Im Nachhinein kann man es zwar immer leicht behaupten, doch war die Ernennung Johanna Sollers zur neuen künstlerischen Leiterin der Nederlandse Bachvereniging keine wirkliche Überraschung. Alles lief auf die zuvor als Chefin beim Münchener Bachchor- und Orchester installierte Organistin an St. Peter München zu, nachdem sie mehrere Projekte mit der niederländischen Institution absolviert hatte, zunächst als Choreinstudiererin, dann als Direktorin an ihrem Instrument für All-of-Bach-Kantateneinspielungen und schließlich als Tourneedirigentin des Gründungs- und groß zelebrierten Passionsmythos der Ensembles: der Bach’schen Matthäus-Passion.

Durch ihren Terminkalender und die gewünschte Planungssicherheit beim Münchener Bachchor, den sie nun verlassen hat, sollte Sollers Antritts-Projekttour in neuer Funktion – mit vollständiger Verantwortung für die Konzertbesetzungen in den Niederlanden ab September – ein Jahr, also bis zum Ende der NBV-Saison 25/26, auf sich warten lassen und dabei gleich ihre Spuren und Ansätze betonen. Neben den obligatorischen Bachkantaten nämlich eine Kontextualisierung mit anderen Werken aus dem Bach-Dunstkreis vorzunehmen und sie zugleich mit neuer Musik in Beziehung zu setzen. Zum jetzigen Saisonauftakt 26/27 rund um den Michaelistag mit seinem Kampf- und Engelsthema bedeutete dies, Johann Sebastian mit Johann Christoph Bach, Dietrich Buxtehude und Arvo Pärt aufzuführen.
Mit J. C. Bachs Kantate à 22 Es erhub sich ein Streit, deren Abschrift Johann Sebastian besaß, wählte Soller dafür das gewaltigst vorstellbare Akkord-Klanggemälde; zum einen eben als dramaturgische Basis für worteinhaltende Themensetzung, zum anderen als ebenso festlichst denkbare Eröffnung. Eine, die mit der durch starke affekt-, dynamik- und agogikgeladene Kontraste von packenden Streichern, Trompeten, Pauken, Continuo und Doppelchor höchst eindrucksvoll beschriebenen Gefechtsretrospektive zwischen Michael und dem höllischen Drachen für den auch feurig-elektrisierenden, zugleich friedensberuhigten Sieg des Himmels dann absolut den dramatischen Nerv traf. Und damit die nicht geringen Erwartungen, die am Ende des Konzerts die Überzeugung reifen ließen, dass die NBV mit ihrer Chefdirigentin zu neuen Höhenflügen gelangt.

Das verdeutlichte in der Folge weiter Buxtehudes intimes, von Soller durch fließende Bögen himmlisch phrasiertes und federnd bezuckertes Lübecker Abendmusiksetting des Befiehl dem Engel, das erst die Violin-Solistinnen Cecilia Bernardini und Anneke van Haaften samt Bass, sodann das hinreßende Solistenquartett aus Carine Tinney, Alex Potter, Guy Cutting und Matthias Winckhler, letzllich hinzugenommener Ripienochor mit beibehaltener Textschärfe in einen Zustand seligster Erfüllung verwandelten. In jenen des „Kampfes zwischen Augenblick und Ewigkeit“, so Pärt, entführte danach dessen Fratres, arrangiert für Violinsolo, Streicher und Perkussion, das Konzertmeisterin Bernardini mit ihren famos arpeggierten Akkordbrüchen oder zerbrechlichen Flageolets, die harmoniesphärischen beziehungsweise bordunteppichlegenden NBV-Streicher und Arjan Jongsmas Schlagwerk-Zeiterinnerungen tatsächlich zu einem ergreifenden, im Innersten widerstreitenden Momentum formten.
Und dessen kühle Stimmung sich auch auf andere Art mit Michaelis koppelte, läutete der Tag im barocken Leipzig das Winterhalbjahr ein. Aus dem Januar 1726 als letzte Kantate vor J. S. Bachs eigener monatelanger künstlerischer Vokalauszeit brachte Soller damit die Kantate Alles nur nach Gottes Willen, BWV72, mit seiner tröstlichen Verheißungsbotschaft unter, die instrumental furios in resoluten, temporeichen Streicher-Concertosätzen mit hervorstechenden Oboenobligati Alfredo Bernardinis, gesanglich organisch wie genüsslich durch Tinney und Potter in engelsgleichen, ariosen und beschwingten, durch Winkchler in überzeugend klaren und durch den NBV-Chor in theatralisch flexiblen Ausgestaltungen unter die Haut ging.
Nach Bachs Orchestersuite Nr. 4, die Soller in wirbelwindigen Freudensprüngen mezza voce überraschend von pathetischem Pomp befreite und auf tänzerischen Meister Leichtfuß mit sehr amüsantem Fagott Benny Aghassis zuschneiderte, tat das auch die Michaeliskantate Man singet mit Freuden vom Sieg, BWV149. Rhythmische Verve, leuchtende Bläser und ein in der Sopranarie hervorragend phrasierendes Orchester besorgten darin Grundlagen, die Winckhlers kernig-wendige, Tinneys faszinierend von süßlicher Unwirklichkeit beseelte, Potters elegante und wohltuend glaubensgefestigte, Guttings flockige, registergeschmeidige, im Alt-Tenor-Duett mit verzierungsaufdrehendem Fagott von Wunderbarkeit bannende Ansprache zu Exzellenz ausbauten. Die, die diesen Auftakt außerordentlich machte.


















