Die Ruhrtriennale hat für ihr diesjähriges Festival das Klangforum Wien mit zwei ungewöhnlichen Konzertprogrammen eingeladen. Mit In Vain und Kraanerg kombinierte es zwei extrem lange und unterschiedliche Kompositionen an einem Abend. Ein dazu passender Aufführungsort war das Salzlager der Kokerei auf dem Areal der zum UNESCO Weltkulturerbe zählenden Zeche Zollverein in Essen.

Sylvain Cambreling © Ursula Kaufmann | Ruhrtriennale 2019
Sylvain Cambreling
© Ursula Kaufmann | Ruhrtriennale 2019

Im Vorwort der Partitur zu Georg Friedrich Haas in vain (2000) wird neben Texten van Samuel Beckett das folgende Gedicht von Ror Wolf zitiert: „es schneit, dann fällt / der regen nieder / dann schneit es, regnet es und schneit / dann regnet es die ganze Zeit / es regnet und dann schneit es wieder.” Es beschreibt bildhaft die bezaubernde Einfachheit dieser Komposition auf der Suche nach Tonhöhen und Zeitmaßen außerhalb der Norm.

Die ersten Klänge beschwören ein Waldesrauschen. Ganz kurz kam Schubertstimmung auf, bevor die Hörreise begann. Die Musiker des Klangforums spielten aufsteigende Tonleitern und Akkorde, höher und immer höher schienen die Töne emporzusteigen. Danach fielen die Klänge aus großer Höhe nach unten. Dieses Auf und Ab war eines der konstituierenden Elemente von in vain, in dem Haas sein gewissenhaft ausgewähltes Instrumentarium meisterhaft einsetzt. Der dadurch in dem ehemaligen Industrieraum entstehende Raumklang erzeugte die Illusion, das auch hinter dem Publikum Musiker spielten. Haas hatte auch die Lichtintensität im Saal und auf der Bühne vorgeschrieben, wodurch die Musiker stellenweise auch im Dunkeln spielten. Diees Lichregie unterstützte die meditative Athmosphäre einer Musik, die sich die Auslotung der Langsamheit zum Ziel gesetzt haben könnte.

Ganz wie bei den fantasievollen Zeichnungen von Maurits Cornelis Escher erzeugte Haas den Eindruck eines unendlichen Fortschreitens ohne Anfang und Ende. Unterschiede in der Klangintensität wurden zu Grossereignissen genauso wie ein mikrotonales Harfensolo, ein Gongschlag oder abwärts silbrig perlende Läufe auf dem Klavier. Die Märchenfee erzählte, ein Bänkelsänger schlug die Laute und mit beginnender Dunkelheit: Orpheus in der Unterwelt. Im letzten Teil wurde das Licht unregelmäßig zu kurzen Blitzen hochgefahren. Das scheinbar unendlich Kreisen um einen Grundton und seine mikrotonal ausgespielten Obertöne und das trügerische Fortschreiten machten die im Titel evozierte Vergeblichkeit menschlichen Handels beinah körperlich fühlbar. Dirigent Sylvain Cambreling, dessen Dirigierbewegungen als ein Schattenspiel auf dem Zementboden des Zuschauerraums mittanzten, ließ das ihm gewidmete Stück ganz abrupt enden. 70 Minuten waren vorbeigeflogen und hatten den Kopf frei gemacht für eine noch größere Hörherausforderung, das als Ballettmusik konzipierte Kraanerg des griechischen Komponisten Iannis Xenakis.

Die Anzahl der Musiker war in etwa die gleiche als bei Haas, mit zwei optisch hervorstechenden Instrumenten, einem Kontrabassfagott und einer Kontrabassklarinette und mehrfach besetzten Streichern aber sehr unterschiedlich. Zudem waren alle Instrumente elektronisch verstärkt. Zu der Komposition gehört auch ein 4-Spur-Tonband, welches vor zwölf Jahren in Berlin digitalisiert wurde, um es moderner Aufführungstechnik zugänglicher zu machen. Das nun digitale Band kann seitdem vom Tontechniker (in Essen Peter Böhm) präzise zugespielt werden. Dirigent und Ensemble konnten sich für die Passagen ohne Band extra Zeit nehmen und so verlängerte sich die ursprünglich auf 75 Minuten anberaumte Aufführungszeit um weitere 15 Minuten. Mich berührte diese 50 Jahre alte Komposition auf ganz besondere Weise. Sie beschreibt auf fast persönliche Weise meine innere Ungeduld, den schnellen Wechsel meiner Gedanken und die Gefühlslagen, in denen ich mich regelmäßig befinde. Das Zuspielband war eine echte Bereicherung zum dichten Ensemblespiel. Der elektronisch manipulierte Klangrausch aus aufgenommenen Instrumenten füllte das Salzlager mit seinen exotischen Kaskaden und brachte neben den Klängen von Streichern und Bläsern einen dritten Klangaspekt ins Spiel. Weil man darauf aber immer wieder die Klangfarben der auf der Bühne bespielten Instrumente erkennen konnte, wirkte dieser Aspekt organisch verbindend und nicht störend. Die Posaunensoli von Andreas Eberle waren sehr überzeugend, gaben Kraanerg einen Hauch von Jazz. Die Oboensoli von Markus Deuter waren als mikrotonale Schalmeienmelodien unerhört einfühlsam. Xenakis spielte immer wieder mit den unterschiedlichen Klangfarben von Streichern und Bläsern und ließ sie entweder miteinander verschmelzen oder auf einander anschließen. Spannung erzeugte er mit Unterschieden in den Vorschriften zur Spielintensität. Kraanerg klang oft aufgeregt und immer überraschend, es gab kaum Spannungsabfall. Die Geschichte, die Cambreling mit seinen Musikern erzählte war dichtgewoben und erzeugte in jedem Moment der Aufführung fantasievolle Bilder. Selbst im letzten Teil des Stücks, in dem nur noch das Band ohne die Musiker auf der Bühne zu hören war, ließ es Xenakis intensive Musik nicht zu, das die Gedanken abschweiften.

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