Das neugeschaffene Barockfestival am Opernhaus Zürich macht es möglich: Kurz vor Ostern erlebte hier die Tragédie en musique Scylla et Glaucus des französischen Barockkomponisten Jean-Marie Leclair ihre Premiere. Die 1746 in Paris uraufgeführte Oper lag während Jahrhunderten im Dornröschenschlaf und wurde erst durch John Eliot Gardiner wiederentdeckt und 1979 in London erneut auf die Bühne gebracht. Zu einer Renaissance des Werks ist es seither aber nicht gekommen. Nun könnte dies möglich werden durch die Zürcher Neuproduktion, für die musikalisch die Dirigentin Emmanuelle Haïm mit ihrem Barockensemble Le Concert d’Astrée und szenisch der Regisseur Claus Guth verantwortlich zeichnen.

Damit eine heutige Aufführung erfolgreich sein kann, gilt es etliche Schwierigkeiten zu überwinden: Das an Ovids Metamorphosen anknüpfende Stück spielt in einer Welt der griechisch-römischen Mythologie, die kaum mehr bekannt ist. Der Meergott Glaucus liebt die Nymphe Scylla. Weil sie seine Gefühle aber nur versteckt erwidert, wendet sich Glaucus an die Zauberin Circé. Diese verliebt sich sofort in ihn und setzt ihre Zaubermittel ein, um Glaucus an sich zu binden und Zwietracht zwischen dem Meergott und Scylla zu sähen. Und mit Hilfe der Göttin Hécate setzt sie die Nebenbuhlerin außer Gefecht. Eine simple Dreiecksgeschichte also, dazu eine ohne politischen Überbau.
Musikalisch besteht die Schwierigkeit darin, dass die Oper fast drei Stunden dauert und vorwiegend aus Rezitativen und kleinen Airs besteht. Die prächtigen Instrumental- und Chornummern dagegen gehören der Ebene der Divertissements an, welche die Handlung immer wieder unterbrechen. Keine leichte Aufgabe also für den Regisseur und die Dirigentin.
Claus Guth, der Psychologe unter den Regisseuren, versetzt die mythologische Geschichte in ein Internat, das „Lycée Jean-Marie Leclair“. Scylla und Glaucus gehören zu den Zöglingen, Circé ist eine Lehrerin. Die vom Bühnenbildner Etienne Pluss entworfenen Innenräume in dieser geschlossenen Anstalt sind die Bibliothek, das Klassenzimmer, die Turnhalle und der Umkleideraum. Die Requisiten wie Wandtelefon, Schulbänke oder Garderobekästen verweisen auf die 60er Jahre. Die Schüler und Schülerinnen steckt die Kostümbildnerin Ursula Kudrna in Uniformen mit Bluse, Krawatte, Jacke, kurzer Hose und Kniesocken. Circé erscheint mit langer schwarzer Jupe, hochgeschlossener Bluse, aufgestecktem Haar und schwarzer Brille geradezu als das Klischee der gestrengen Erzieherin. In diesem scheinbar so geordneten und kontrollierten Rahmen legt der Regisseur die verborgenen psychischen Schichten des erotischen Verlangens, der pubertären Verwirrungen, der Übergriffigkeit und der Rachegelüste frei.
Ausgezeichnet besetzt sind die drei Hauptrollen. Die französische Sopranistin Elsa Benoit als Scylla gefällt mit einer hellen und variantenreichen Stimme, die ihr eine treffende Charakterisierung dieser heranwachsenden Frau im Spannungsfeld zwischen erotischer Neugier und Angst ermöglicht. Geradezu prädestiniert für die Rolle des Glaucus ist der Brite Anthony Gregory. Sein lyrischer und geschmeidiger Tenor kommt dem von der Partitur geforderten Stimmlage des Haute-Contre sehr nahe. Überzeugend gelingt ihm die Darstellung seiner seelischen Gespaltenheit: Obwohl er in den junge Kommilitonin Scylla verliebt ist, zeigt er sich auch für die Annäherungsversuche der Lehrerin nicht unempfänglich.
Den stärksten Eindruck hinterlässt die schweizerisch-belgische Sängerin Chiara Skerath. Mit ihrem etwas dunkleren Sopran und ihrer großen Suggestionskraft zeichnet sie den Charakter der unglücklichen Single-Frau, die sexuellen Appetit auf den jungen Zögling verspürt, sehr lebensnah. Undankbare kleinere Rollen versehen Gwendoline Blondeel als Scyllas Freundin Témire, Jehanne Amzal als Circés Kollegin Dorine, Ekkehard Abele als Hécate und Piroska Nyffenegger als Amor. Einen wichtigen Bestandteil der Deutung bilden hingegen die vier Tänzer Pietro Cono Genova, Emma Bas González, Sara Peña und Maren Kathrin Sauer. Als Doubles der Protagonisten bringen sie die verborgenen Leidenschaften auf den Punkt und ins Bild.
Mit Emmanuelle Haïm und ihrem Concert d’Astrée wirkt bei der Zürcher Produktion das für diese Oper wohl weltweit bestgeeignete musikalische Gespann mit. Die Dirigentin und Cembalistin, die sich schon seit Jahrzehnten mit französischer Barockoper beschäftigt, paart bei der Interpretation fundamentale Sachkenntnis mit großer Leidenschaft. Dass sie den Prolog der Oper gestrichen hat, ist schade, dass sie aber auch in den fünf Akten der Handlung einige Straffungen vorgenommen hat, ist richtig.
Prominent lässt Haïm die Streicher aufspielen, was bei einem Komponisten, der eine Geigenschule verfasst hat, durchaus passt. Die Holzbläser werden als Farbwerte hinzugefügt. Beeindruckend ist die lebendige Begleitung der vielen Rezitative durch die Continuo-Gruppe. Langeweile kann da nie aufkommen. Zur Bestform läuft das Ensemble im vierten Akt auf, wo Circé für die Vorbereitung ihres Racheakts die Mächte der Unterwelt heraufbeschwört., was vom Schlagzeuger mit Windmaschine und Donnergeräuschen wirkungsvoll unterstützt wird.
Die eingangs erwähnte Schwierigkeit der Einbindung der Divertissements in den Handlungszusammenhang lösen Dirigentin und Regisseur hervorragend. Den fünften Akt, wo nicht weniger als vier Airs de ballet und mehrere Chöre die Handlung zum Erliegen zu bringen drohen, realisieren sie als farbenfrohes Schulabschlussfest. Die Statisten, Tanzpaare und die Mitglieder der Zürcher Sing-Akademie erscheinen als Kommilitonen von Scylla und Glaucus und proben mit ihnen zusammen den Ausbruch aus dem Internats-Gefängnis. Leider haben sie die Rechnung ohne Circé gemacht...


