Das Beste kommt zum Schluss, auch wenn Flut auf Brand folgt: Götterdämmerung war an der Wiener Staatsoper ein letztes Mal und so großartig wie schon lange nicht zu erleben, bevor Der Ring des Nibelungen in der Inszenierung von Sven-Eric Bechtolf eingemottet wird.

Andreas Schager (Siegfried) und Camilla Nylund (Brünnhilde) © Wiener Staatsoper | Michael Pöhn
Andreas Schager (Siegfried) und Camilla Nylund (Brünnhilde)
© Wiener Staatsoper | Michael Pöhn

Geliebt hat man diese merkwürdig kühle und leere Regiearbeit aus 2008 nie, denn das Motto „Den Ring muss man träumen“ führte mitunter eher zu Dämmerschlaf denn zu Traumbildern. Mit der rötlich beleuchteten Christbaumschonung am Walkürenfelsen und den als Synchronschwimmerinnen getarnten Rheintöchtern hatte sie jedoch Wiedererkennungswert und bot reichlich Raum für das, was Sängerinnen und Sänger an Schauspieltalent darin auszuleben bereit waren. Das war nicht immer viel, weil man an der Rampe kräftesparender und mangels Vorgabe auch legitim steht, doch hat man für die Dernièren-Saison die über die Jahre verflachte Personenregie wieder ernstgenommen, und die hochmotivierte Spitzenbesetzung sorgte für einen unvergesslichen Abend, der mit so langanhaltendem Jubel bedankt wurde, wie man ihn hierzulande nicht oft erlebt.

pbl
pbl

Nach etlichen Sekunden Schockstarre und Ergriffenheit, als der Schlussakkord verklungen war, ging man schnell zu Standing Ovations über, mit der zunächst Camilla Nylund für ihre überragende Leistung als Brünnhilde gewürdigt wurde. Sie war – auch rollenbedingt – schon immer eine Sängerin von großer Noblesse, die im Spektrum der Emotionen nicht unbedingt neben der wilden Leidenschaft steht, doch zeigte sie mit ihrer Götterdämmerung-Brünnhilde, was in ihr steckt: die Liebe zu Siegfried samt rasender Enttäuschung, die kalte Schulter für Gunther und das geradezu königliche Beharren auf ihrem Anspruch als Siegfrieds erste und einzige Frau. Dies mündete in einen geradezu unerhörten Schlussgesang, in dem nicht die Spur von Müdigkeit zu vernehmen war, sondern die schönsten und saubersten Töne, mit denen man sich über das finstre Fis-Moll von „Starke Scheite“ zur finalen Apotheose in Des-Dur durchmodulieren kann. Man hatte geradezu den Eindruck, dass ihr diese Partie in jeder Hinsicht guttut.

Attila Mokus (Gunther) und Jenni Hietala (Gutrune) © Wiener Staatsoper | Michael Pöhn
Attila Mokus (Gunther) und Jenni Hietala (Gutrune)
© Wiener Staatsoper | Michael Pöhn

Auch Andreas Schager hatte als Siegfried einen starken Abend, doch würde man sich wünschen, dass er seinen stimmlichen Energieüberschuss in die musikalische Gestaltung transformieren könnte, die an seinem Tristan so gefällt. Insofern gerieten jene Stellen am besten, in denen er nicht auf die metaphorische Tube drückte. Andererseits passt der kraftstrotzende Ansatz zum jugendlichen Übermut, mit dem er Siegfried darstellt. Mehr stimmliche Zurückhaltung hätte es ihm aber wohl erlaubt, die schwierig zu singenden Reprisen des Waldvogelmotivs vor der Todesszene auszukosten, anstatt vornehmlich die Spitzentöne explosiv anzureißen – an Lautstärke hätte es dennoch nicht gefehlt. Daran, dass die Inszenierung Siegfrieds Tod buchstäblich unter Bühnenniveau versenkt, trägt er keine Schuld.

Der nachfolgende Trauermarsch, neben dem von Frédéric Chopins wohl der berühmteste der Welt, setzte für Wiener Verhältnisse, wo man es gern krachen lässt, getragen und dezent ein, und schwoll wie ein heraufdräuendes Gewitter zu Klangwolken an, die sich unter Tschinellen-Blitzen auf die gewohnte Weise entluden. Diesen Klangrausch und natürlich das Götterdämmerung-Finale zu dirigieren, muss ein im Doppelsinn mächtiges Gefühl sein, und Pablo Heras-Casado erwies sich als weiser Herrscher am Pult des Staatsopernorchesters. Dieses lief unter seiner Leitung zu Bestform auf und setzte  das Vorgegebene nuanciert um. Es waren atemberaubend schöne Pianissimi zu hören, und nicht minder beeindruckende von den Solistenleistungen. Besonders positiv fiel auf, dass auch Pausen mit Spannung gehalten waren, und die leisen, spärlicher instrumentierten Stellen mit genauso viel Detailfreude wie den Rest gestaltet waren.

pbl
pbl
Günther Groissböck (Hagen) und Andreas Schager (Siegfried) © Wiener Staatsoper | Michael Pöhn
Günther Groissböck (Hagen) und Andreas Schager (Siegfried)
© Wiener Staatsoper | Michael Pöhn

Neben dieser Führungsriege, bestehend eben aus Instrumentalmusik, Brünnhilde und Siegfried, setzte von den Nebenpartien insbesondere Szilvia Vörös als Waltraute einen Glanzpunkt. Sie gefällt als geradezu mädchenhafte Erscheinung, die allen Mut zusammennimmt, um die große Schwester Brünnhilde um Hilfe für Walhall und die Welt zu bitten. Und von der Gesangsleistung, die jener von Nylund ebenbürtig ist, kann man nur den Hut ziehen. So gut gesungen bekommt man diese Szene nur selten, und dasselbe gilt auch für die Nornenszene. Diese kann sich so lang wie das von den Nornen gesponnene Seil ziehen, doch das ließen Monika Bohinec, Margaret Plummer und Jenni Hietala nicht zu.

Jenni Hietala gab auch Gutrune, die neben dem übergriffigen Hagen von Günther Groissböck wie ein Schulmädchen wirkte. Das ist jedoch für diese Partie, die musikalisch einen bewusst lieblichen Kontrapunkt zum selbstbewussten Rest darstellt, kein Fehler. Als ihr linkischer Bruder Gunther war Attila Mokus zu erleben, der zwar nichts falsch machte, aber neben dem Charisma von Schager und Groissböck verblasste. Groissböck ging den Abend vorsichtig an, und sparte sich die Kraft für gelungene Mannenrufe und das besonders packende Verschwörungsterzett mit Brünnhilde und Gunther.

Camilla Nylund (Brünnhilde) © Wiener Staatsoper | Michael Pöhn
Camilla Nylund (Brünnhilde)
© Wiener Staatsoper | Michael Pöhn

Auch der Kurzauftritt von Georg Nigl als vom Leben gebeugter, aber immer noch rachsüchtiger Alberich war in jeder Hinsicht sehens- und hörenswert. Das ist auch das Fazit des Abends, an dem die Rheintöchter, die nach wenigen Takten zu einer Leistung aus einem Guss zusammenfanden, nicht vergessen werden sollten. Mit ihnen beginnt die Tetralogie, und der sprichwörtliche Zauber des Anfangs in Rheingold, spiegelte sich in dieser magischen Götterdämmerung, mit der die Ära der Bechtolf-Inszenierung endet.

*****