Neben dem barocken Zuhause um Bach und dessen Vorgänger darf auch ein weiterer zentraler Baustein in der musikalischen Welt Raphaël Pichons und seinem Pygmalion-Jubiläumsjahr nicht fehlen: Wolfgang Amadeus Mozart. Mit dem Requiem quasi als Dauerbrenner über die letzten Jahre unterwegs, führte Pichon 2021 dann die Große Messe in c-moll mit seinen Ensembles bei den Salzburger Festspielen auf, bei denen er mittlerweile auch nicht mehr wegzudenken ist. Jenes ebenfalls unvollständig gebliebene Werk stand nun – in Pichons Markenzeichen-Dramaturgie unbekannteren und größtenteils nochmals speziell arrangierten Vokalstücken Schuberts, Mendelssohns und Bruckners nachfolgend – für eine Tournee um Allerheiligen an, die im Konzerthaus Dortmund begann; just wo sich die sagenhafte Interpretation des auf Tonträger gepressten Requiems 2023 damals finalisierte – sowie gedanklich noch immer durch die Lüfte weht und es noch lange wird.

Und die Große c-moll-Messe mit Pichons Konzeption? Sie setzte – nach Brahms vergangenes Jahr – dort quasi nahtlos an, als sich mit dem allerersten k-Laut Bruckners Christus factus est ein eindringliches, erschütterndes, inbrünstiges Personaldrama existentiell-brachialer Wucht entfaltete, das Pichon im Wissen um die Sonderklasse seiner Ensembles agil zelebrierte. Eingezogene schwebende Ebenen überführte der Pygmalion-Chor dabei in gewaltig-ehrfüchtige, ekstatische Fortissimi, um in Mendelssohns Kyrie d-moll auf den Miserere-Text einerseits in lichte und dichte, aufgewühlte Wellen emotional-glaubwürdigsten Erlösungsflehens, andererseits in das schicksalhafte Klopfen von Herz und Erfahrungspforte zu fließen, über das der Chor und das elegante wie vollmundige Solistenquartett aus Sabine Devieilhe, Lea Desandre, Kieran Carrel und Daniel Ochoa das ansprachliche Gerüst von Unerbitterlichkeit legten. Klang diese mit den fantastisch sonoren Pygmalion-Bässen aus, liefen die Tränen der räumlich und solistisch-chorisch aufgeteilten reinen Soprane in Schuberts kühnem Lacrimosa son io herunter, ehe Pygmalion versuchte, sie in emotional packender Anrufung der Mutter Gottes mit dynamischen, stimmprächtig tröstenden Extremen in Bruckners Ave Maria irdisch-beiständig zu trösten.

In himmlische Gefilde versetzte Pichon kontrastreich mit Mendelssohns Motette Verleih uns Frieden gnädiglich auf den lateinischen Text Dona nobis pacem, als Chor und – trotz nach wie vor ahistorischer Aufstellung – hervorragend disponiertes Orchester sanfte Flügel sonniger Versöhnung ausbreiteten. In sie brach vom oberen rechten Seitenbalkon Ochoa mit der gesteigerten, kraftstrotzenden, gleißenden Mahnung Hora est Mendelssohns in Orchesterfassung Robert Percivals hinein, der Männerchor und dann das Tutti in getümmeliger Gefolgsamkeit quirlig-triumphaler Überwältigung mit unverkennbaren Bach-Reminiszenzen folgten.
Danach setzte Mozarts „Kyrie“ der Messe an, das in genüsslich-bedachtem Tempo Raum gab für die einmaßierende Wirkmacht Pygmalions, welches fortan mit ungewöhnlich abgedämpfter Pauke zu Werke ging, und den umwerfend phrasierten Aufgängen Devieilhes Soprans. Es war zugleich das Startkommando für ein fortan rigoroses, zackiges, festivitätsflirrendes Auf-die-Tube-drücken mit Pygmalions Wahrung absolut famoser, menschlich unmenschlich erscheinender Mühelosigkeit und artikulatorischer Binnenkontraste.

Sprudelte Desandres „Laudamus te“ in – ebenfalls unerwartet – ganz überwiegend legato-geschliffenen Koloraturen erwartbar vibratozierenderer Grundanlage, verband sich ihre Stimme mit Devieilhes im strengen, pathosgetriebenen, noch Stil behaltenen „Domine Deus“, im „Quoniam tu solus“ unter erlesenen Spitzentönen besonders des Soprans I dazu mit Carrels Tenor, der seinen Einsatz allerdings bedauerlicherweise rhythmisch verpatzte. Mit beinahe verheißender, jedenfalls technischer Lässigkeit, Deutlichkeit und betörend-kultivierter Sinnlichkeit gestaltete Devieilhe nach dem leidenschaftlichen Bekenntnis des „Credo“ das „Et incarnatus est“ samt jeweils brillanten ersten Stimmen der Flöte, Oboe und des Fagotts, dem Pichon in kurzfristiger Programmänderung einen würdigen Ave verum corpus-Einschub von andächtiger Empathie des sitzenden Chores anhängte. Mit wolkentippelndem, megarasantem „Osanna“ um das quartettpassende „Benedictus“ endete Mozarts Große c-moll-Messe, deren Unvollständigkeit Pichon und Pygmalion mit der vollständigen Exzellenz füllten, nach denen sich das Dortmunder Publikum bereits jetzt mit nächstem Programm einer ihrer Lieblingskünstler sehnt.





















