Vera-Lotte Boecker ist eine der interessantesten Sopranistinnen unserer Tage, und sie hat’s mit Ovids Metamorphosen: ihre Leistung als Richard Strauss‘ Daphne ist unvergessen, und nun gibt sie am Theater an der Wien Calisto – also jene Nymphe aus dem Gefolge der Jagdgöttin Diana, die zunächst in eine Bärin, und schließlich zum Sternbild des großen Bären verwandelt wird. Das und alles, was Hausherr und Regisseur Stefan Herheim aus Francesco Cavallis 1651 uraufgeführter La Calisto herausholt, will man gesehen haben.

Vera-Lotte Boecker (Calisto) © Matthias Baus
Vera-Lotte Boecker (Calisto)
© Matthias Baus

Die Inhaltsangabe klingt zunächst kompliziert, doch genügt es zu wissen, dass Diana mit keuschen Nymphen lebt, Jupiter (Giove) sich in eine davon – eben Calisto – verliebt, und diese in Gestalt von Diana verführt und schwängert. Man kann sich denken, wie eifersüchtig Dianas Verehrer darauf reagieren, und dass Diana und Jupiters Ehefrau Juno (Giunone) empört sind, auch wenn es in mythischer Vorzeit anders zuging als heute. Bestraft wird nämlich die unschuldige Frau (bei Ovid war noch von einer Vergewaltigung und nicht von einer Verführung die Rede), auch wenn Herheim der Kunstkniff gelingt, Calistos Schicksal als souveränen Karriereweg à la „A star is born“ darzustellen.

Marcel Beekman (La Natura) © Matthias Baus
Marcel Beekman (La Natura)
© Matthias Baus
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Diese Geschichte würzte der Librettist Giovanni Faustini mit reichlich Frivolitäten und wechselnden Identitäten, was sie heutzutage wie einen aufgelegten Elfmeter für Regisseure wirken lässt, aber seinerzeit aus mehreren (im Programmheft nachzulesenden) Gründen zu einem gewaltigen Flop geriet. Allerdings ist anzunehmen, dass die Koordination des zahlreichen Bühnenpersonals und der wechselnden Szenen und Stimmungen immer schon eine Herausforderung war, und man kann nur staunen, wie Herheim und die Choreografin Beate Vollack daraus ein großes Ganzes gefügt haben, sodass im Bühnenbild von Silke Bauer, welches von beweglichen, räumliche Tiefe erzeugenden Bögen gerahmt wird, alles im Fluss bleibt.

Milan Siljanov (Giove), Vera-Lotte Boecker (Calisto), Renato Dolcini (Mercurio) © Matthias Baus
Milan Siljanov (Giove), Vera-Lotte Boecker (Calisto), Renato Dolcini (Mercurio)
© Matthias Baus

Sogar im abstrusen Schluss, welcher einen Salto von der antiken Mythologie ins Christentum verlangt, und in dem sich Calisto plötzlich als Magd des Herrn in der Nachfolge der Jungfrau Maria identifizieren soll, bleibt einem nicht viel Zeit zum Wundern: Der Regisseur und seine Kostümbildnerin Yashi stylen den Hirtengott Pan nämlich zu einem Gott-Vater wie aus einem barocken Deckenfresko und stecken dessen gehörnte Entourage in Mönchskutte, Nonnenhabit und Priestergewand, sodass für neue optische Reize reichlich gesorgt ist. Wenn dann noch Jupiter die Morgenroutine (Lever) von Ludwig XIV nachspielen darf, vergisst man beinahe, dass dieser im Prolog noch als Feuerwehrmann auftrat und den vom Bruchpiloten Phaethon verursachten Weltenbrand löschen musste.

Vera-Lotte Boecker (Calisto) und Milan Siljanov (Giove als Diana) © Matthias Baus
Vera-Lotte Boecker (Calisto) und Milan Siljanov (Giove als Diana)
© Matthias Baus

Als dieser Jupiter gefällt Milan Siljanov in einer Darstellung, die irgendwo zwischen Mr. Big aus Sex and the City und dem Drive von Rolando Villazón in seinen jugendlichen Liebhaber-Partien angesiedelt ist, zudem dürften vergleichbar geschmeidige Bässe mit Bereitschaft zum gelegentlichen Falsettgesang in einer funkelnden Corsage (als Diana) ziemlich rar gesät sein. Spaßvogel des Abends ist trotzdem wieder einmal Marcel Beekman, der im Nacktkostüm die überwuzelte rundliche Nymphe Linfea mit Hängebrüsten gibt, und unverdrossen von Zärtlichkeiten träumt.

