Juristen nennt man häufig auch Generalisten. Sie sollen vielfältig einsetzbar sein, natürlich zuvörderst im ureigenen Justiz- und Rechtswesen, in der Verwaltung, in der Diplomatie, aber außerdem in Wirtschaft und Politik. Viel mehr noch als heute, kam früher ein weiterer Strang hinzu: die Kunst. Sei es als Ausgleich, eigentliche Bestimmung oder selbst aus generalistischerem Interesse. Bedeutendes Beispiel ist Johann Wolfgang von Goethe, dem später Ernst Theodor Wilhelm Hoffmann folgen sollte. Der Jurist, Schriftsteller, Kritiker und Musiker, der als einer Goethes Singspiel Scherz, List und Rache 1801 in Noten setzte und in Bamberg zwischen 1808 und 1813 eine eher glücklose Episode als „Mädchen für alles“ am Theater der aufkeimenden Romantik verbrachte. Und zuvor seinen dritten Vornamen aus Verehrung für Mozart in Amadeus änderte. Hoffmanns 250. Geburtstag gedenkt die Kunstwelt in diesem Jahr, an prominenter Stelle das Festival Alte Musik Knechtsteden in seiner 35. Ausgabe unter dem Titel „Unheimlich.Fantastisch.“.

Zur Eröffnung paarte es daher Hoffmann, der sich Meisterjahre nach Bamberg erhoffte und dort zumindest dafür den Grundstein sowohl durch erste musikbezogene Prosa als auch Rezensionsveröffentlichungen in der Allgemeinen musikalischen Zeitung legte, mit seinem Idol Mozart. Dafür wählten die Rheinische Kantorei und Concerto Köln unter Leitung Edzard Burchards' Hoffmanns zu Lebzeiten unaufgeführtes, nach wie vor gespenstisch rares Miserere in b-Moll aus der Bamberger Epoche (1809) mit unüberhörbarer, vor allem im dramatischeren, düsteren Charakter zum Vorschein kommender Inspiration von und Referenz an Mozart mit dessen zugegeben qualitativ überlegenen Kantate Davide penitente. Jenem Werk, für das Mozart kurzerhand seine torsohafte, in Wien ungehörte, seinerseits durch Händel-Bewunderung geschwängerte Große c-Moll-Messe als Grundlage heranzog und zwei neue Arien einfügte. Dabei hatte er mit dem Gedanken gespielt, eigentlich den tatsächlichen Miserere-Psalm für das Passionskonzert der Wiener Tonkünstler-Sozietät 1785 selbst zu vertonen.
Mit beeindruckender stilistischer Gewandheit und sich aufbauender Imposanz gelang es der Rheinischen Kantorei, Concerto Köln und den vier Solisten Anna Nesyba, Alice Lackner, Johannes Gaubitz und Konstantin Paganetti, im „Asperges me hyssopo“ und „Benigne fac, Domine“ ergänzt um den noch homogenitätssteigernden Alt Anne Bierwirths, Hoffmanns Stück in Einlösung des Mottos mit einer einverleibten, doch frischen, fast ungläubig und überraschend wirkenden Abgeklärtheit aus dem weitverbreiteten Rezeptionsschlaf zu wecken. Nach dem demutsfleißigen Miserere-Beginn der durch gesegnete, hingebungsvolle Klarheit und erfahrene, betonungsdefinierende Phrasierungsgabe glänzenden Solisten tat sich so ein würdiges und festliches Bußpanorama auf, das mit dem Einsatz der lebendigen Bläser des höchste Verlässlichkeit ausstrahlenden Orchesters und der dynamischen Kultiviertheit und erhabenen Wirkmacht des Chores an theatralischem wie ausdrucksmächtigerem Fundament gewann. Dafür wählte Burchards zudem stimmige Tempi, die besonders in den schnellen Fugen des „Libera me de sanguinibus“ und final beim „ut aedificentur muri Jerusalem“ zu einem durchaus packenden Effekt beitrugen.

Gereichte die gute Übung der Solisten im Barockrepertoire schon zum erheblichen Vorteil für besagt stilistisch wie artikulatorisch sattelfest Angenehmes und Verständliches, beim Hoffmann durch Gaubitz' figurengeschmeidigen, deklamationsstarken Tenor im „Auditui meo dabis gaudium et laetitiam“, durch Paganettis leichten, überdeutlichen und akzentmunteren Bariton im „Docebo iniquos vias tuas“ und Nesybas sanften, leuchtenden Sopran im „Sacrificium Deo spiritus contribulatus“, entfaltete sich die flexible Strahlkraft erst recht in Mozarts Kantate. Vor allem mit den eleganten, edlen und wonnig reinen, kristallin scheinenden, wendig und eindrücklich oktavenmeisternden Sopranen Nesybas und Lackners, die sich in koloraturen- wie atmungsgewiefter Luftig- und harmoniebewältigender Innigkeit im „Sorgi, o Signore“ zusammenfinden sollten. Mit Gaubitz' Tenor, der sich im Allegro-Part der Arie „A te, fra tanti affanni“ zu heroischer Form aufschwang, lieferten sie exquisit mühelose, ansteckende Schlussterzette.
Auch die Rheinische Kantorei und Concerto Köln vermochten im Mozart in generalistischer Bewandertheit unter gleich einfallendem Gewicht an blendenden Dynamikkontrasten, detailverliebten Akzentuierungen und Phrasierungen sowie ausgedehnt feierlich-schmissiger Rhythmik zu zeigen, was in ihnen steckt. So besorgten sie ein Festivalauftakt nach Maß, der Jubilar und Idol gebührend ehrte.






















