Es hatte etwas Sakrales wie András Schiff mit verschränkten Armen der Einleitung von Beethovens zweitem Klavierkonzert lauschte. Neben dem zweiten interpretierte der gebürtige Ungar in der Münchner Philharmonie auch Beethovens drittes Klavierkonzert mit dem Budapest Festival Orchestra und mit Chefdirigent Iván Fischer. Zwei Werke, die bei Schiff wie zwei unterschiedliche Planeten im musikalischen Kosmos klangen.

András Schiff © Nadia F,=. Romanini
András Schiff
© Nadia F,=. Romanini

Puristisch und klar interpretierte er das zweite Klavierkonzert. Hier wurde besonders deutlich, dass dieses Werk, das Beethoven eigentlich vor seinem ersten Klavierkonzert komponierte, aber erst später herausgab, noch ganz in der Tradition der Wiener Klassik steht. So griffig und durchscheinend deutlich kann wahrscheinlich kaum ein Pianist Beethoven spielen wie Schiff. Kristallklar, aber keineswegs klinisch, führte Schiff die kontrapunktischen Linien und spielte so geschickt mit dem Tempo, das Fischer alle Hände voll zu tun hatte.

Das dritte Klavierkonzert hingegen ist in seiner Klangsprache voller, reifer und deutlich romantischer und hier kamen Schiffs pianistische Qualität voll zum Tragen. Sein Spiel strahlte mit Noblesse und war gleichzeitig spannungsreich und rhythmisch aufgeladen. Die Ruhe und Intensität, mit der Schiff die lyrischen Phrasen des Largo ausspielte, hört man selten mit solch meditativer Kraft. Vielleicht war es gerade das Unprätentiöse in seinem Spiel, das die Kraft der Musik so eindringlich wirken ließ. Wenig Pedal und ein pointiert klarer Ansatz in seinem Spiel vermittelten die Musik auf sehr direkte Weise.

Noch mehr als im zweiten Klavierkonzert schienen Solist und Orchester aufeinander einzugehen und miteinander zu interagieren. Vor die beiden Klavierkonzerte streuten Fischer und das Budapester Festival Orchester jeweils Werke von Dvořák. In kleinen Häppchen konnte man zum Beispiel im ersten Teil des Programms Dvořák Werk abseits seiner berühmten Symphonien 7 bis 9 bewundern. Die lyrische Legende in b-Moll aus dem großen Legenden-Zyklus, op.59, der flotte Slawische Tanz Nummer 7 aus der ersten Tanzserie von 1878 – beide übrigens ursprünglich als Klavierwerke komponiert – und außerdem der „Abendsegen“ aus den Vier Chorliedern, op.29 markierten den Auftakt des Programms. Letzterer sorgte insofern für eine Überraschung, da das Orchester in einer runden Bewegung die Orchesteraufstellung in eine Choraufstellung umwandelte und sein gesangliches Talent unter Beweis stellte.

Etwas sopranlastig, aber dennoch klangkräftig und differenziert interpretierten die singenden Instrumentalisten das kleine Lied und ließen das Publikum verblüfft zurück. Die zweite Hälfte begannen die Ungarn mit der Amerikanischen Suite, die ihren Namen dem Land verdankt, in dem sie komponiert wurde. Seine böhmischen Wurzeln kann und will diese Musik nicht verleugnen. Und so schluchzte das Holz sehnsuchtsvoll und die Streicher tönten voll. Fischer ging die Suite sehr tänzerisch an. Weniger das Handwerkliche stand für ihn im Vordergrund, viel mehr setze Fischer auf die intuitive Kraft der Musik. Kraftvoll und erdig klang schließlich also das Orchester und überzeugte mit einer großen Portion Spielfreude. Als Zugabe gab es eine weitere Gesangseinlage des Orchesters – diesmal in Begleitung von Schiff. Haydns Der Greis war ein wundervolles Beispiel für den schrägen Humor des Komponisten. „Hin ist alle meine Kraft! Alt und schwach bin ich“ heißt es da im ersten Vers, davon war aber beim Orchester und dem Solisten nichts zu spüren. Ein großartiges Konzert!

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