Weißt du, wie das wird? Die Frage der Nornen aus der Götterdämmerung stellen sich heute viele Menschen angesichts der Herausforderungen unserer Zeit. Der Wunsch nach Sicherheit, Vorhersehbarkeit, wird durch Kriege, Unruhen und die scheinbar immer schneller voranschreitende Technologisierung immer größer. Dass KI nicht nur den Arbeitsmarkt verändert, sondern unser gesamtes Denken und Handeln beeinflusst, spüren wir immer mehr. Ein Blick in die Zukunft lässt nichts Gutes schwanen...

<i>Götterdämmerung</i> &copy; Enrico Nawrath | Bayreuther Festspiele
Götterdämmerung
© Enrico Nawrath | Bayreuther Festspiele

Dieser Ring zum 150. Bayreuth-Jubiläum sollte einen Rückblick auf die gesamte Ring-Rezeptionsgeschichte geben, eine Selbstreflexion Bayreuths werden. Der Anspruch, digitale Medienkunst oder ein Experiment statt einer klassischen Regie zu offerieren, wich schnell dem Wunsch nach Authentizität und sorgte für reichlich Diskussionsstoff über das Verhältnis von Kunst und KI.

Das Regieteam um Marcus Lobbe jedenfalls wählt den Weg des geringsten Widerstands. Statt echter künstlerischer Ideen, die nicht vom Himmel fallen, sondern Ergebnis harter Arbeit sind, ist diese Nicht-Regie vor allem eins: uncouragiert! Statt des Anspruchs, den Zeitgeist einzufangen und aktuelle gesellschaftliche Probleme und Herausforderungen in eine Regiesprache umzuwandeln – ganz wie es Chéreau oder Kupfer getan haben, liegt hier eine der größten verpassten Chancen dieses Ringzyklus'. In Bayreuth ecken viele Regisseur*innen mit ihren Arbeiten an. Nicht alles findet Anklang, aber immerhin sind diese Produktionen echte künstlerische Arbeiten und keine Fertigprodukte, bestehend aus Einsen und Nullen.

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<i>Götterdämmerung</i> &copy; Enrico Nawrath | Bayreuther Festspiele
Götterdämmerung
© Enrico Nawrath | Bayreuther Festspiele

Vielleicht ist das aber genau das, was das Regieteam aufzeigt – wenn auch unfreiwillig. Die im Ring des Nibelungen zu beobachtende Korruption der Figuren und ihr damit verbundener Niedergang könnten exemplarisch für den Umgang mit KI sein. Die Verbreitung von Desinformation, die Voreingenommenheit der Modelle (die ebenso rassistisch und sexistisch wie ihre Programmierer sind) und die fatalen Konsequenzen, nicht nur für Umwelt und Miteinander, zeigen: Was die Modelle im Digitalen hervorbringen, ist längst in der Realität angekommen.

Musikalisch dagegen hören wir vom Bayreuther Festspielorchester unter der Leitung von Christian Thielemann wieder eine gewohnt menschliche, authentische und virtuose Interpretation. Thielemann lässt die Vorhänge zu den Zwischenspielen schließen, sodass man sich ganz der Musik hingeben kann. Kaum ein Zweiter scheint mit der einzigartigen Akustik des Festspielhauses so vertraut zu sein wie er. Mit seinem Dirigat dringt Wagners Musik in jede Ecke des Auditoriums – ein Klang, dem etwas ganz Besonderes innewohnt.

<i>Götterdämmerung</i> &copy; Enrico Nawrath | Bayreuther Festspiele
Götterdämmerung
© Enrico Nawrath | Bayreuther Festspiele

Klaus Florian Vogt beweist als Siegfried weiterhin enorme Ausdauer. Alle großen Tenorrollen der Tetralogie zu singen, ist eine Seltenheit und verlangt selbst von den erfahrensten Sängern alles ab. Und Vogt gibt auch alles. Sein Siegfried zeichnet sich weniger durch brachiale Grobheit als vielmehr durch eine bemerkenswerte tenorale Eleganz aus. Vogt gestaltet den Helden dabei mit einer kontrollierten, beinahe mühelosen Klarheit, die der Figur eine eigene Noblesse verleiht. Gerade angesichts der enormen vokalen Belastung dieser Partie ist seine Ausdauer beeindruckend.

Camilla Nylund stößt mit Brünnhilde in der Götterdämmerung an ihre Grenzen. Ihre zwar schöne, lyrisch geführte Stimme lässt es bisweilen an der für diese Partie erforderlichen dramatischen Durchschlagskraft fehlen, sodass sie mitunter sparsam mit ihren stimmlichen Reserven umgehen muss, insgesamt dennoch ein sehr gerundetes, stets wohlklingendes Rollenporträt abliefert.

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<i>Götterdämmerung</i> &copy; Enrico Nawrath | Bayreuther Festspiele
Götterdämmerung
© Enrico Nawrath | Bayreuther Festspiele

Hagen, gesungen vom finnischen Bass Mika Kares, ist eine ideale Besetzung für diese Rolle. Sein dunkler, geradezu verrohter Bass reicht souverän in die tiefsten Regionen und verleiht Hagen eine bedrohliche Präsenz und die nötige Boshaftigkeit.

Magdalena Hinterdobler gibt eine Gutrune mit frischem, klarem Sopran, der der Figur eine jugendliche Unmittelbarkeit verleiht, und Michael Kupfer-Radecky zeichnet als Gunther einen virilen, kraftvollen Herrscher, der der Figur (trotz minimalistischer Personenregie) zugleich eine bemerkenswerte Verletzlichkeit abgewinnt.

<i>Götterdämmerung</i> &copy; Enrico Nawrath | Bayreuther Festspiele
Götterdämmerung
© Enrico Nawrath | Bayreuther Festspiele

Dieser Ring hat durchaus zum Nachdenken angeregt, wenn auch möglicherweise nicht in der Richtung, in der es sich das Produktionsteam gewünscht hat. Er wirft viele Fragen auf – Fragen zur Authentizität des Theaters, zur Frage, was Kunst ist und was das Publikum von einem Opernbesuch erwartet. Dieser Ring, ein Potpourri aus AI-Slop, mag in seiner Intention zwar den Wohlwollen des Publikums und der Kritiken verfehlt haben, wird aber unfreiwillig zum Symbol unserer Zeit und trifft so einen Nerv: Die KI wächst unaufhaltsam, sie stiftet an, sie testet die Grenzen des Gesetzes und keiner kann sagen, wohin all dies führt. Dahingehend ist unser Ausblick auf die Zukunft nur unwesentlich besser als zum Ende des Rings. Es bleibt die Frage, die wir uns stellen müssen: Wohin soll es als Gesellschaft gehen? Weißt du, wie das wird?

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