Da Daniele Gatti sein Dirigat beim Abonnementkonzert der Staatskapelle Berlin kurzfristig absagen musste, sprang Jukka-Pekka Saraste kurzfristig ein und zeigte einmal mehr, auf welch hohem Niveau finnische Dirigenten zurzeit stehen.

Jukka-Pekka Saraste
© Felix Broede

Eine Änderung nahm er vor und ersetzte Liszts selten gespielte symphonische Dichtung Orpheus durch Carl Nielsens hierzulande fast ebenso unbekannte Konzertouvertüre Helios. Kleine Intonationsstörungen bei den großen Intervallsprüngen im Horn störten den Sonnenaufgang zu Beginn nur ein wenig, zumal sich das Orchester schon beim Hauptthema gefangen hatte, das dann als tönendes Naturbild in vielerlei Farben funkelte. Welche Virtuosität im Orchester noch zu erwarten war, wurde im präzise musizierten Fugato hörbar, in dem das Glitzern des Lichts auf dem Meer hörbar wurde.

Der Solist Frank Peter Zimmermann und das Orchester verständigten sich auf eine fast kammermusikalische Aufführung des Schumannschen Violinkonzerts, die diesem verschatteten Werk guttat. Die eröffnenden punktierten Noten und das Tremolo im Orchester wurden nicht zum Anlass genommen, das Ritornell kraftstrotzend oder mit großem Feuer zu musizieren. In diesen barockisierenden Elementen kam dagegen Schumanns Flucht in die Konvention zu Gehör. Zimmermann spielte den Solopart mit all seiner glänzenden Technik, die er sich im Laufe der Jahre erarbeitet hat. Er ließ sich vom Orchester nicht begleiten, sondern suchte den Dialog mit ihm, um z. B. die Rubati sorgsam mit- und gegeneinander abzustimmen. Höhepunkt war die Darbietung des zweiten Satzes, in dem das Orchester Zimmermann zunächst den Teppich auslegte. Dann verzahnten sich Solopart und Orchester in kleinen synkopischen Verschiebungen, bis Zimmermann die schönste Melodie des Konzerts vortrug, in der Schumann auf sein Lied Frühlings Ankunft zurückgegangen war.

Wer die Geschichte um Schumanns Ende seines Lebens nicht kennt, dem mochte die Polonaise im dritten Satz mit allzu stark angezogener Handbremse musiziert worden sein. Schumann wusste, dass er unheilbar krank war, wollte aber noch gesellschaftsfähig sein und zwang sich darum einen heiteren Kehraussatz ab, der wohl nur in einer so gequälten Aufführung recht musiziert ist wie dies an diesem Abend zu Gehör kam.

Mehr als eine Zugabe war dann Zimmermanns Darbietung des Eröffnungssatzes der C-Dur-Solosonate (BWV 1005) des „großen Meisters“ Bach.

Jukka-Pekka Saraste stellte Bartóks fünfsätzige Konzert für Orchester, trotz aller Virtuosität, die allen Orchestergruppen abverlangt wird, als Symphonie dar, die sich nach alter Tradition zum Licht hin entwickelt. Darum legte der Dirigent wohl das Hauptgewicht des ersten Satzes auf die Durchführung, in der das erste Thema zu einem Fugato verdichtet wurde. Der zweite Satz wurde als Intermezzo, als ein unbeschwertes Spiel der Instrumentenpaare gespielt, in dessen Zentrum ein Choral von der kleinen Trommel begleitet wird. Diese Verbindung wurde mit einer Selbstverständlichkeit vorgetragen, als gäbe es keine Stilgrenzen oder gar Tabus mehr in der Musik. Allein so gelang es, jene Verbrüderung der Völker trotz allem Krieg und Hader zum Klingen zu bringen, von der Bartók stets geträumt hat und die er in seinem letzten vollendeten Werk noch einmal gestaltet hat. Die Aufführenden versuchten nicht, etwa zu Beginn der Durchführung des Finalsatzes die Anklänge an balinesische und javanische Gamelanmusik im Zuge einer informierten Aufführungspraxis authentisch zu spielen, sondern verleibten diese Elemente dem Orchesterklang ein. So blieb nichts Fremdes oder Exotisches stehen, das vom Rest des Werkes abgegrenzt worden wäre, sondern es wurde eine echte Synthese aus Elementen der Alten und Neuen Welt hörbar, die zu Recht als „Weltmusik“ bezeichnet werden dürfte und die in einer Coda gipfelte, in der die Bläser wie eine Big Band musizieren.

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