Luciana Mancini (Diana) und Marcel Beekman (Linfea) mit Tänzer*innen © Matthias Baus
Luciana Mancini (Diana) und Marcel Beekman (Linfea) mit Tänzer*innen
© Matthias Baus

Bewahrheitet sich also wieder einmal die alte Bühnenweisheit, dass es Frauen gegen Männer in Röcken schwer haben? Mitnichten – in dieser Produktion gibt es für alle genug Möglichkeiten zu glänzen, und die eingangs erwähnte Vera-Lotte Boecker ist eine Idealbesetzung für Calisto – sie spannt wunderbare Melodienbögen zu Harfenklängen, bewegt sich grazil und sieht sogar so aus, als wäre sie einem der einschlägigen Gemälde von Calisto und Diana entstiegen – da kann man Jupiter seine Gelüste kaum verübeln. Dementsprechend darf Calisto in einem thematischen Vorläufer von Verdis „O don fatale“ auch kurz mit ihrer Schönheit hadern.

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Arnaud Gluck (Endimione) und Luciana Mancini (Diana) © Matthias Baus
Arnaud Gluck (Endimione) und Luciana Mancini (Diana)
© Matthias Baus

Die weiteren weiblichen Partien sind mit Luciana Mancini (Diana) und Giuseppina Bridelli (Giunone) ebenfalls bestens besetzt, sind aber nicht unbedingt sympathisch: Für Giunone ist Calisto wortwörtlich eine Hure und muss die Affäre mit ihrem Göttergatten als Bärin büßen, und Diana verstößt die schwangere Calisto aus ihrer Jungfernschar. Letztere bringt den Jüngling Endimione sogar beinahe mit einem Kuss um, als ob es nicht schon schlimm genug wäre, dass Pane (Pan) und dessen perchtenartigen Begleiter Silvano (Juan Sancho und João Fernandes)  bereits davor versucht hatten, ihn wie den heiligen Laurentius zu grillen.

Jake Arditti (Satirino) und Marcel Beekman (Linfea) mit Tänzer*innen © Matthias Baus
Jake Arditti (Satirino) und Marcel Beekman (Linfea) mit Tänzer*innen
© Matthias Baus

Auch diese Bösewichte zeigen tolle Leistungen, doch hat der Komponist Endimione die weitaus schönere Musik zugedacht, die der Countertenor Arnaud Gluck auch hinreißend singt. Während dieser das unschuldig-ätherische Prinzip verkörpert, ist die zweite Countertenor-Partie des kleinen Satyr bei dem in jeder Hinsicht robusteren Jake Arditti bestens aufgehoben.

Vera-Lotte Boecker (Calisto) und Giuseppina Bridelli (Giunone) © Matthias Baus
Vera-Lotte Boecker (Calisto) und Giuseppina Bridelli (Giunone)
© Matthias Baus

An diesem Gegensatzpaar zeigt sich auch, dass man bei der Besetzung so viel Fingerspitzengefühl wie Glück hatte, da für jede Partie der perfekte Typ gefunden wurde. Das gilt auch für den Bassbariton Renato Dolcini, der mit Glatze, rotem Vollbart und Handy einen scharfsinnigen, an Richard Wagners Loge erinnernden Mercurio (Merkur) gestaltete.

Vera-Lotte Boecker (Calisto) © Matthias Baus
Vera-Lotte Boecker (Calisto)
© Matthias Baus

Viel Fingerspitzengefühl zeigte auch Christina Pluhar am Pult des Originalklangensembles L’Arpeggiata, die das Bühnengeschehen mit dem Graben bestens koordinierte und so die Pointen punktgenau landen ließ. Dass es bei Originalklangbläsern intonationsmäßig mitunter rustikaler zugeht, passt zu dem Stück ebenso wie die Idee, Cavalli hin und wieder wie irische Tänze, oder auch einmal jazzig und mit Fingerschnippen zu spielen.

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