Der Eintrag in das Guinness-Buch der Rekorde könnte unmittelbar bevorstehen: Die Oper, die zum 50-Jahr-Jubiläum der Innsbrucker Festwochen der Alten Musik im Tiroler Landestheater aufgeführt worden ist, vereinigt alle Merkmale, die es dazu braucht: Il pomo d’oro des Komponisten Pietro Antonio Cesti und des Librettisten Francesco Sbarra dauert (mit Pausen) über sieben Stunden, verteilt auf zwei Tage.

Alle Götter © Birgit Gufler
Alle Götter
© Birgit Gufler

Für ihre Wiener Uraufführung im Jahr 1668 wurde ein eigenes Theater errichtet, und die damals modernsten Bühnenmaschinen ermöglichten 23 Szenenwechsel. Das Stück verlangt 48 Solorollen, die in Innsbruck auf 20 Sängerinnen und Sänger aufgeteilt werden. Und das aufregendste Merkmal: Ottavio Dantone, der musikalische Leiter dieser Produktion, hat die beiden verschollenen Akte drei und fünf rekonstruiert. Somit konnte Il pomo d’oro 358 Jahre nach seiner Uraufführung zum ersten Mal wieder in der vollen Länge und in der ursprünglichen Gestalt auf der Bühne gezeigt werden.

Shira Patchornik (Pallade) © Birgit Gufler
Shira Patchornik (Pallade)
© Birgit Gufler

Inhaltlich spielt Il pomo d’oro in den Gefilden der griechischen Mythologie und lässt nahezu alle bekannten Götter sowie Sterbliche und allegorische Figuren auftreten, was dem Publikum etliche Vorkenntnisse abverlangt. Die Haupthandlung ist immerhin relativ einfach: Discordia, die Göttin der Zwietracht, ist beleidigt, weil der Göttervater Giove (Jupiter) sie nicht zu einer Hochzeitsfeier im Olymp eingeladen hat. Sie rächt sich, indem sie einen goldenen Apfel in den Festsaal wirft, auf dem die Inschrift „Der Schönsten” prangt. Giunone (Juno), Pallade (Athene) und Venere (Venus) streiten sich um den Preis. Giove bestimmt den trojanischen Prinzen Paride (Paris) als Schiedsrichter. Dieser lässt sich von Venere bestechen, die ihm die schönste Frau auf Erden verspricht, wenn sie selbst den goldenen Apfel bekommt. Paris’ Suche nach Helena und die Rachepläne der beiden übergangenen Göttinnen Giunone und Pallade treiben die Handlung voran.

pbl
pbl
<i>Il pomo d'oro</i> &copy; Birgit Gufler
Il pomo d'oro
© Birgit Gufler

Regisseur Fabio Ceresa, Bühnenbildner Nikolaus Webern, Kostümdesigner Giuseppe Palella und Lichtdesigner George Tellos schaffen eine wohltuend klare Dreiteilung: Die Szenen finden entweder im Olymp, auf der Erde oder in der Unterwelt statt. Für Olymp und Unterwelt setzen die Ausstatter auf opulente Kleidung, märchenhaften Glanz und an barocken Vorlagen orientierte Kulissen. Demgegenüber ist die Menschenwelt durch realistische, grau getönte Architektur sowie moderne Zivilkleidung der Figuren geprägt. In einem Schlafzimmer der Jetztzeit sehen wir, wie Paride von seiner Geliebten Ennone (Oenone) Abschied nimmt, um zu Helena aufzubrechen. Dies beflügelt den Schäfer Aurindo, der unglücklich in Ennone verliebt ist und dem die keifende Amme Filaura lästig geworden ist.

Jone Martínez (Venere) &copy; Birgit Gufler
Jone Martínez (Venere)
© Birgit Gufler

Es ist unmöglich, alle Nebenhandlungen aufzuzählen. Sie schaffen zwar willkommene Abwechslung, aber ihre verwirrende Vielfalt überfordert und ermüdet den Zuhörer oftmals. Einige zusätzliche Kürzungen des Originals wären durchaus angebracht gewesen. Positiv fällt ins Gewicht, dass auf der Bühne stets eine betörende Dynamik herrscht. Der Regisseur und der Choreograph Davide Riminucci verwickeln die Protagonisten, den Chor NovoCanto und die beiden Tanzensembles immer wieder in Turbulenzen, denen man sich nicht entziehen kann. Divertimento in Reinkultur, ganz im Geist der barocken Repräsentationsoper!

