Kommen sie, oder kommen sie nicht? Das Konzert begann mit einer halben Stunde Verspätung, denn ein Teil des Royal Danish Orchestra konnte den vorgesehenen Flug von Amsterdam nach Genf nicht antreten und wurde kurzfristig nach Zürich umgebucht. Der Transfer nach Gstaad hat dann glücklicherweise geklappt. Nach aufklärenden Worten von Intendant Daniel Hope betrat die Dirigentin Marie Jacquot das Podium im Festival-Zelt und hob den Taktstock für die Ouvertüre mit Hans Abrahamsen. Dessen Drei Stücke für Orchester mit ihren unterschiedlichen Stilanleihen führten zur Begegnung mit dem gefragtesten dänischen Komponisten der Gegenwart.

Dass das Orchester aus Kopenhagen, das zudem zum ersten Mal am Gstaad-Festival auftritt, einen dänischen Komponisten im Gepäck mitbringt, ist lobenswert. Dass das Stück aber nach sieben Minuten bereits zu Ende ist, muss man sehr bedauern. Denn nicht nur von Abrahamsen gibt es längere und gewichtigere Kompositionen, sondern auch in der Vergangenheit würde man bei Namen wie Carl Nielsen, Niels Gade oder J.P.E. Hartmann fündig. Vor diesem Hintergrund muss die Präsentation dieser Orchesterminiatur als reine Alibi-Übung angesehen werden.
Im Hauptteil unterschied sich das Programm der Königlichen kaum vom Mainstream der europäischen Spitzenorchester. Mit Brahms‘ Violinkonzert in D-Dur, Op.77 und Prokofjews Romeo und Julia-Orchestersuite gelangten zwei Evergreens des Repertoires zur Wiedergabe. Immerhin stammt der Solist des Violinkonzerts, Nikolaj Szeps-Znaider, ebenfalls aus Dänemark. Selbstbewusst und in geerdeter Haltung steht er da, weiß was er kann, und macht dennoch keine Show daraus. Die verschiedenen Tonfälle des ersten Satzes erlauben ihm sozusagen eine Auslegeordnung seiner gestalterischen Fähigkeiten: Dramatisch und gespreizt spielt er das Hauptthema, lyrisch und sanglich kommt der Seitensatz daher, zackig interpretiert er die punktierten Rhythmen der Schlussgruppe. In der großen Solokadenz brilliert er mit stupender Virtuosität und einer sehr eigenwilligen rhythmischen Gestaltung.

Bei einem Brahms-Konzert nur vom Solisten zu sprechen, hieße indes nur die eine Seite der Medaille zu betrachten. Hier muss unbedingt Marie Jacquot ins Spiel gebracht werden. Die Französin wurde vor zwei Jahren Chefdirigentin des Royal Danish Theatre in Kopenhagen und übernimmt mit der Saison 2026/27 den Chefposten beim WDR Sinfonieorchester. Eine bemerkenswerte Karriere für die erst 36-Jährige! Beim Violinkonzert sind zunächst die Koordinationsfähigkeiten der Dirigentin gefragt. Darüber hinaus entwickelt Jacquot, gerade im Adagio, ein hörbares Gespür für das klangliche und harmonische Geflecht zwischen Orchester und Solisten. Auch im Allegro giocoso ist es wieder diese symphonische Lesart der Dirigentin, die aufhorchen lässt.
Noch deutlicher kommen die interpretatorischen Fähigkeiten Jacquots bei Prokofjews Orchestersuite Romeo und Julia zur Geltung. Genau genommen stellen die elf dargebotenen Sätze eine Zusammenstellung der Dirigentin aus den Suiten eins, zwei und drei dar. Ihre Interpretation zeichnet sich durch Farbenreichtum und scharfe Kontrastierung aus. Zusammen mit den Titeln der einzelnen Sätze erstehen im Zuhörer diese Bilder von Liebe und Hass, von Verspieltheit und Tragik, die sich am bekannten Drama von Shakespeare entzünden. Jacquots Charakter strahlt eine sympathische Offenheit aus. Ihr Führungsstil verbindet präzise Schlagtechnik mit einladender Mimik und sportlichen Gesten, bei denen noch die ehemalige Tennis-Spielerin zu erahnen ist.
Nach Kopenhagen und Amsterdam bildete Gstaad die letzte Station von Jacquot kleiner Abschiedstournee mit dem Royal Danish Orchestra, bevor sie ihre neue Stelle in Köln antritt.
Die Pressereise (zwei Hotelnächte) von Thomas Schacher wurde vom Menuhin Festival Gstaad bezahlt.



















