Die Pianistin ist am Menuhin Festival Gstaad Gold wert. Dies ist nicht nur im kommerziellen Sinn zu verstehen, sondern zuallererst im künstlerischen. Seit dem Beginn ihrer Karriere tritt Khatia Buniatishvili regelmäßig am Festival auf und erfreut sich mittlerweile einer großen Fangemeinde. Ihr diesjähriges Solorezital im Festival-Zelt stand ganz im Zeichen der Romantik. Mit einer Schubert-Sonate und Virtuosenmusik von Frédéric Chopin und Franz Liszt beleuchtete die Künstlerin zwei sehr unterschiedliche Ausprägungen der Epoche: Auseinandersetzung mit dem klassischen Formenkanon auf der einen Seite, Erprobung neuer Formen und Spieltechniken auf der anderen Seite.

Die ursprünglich vorgesehene C-Dur-Fantasie von Schumann als Eröffnungsstück ersetzte die Pianistin kurzfristig durch Franz Schuberts Klaviersonate B-Dur, D 960, ein Werk, das dieser kurz vor seinem Tod komponiert hatte. Dadurch ermöglichte sie, ohne es zu wollen, einen Vergleich mit der Interpretation von Grigory Sokolov, der diese Sonate vor gut drei Wochen in Salzburg gespielt hatte. Dasselbe Werk, doch zwei Deutungen, die sich extrem voneinander unterscheiden. Während Sokolov ein Hochamt zelebrierte, das die Sonate als schon fast jenseitiges Gebilde eines Todgeweihten verstand, kombiniert Buniatishvili diesen Jenseitsaspekt mit durchaus irdischen Tönen.
Ein typisches Merkmal ihrer Deutung zeigt sich schon im ersten Satz. Das ikonische Hauptthema stellt sie zunächst sehr langsam und fast beiläufig vor. Bei der Wiederholung zieht sie das Tempo merklich an und spielt mit großer Emphase. Tempowechsel, agogische Nuancen und wechselnde Farbgebung prägen das Spiel der Pianistin auch im Folgenden. Im Andante sostenuto kommt Buniatishvili dann doch erstaunlich nahe an Sokolov heran. Auch bei ihr klingt der langsame Satz als resignierter Abschied von der Welt; in der Coda kommt das Tempo, nicht unproblematisch, fast zum Erliegen. Als hätte sie das auch selber bemerkt, spielt sie das anschließende Scherzo unerhört spritzig und hebt die vielen Sforzati kräftig heraus. Im abschließenden Rondo erklingen die Hauptteile ganz ohne Erdenschwere, während dazwischen immer wieder Passagen der heftigen Auflehnung diesen himmlischen Frieden stören.

Nach der Pause zeigt sich Buniatishvili von ihrer virtuosen und extravertierten Seite, den Aspekten ihrer Persönlichkeit also, die das Publikum an ihr liebt. Dramaturgisch stellt sie die sechs eher kurzen Kompositionen in eine gut ausgedachte Reihenfolge von Spannung und Entspannung. Die Verbindung zu Schubert bildet Liszts Klaviertranskription des Liedes Gretchen am Spinnrade. Die ursprüngliche Singstimme wird hier ebenfalls vom Klavier übernommen, eine spieltechnische Herausforderung, die der Pianistin mühelos gelingt.
Von den beiden Kompositionen Chopins begeistert Buniatishvili insbesondere mit dem Scherzo Nr. 2 b-Moll, Op.31. Sie deutet das gewichtige Werk, das der Komponist mit einer eigenen Opus-Zahl versehen hat, in seiner ganzen Zerklüftung. Und im Mittelteil verwandelt sie die anfängliche Verspieltheit nach und nach in virtuoses Auftrumpfen. In den Liszt-Stücken wird Buniatishvili ihrem Ruf als unbändige Tasten-Löwin mehr als gerecht. Beim Mephisto-Walzer Nr. 1, einem Bravourstück mit programmatischem Bezug, ist sie ganz in ihrem Element. Auch hier stellt die Pianistin die Gegensätze der Komposition heraus, die vom Verträumten bis zum Ekstatischen reichen. Gibt es da noch eine Steigerung? Ja, tatsächlich! Mit der Ungarischen Rhapsodie Nr. 6 in Des-Dur wird der absolute Höhepunkt des Abends erreicht. Jeder Teil des rhapsodischen Werks erhält sein eigenes Gesicht, und gleichzeitig behält die Pianistin stets das Ganze im Blick. Im Schlussteil, wo die einprägsame Zigeunermelodie in parallelen Oktaven geführt wird, dreht Buniatishvili emotional und technisch derart auf, dass man als Hörer den Mund zu schließen vergisst.
Die Pressereise (zwei Hotelnächte) von Thomas Schacher wurde vom Menuhin Festival Gstaad bezahlt.


















