Marin Marais, ein Schüler Jean-Baptiste Lullys, legte mit Alcide 1693 die erste seiner insgesamt vier Opern vor, für die er die reinen Instrumentalparts der Zwischenspiele und Divertissements sowie die Chornummern schrieb, Louis Lully, Jean-Baptistes Sohn, die – zugegeben im Sprachrhythmus manchmal etwas ungelenk wirkenden – Rezitative und einige Arien beisteuerte. Reinoud Van Mechelen widmete sich nun der Oper in einer neuen Partitur, gemeinsam mit seinem Ensemble a nocte temporis und dem in dieser Saison 40 Jahre feiernden Chœur de Chambre de Namur.

Das Libretto zu Alcide verfasste Jean Galbert de Campistron, für das er den heroischen Halbgott Herkules, auch bekannt als Alcide, in vermeintlich die Unterdrückung Oichalias wiedergutmachende Liebe zu dessen Königstochter Iole verfallen lässt. Jene liebt allerdings Alcides Buddy Philoctète, wartet auf Alcide ja auch im Palast gebundene Gattin Déjanire, Königin Kalydons, die von den untreuen Gefühlen erfährt und sich in die Hände der Zauberin Thestylis begibt. Sie wünscht sich von ihr das Zunichtemachen der Hochzeit Alcides mit Iole durch deren Tod oder Entstellung beziehungsweise Alcides Einsicht durch das Überstreifen des angeblich Treue verursachenden Hemdes von Nassos. Da das Kleidungsstück vom Zentauren Nassos aus Rache für seinen Tod durch Alcide jedoch mit vergiftetem Blut getüncht war, sterben der Halbgott, den Papa Zeus in den Olymp holt, und Déjanire vor körperlicher und seelischer Schuld.
Van Mechelen sang mit dem gewohnten, doch stets erstaunlich selbstverständlichen und direkt berührenden Ausdruck und schäumenden Temperament seines theatralischen Haute-Contres, der sich mit blitzschnell von menschlichem Charme zu kernig-leidenschaftlichem Gottesfuror abermals zurecht als das vokale Non-plus-ultra des Genres gerierte. Jenes Qualitätssiegel verdient auch sein Ensemble, das die Musik mit genüsslicher, stilistischer, feinfühliger wie körperreicher Eleganz, raumgreifender, hellwacher Elastizität, intonationssicherer Verlässlichkeit und dynamisch nuancierter Detailbesessenheit zelebrierte. Ganz so, wie Van Mechelen den klanglichen Charakter und Affekt in seinen nahezu tänzerischen, jedenfalls inspirierenden, hingebungsvollen, klaren und effektiven Gesten vorgab. Und in denen ihm zudem der als Stimmen der jeweiligen Gefolge und Völker agierende CCN, der für das Repertoire durch Fähigkeiten und Verdienste als Institution freilich schon längst nicht mehr wegzudenken ist, mit ansprechender Präsenz, Flexibilität sowie in homogener Kraft und dramawallender Einnahme folgte.

Wie üblich, stammten die Nebenrollen aus dem Chor, in denen vor allem Aurélie Moreels als Schäferin und Cupido zärtlich, rein und fein leuchtend sowie Chordirektor Thibaut Lenaerts mit nobel-nasalkoloriertem Tenor als Priester und Ochalienbewohner gefielen, Sean Claytons alleiniger Haute-Contre-Einsatz als Zéphir allerdings unglücklich misslang. Mit maßgeschneiderter Phrasierung, Verständlichkeit und rollenbewusster Ausstrahlung präsentierte sich Gwendoline Blondeels Sopran als geschickte Iole, die in Philippe Estèphe einen kontrolliert-gefälligen, ausgeglichenen Philoctète-Bariton als Alcide-Gegenpart an ihrer Seite hatte. Aus Alcide ebenbürtigem, expressiv-, rhetorisch-, phrasierungs- und vokalmäßig banngleichem Holz geschnitzt war Isabelle Druets Déjanire-Mezzo, während Sterre Decrus Thestylis-Mezzo innig-runden wie gestischen Raum in der registergekonnten Zurschaustellung der mystischen Macht der Magie entfaltete. Wie Van Mechelen erwiesen sie sich als hochkarätige Stützen, die eine weitere Wiederentdeckung französischer Barockoper stemmten.


















