeten, jedoch fortan fast ausnahmslos unterstützt durch mantellose Paukenschlägel, in die Vollen unbändiger, kompromissloser, rasanter Gier zur Vermittlung sowohl Mendelssohns als auch eigener exquisiter Energie. Jones' Gestenradius wuchs mit erzeugter und übernommener Leidenschaft, die im flotten Adagio religioso, dem finalen Part der Instrumentalsymphonie, in einem erhebenden, intensiven Tanz mündete.

Dies schon Anlass, am liebsten in die wallende Motorik mit einzusteigen anstatt äußerlich andächtig im Sitz zu verharren, lieferte der Auftritt des Constellation Choir zu tempofuriosem „Alles, was Odem hat, lobe den Herrn“ die entscheidende Dosis kickender Adrenalinbooster. In fabelhafter Festlichkeit und rhetorischer Figürlichkeit machte der Chor bis zum strotzenden Finale, zu dessen Anfangsmotiv die Posaunen erneut standen, seiner stimmlich-stilistischen Extraklasse und beseelten Inbrunst alle Ehre. In seinen Reihen: Mit Hilary Cronin, Sam Cobb und Jonathan Hanley zugleich toptalentierte Solisten.

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Finan Jones mit The Constellation Orchestra and Choir © Nikolai Wolff | fotoetage
Finan Jones mit The Constellation Orchestra and Choir
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Cronin, mit elektrisierender Strahlkraft, höchst kultiviertem Phrasierungsgeschick, hervorragender Deutlichkeit, betörend tragender Grundierung und präsenter Ausstrahlung ausgestattet, bildete mit gleichsam lieblich-sonorer Cobb in „Ich harrete des Herrn“ mit aufrechtem Solo-Naturhorn Anneke Scotts ein Sopran-Duett von edelsteiniger Reinheit. Mit seiner galaktischen, verständlichen Diktion, seinem theatralischen Gestaltungsvermögen und seiner bestechenden Tenorfarbe wucherte Hanley, der in lichter Spiegelhaftigkeit, im letzten Duett mit Cronin in quellender Hingabe an den rettenden Glauben Gottes Güte, ein weiterer Grund in der Abfolge berührender Momente war, die es zu konservieren dürstete.

Fehlt Mendelssohns Stück ein abschließendes „Amen“, besorgte dies in einprägsamer Weise die dynamisch-sinnlich darauf zusteuernde Zugabe aus Brahms' Geistliches Lied, Op.30.

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