Mathilde Ortscheidt (Ennone) &copy; Birgit Gufler
Mathilde Ortscheidt (Ennone)
© Birgit Gufler

Auf die Sängerleistungen kann wegen der großen Anzahl nur summarisch eingegangen werden. Die meisten Rollen sind mit jugendlichen Stimmen besetzt, und alle Protagonisten sind ganz oder teilweise in der barocken Szene tätig. Begeisterung löst das Trio der drei rivalisierenden Göttinnen aus. Jone Martínez gibt Venere mit einem verführerischen Sopran, Shira Patchornik zeigt als Pallade auch mal die Zähne, und Sophie Rennert als Giunone setzt ihre theatralische Mezzo-Stimme effektvoll ein.

Rocco Cavalluzzi (Momo) &copy; Birgit Gufler
Rocco Cavalluzzi (Momo)
© Birgit Gufler

Der Giove von Giacomo Nanni mimt den Göttervater als eitlen Gecken. Eine glänzende Vorstellung gibt der berufserfahrene Bariton Mauro Borgioni als untreuer und verführbarer Paride. Und Mathilde Ortscheidt repräsentiert die verlassene Geliebte Ennone mit einer sensiblen Altstimme. Für komische Einlagen sorgen der Countertenor Rémy Brès-Feuillet als schmachtender Hirte Aurindo und insbesondere Alberto Allegrezza in der Rockrolle der burschikosen Amme Filaura. Eine Leitplanke bildet der Charakterbass Rocco Cavalluzzi als Gott Momo, der den übrigen Olympiern den Spiegel vorhält.

Shira Patchornik (Pallade), Jone Martínez (Venere) und Sophie Rennert (Giunone) &copy; Birgit Gufler
Shira Patchornik (Pallade), Jone Martínez (Venere) und Sophie Rennert (Giunone)
© Birgit Gufler
pbl
pbl

Nicht genug gewürdigt werden kann die Rolle von Ottavio Dantone als Leiter (am Cembalo) und Restaurator. Mit seiner Accademia Bizantina, deren Chef er seit 1996 ist, vollbringt er während sieben Stunden musikalische Wunderwerke. Man spürt da eine gegenseitige Vertrautheit und eine Stilsicherheit, die wie aus dem Augenblick zu entstehen scheint. Für Farbreichtum der Interpretation sorgen neben den Streichinstrumenten insbesondere Laute, Theorbe Harfe, Blockflöte und die barocke Zinke. Stilistisch schließt Cestis Stil an den späten Monteverdi an, trennt aber, anders als dieser, Rezitativ und Arie mehr voneinander.

<i>Il pomo d'oro</i> &copy; Birgit Gufler
Il pomo d'oro
© Birgit Gufler

Bei der Rekonstruktion der beiden verschollenen Akte konnte sich Dantone auf das vollständig erhaltene Libretto abstützen. Die musikalisch wichtigste Quelle war eine in Modena sich befindliche Handschrift, die 35 Arien der Oper enthält. Im Weiteren bediente sich Dantone bei den übrigen Opern und den Kantaten Cestis. Und die letzten Lücken schloss er durch eine Art von interpretierender Ergänzung aufgrund seiner stilistischen Kenntnisse. Als Hörer, der Il pomo d’oro nicht kennt, erkennt man jedenfalls keine Unterschiede zwischen der originalen und den rekonstruierten Aufzügen des Werks.

Ester Ferraro (Eufrosine), Danilo Pastore (Pasithea) und Neima Fischer (Aglaie) &copy; Birgit Gufler
Ester Ferraro (Eufrosine), Danilo Pastore (Pasithea) und Neima Fischer (Aglaie)
© Birgit Gufler

Bemerkenswert ist der Schluss der Oper, wo sich der Regisseur eine gelungene politische Neudeutung erlaubt. Im Original schlichtet Giove den Streit der drei Göttinnen um den goldenen Zankapfel, indem er ihn der Infantin Margarita Teresa von Spanien, der jungen Gattin Kaiser Leopolds I., verspricht. Dies war Cestis Reverenz an seinen musikbegeisterten Auftraggeber. Eine solche Glorifizierung des Hauses Habsburg ist heutzutage natürlich obsolet. In Innsbruck ist es Miss Europa, eingehüllt in eine blaue Fahne mit goldenen Sternen, die den Apfel bekommt.

****1