Der Premierenabend an der Bayerischen Staatsoper begann denkbar spektakulär: Dem Zuschauerraum präsentierte sich eine gigantische Stahlkonstruktion. Der skelettartige Tunnel in den Abgrund bildete den imposanten Rahmen für eine überbordende Inszenierung. Roland Schwab gab mit dem des Mefistofele sein Debüt am Münchner Opernhaus und nutzte Deutschlands größte Bühne mit infernalischen Spezialeffekten voll aus. Leider trat dabei Arrigo Boitos eigentliche Oper zu sehr in den Hintergrund.

Keine Frage: Selten habe ich in München ein so überwältigendes Bühnenbild gesehen wie in diesem Mefistofele. Als zur Walpurgisnacht im zweiten Akt die gesamte Bühne zum gigantischen Fegefeuer wird, der Chor mit hunderten Fackeln bewaffnet wellenförmig auf und ab geschleudert wird, da kann es einem nur den Atem verschlagen. Solche Bilder kennt man sonst nur von den Stuntshows in Hollywood oder von den Bregenzer Festspielen.

Aber die Fülle der Eindrücke überforderte auch, wirkte teilweise fast zwanghaft. Wieso steht die gesamte Oper ein Grammophon auf der Bühne? Warum liegt Arkadien in einer Geriatrie, wo der Chor Greif- und Fangübungen mit den Pflegern veranstaltet? Und warum schmiert ein Helfer des Teufels dem Faust mit Blut die Buchstaben „REUE“ auf das Hemd? Eigentlich profunde Ideen – wie die Projektion von Bildern aus dem Zuschauerraum auf eine zentrale Leinwand – gehen so im allgemeinen Spektakel unter. Da konnte Mefistofele noch so diabolisch „Son lo Spirito che nega sempre“ zum Besten geben.

Doch nicht nur Roland Schwab gab an diesem Abend sein Debüt, auch für Dirigent Omer Meir Wellber war es eine Premiere in München. Entsprechend aufgeregt schien der musikalische Leiter: immer wieder gingen die Blicke hoch zu Intendantenloge. Doch Wellber schaffte es auf wahrlich beeindruckende Weise, die vielen Stimmen der Oper zusammenzuhalten. Wundervoll vielseitig, mit detailliertem Klang, führte er das Orchester zu infernalischer Größe an. Stets wahrte er dabei die Einheit mit dem gigantischen Chor. Selbst für kleine Experimente war Raum: Ein markantes Knacken begleitete die Ouvertüre, die vermeintlich von der Grammophon-Schallplatte erklingt.

Star des Abends war wie erwartet Joseph Calleja in der Rolle des Faust. Leicht, manchmal zerbrechlich, aber stets mit anmutiger Größe lieferte der Tenor alles, was Boitos Oper verlangt. Als der ganze Chor in Dirndl und Lederhosen auf den Tischen tanzte und im Hintergrund die Bühnenmaschinerie ein glitzerndes Kettenkarussell zum Drehen brachte, führte Callejas einfühlsamer Schönklang den Zuhörer mit zauberhaften Bögen durch das Pandämonium. In der Kombination fiel nicht einmal auf, dass der Tenor eigentlich gar unbeteiligt auf der Bühne stand.

Ein Manko, das René Pape in der Hauptrolle sicherlich nicht nachgesagt werden konnte; sichtbar ging er in der Rolle des Mefistofele auf. Papes Stimme strotzte vor durchdringendem Volumen, blieb dabei allerdings nur ein Stück weit zynisch – passend zur Rolle, die ihm auf den Leib geschneidert schien. Er pfiff, er musizierte und gab sich bei allem höllischen Spektakel stimmlich klar und mit angenehm verhaltenem Bass.

Kristine Opolais enttäuschte allerdings in der Rolle der Margherita. Zittrig flackernd und wenig überzeugend sang die Sopranistin ihre einleitenden Töne. Als verzweifelte, nein, manisch kranke Doppelmörderin von Kind und Mutter mochte Opolais zwar schauspielerisch glänzen, aber ihre Arie war eher solides Handwerk als italienische Grandezza. Der große Applaus des Publikums blieb aus. Deutlich mehr Anerkennung für seine Leistung erntete da Sören Eckhoff. Der Chor und Kinderchor der Bayerischen Staatsoper zauberte von Himmel bis zur Hölle das gesamte Spektrum von Boitos Oper auf die Bühne. Der eine oder andere kleineren Wackler darf da, in Anbetracht der vielen Chorpassagen, gerne übersehen werden.

Am Ende steht Mefistofele alleine auf der Bühne und zerbricht die Grammophon-Platte, von der zuvor noch die himmlischen Chöre erklungen waren. Eine von vielen Pointen, die irgendwo im Nirgendwo der restlos ausverkauften Staatsoper mit zaghaftem Echo verhallten. Sadomaso, Pyrotechnik, Oktoberfest, Technoparty und postapokalyptisches Video-Happening – der Mefistofele an der Bayerischen Staatsoper sucht sichtlich verzweifelt nach politisierender Sinngebung.

Aber warum? Bereits Boitos Libretto dekonstruiert Goethes Original auf umfängliche Weise und verlangt für das erhellende Verständnis den Connaisseur. Gott ist längst tot und beim Teufel fehlt auch nicht mehr viel. Es hätte in Anbetracht des Debütspektakels wohl gereicht, das musikalische Feuerwerk des Abends für sich wirken zu lassen, ganz ohne die gesamte Höllenmaschinerie aus der Asservatenkammer zu holen. Beeindruckend war es allemal, auch wenn das Publikum am Ende eher verhalten als überwältigt applaudierte.

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