Während mancherorts darüber gemunkelt wird, dass Oper eine aussterbende Gattung sei, kann man sich an der Oper Graz vom Gegenteil überzeugen: Denn die Vorstellung von Alban Bergs Wozzecks ist an diesem Abend beinahe ausverkauft – und das, obwohl das Werk nun nicht unbedingt als Selbstläufer an der Verkaufsfront bekannt ist.

Daniel Schmutzhard (Wozzeck) © Herwig Prammer
Daniel Schmutzhard (Wozzeck)
© Herwig Prammer

Optisch wirkt die Inszenierung von Evgeny Titov wie ein Albtraum oder eine Wahnvorstellung der Titelfigur. In einer kargen Landschaft mit verdorrtem Gebüsch siedelt der Regisseur die Handlung an; die Figuren sind – mit Ausnahme von Wozzeck und seinem Sohn – allesamt stark überzeichnete Karikaturen. Warum Wozzeck die gesamte erste Szene über nackt auftreten muss, bleibt ebenso unklar wie die Antwort auf die Frage, ob es den ein oder anderen Fäkal-Ekelmoment wirklich gebraucht hätte. Denn auch ohne sie hätte man die Aussage des Regisseurs, dass sich die gesamte Gesellschaft von Menschlichkeit und Moral längst verabschiedet hat, verstanden.

Daniel Schmutzhard (Wozzeck) © Herwig Prammer
Daniel Schmutzhard (Wozzeck)
© Herwig Prammer

Die wirklich spektakulären Elemente der Inszenierung sind aber ohnehin die Projektionen, die im Hintergrund ablaufen und für beklemmende Optik sorgen. So findet man sich mal in einer mondbeschienenen Nacht wieder, dann in einem düsteren Wald, im Auge eines aufziehenden Sturms oder gar direkt in der Hölle. Leider aber bleibt letztlich die Tragödie durch die albtraumhafte Verzerrung und die Überzeichnung der Charaktere stark gemildert, man schaut dem absurden Treiben auf der Bühne zu, als besuche man ein Kuriositätenkabinett, aber man erlebt kein greifbares menschliches Schicksal.

Dafür zeichneten die Grazer Philharmoniker unter Chefdirigent Vassilis Christopoulos die Ausweglosigkeit, mit der Wozzeck sich konfrontiert sieht, außergewöhnlich packend nach. Denn gleichermaßen düster brodelnd und roh, aber immer wieder auch von sanfter Schönheit war das, was man aus dem Graben hörte, wobei nicht nur die emotionale Komponente und die klangliche Wucht, sondern auch die Präzision beeindruckten. Mit jedem Takt arbeiteten Orchester und Dirigent die Steigerung hin zum unausweichlichen Ende heraus, als steuerten sie gemeinschaftlich auf eine Klippe zu.

Annette Dasch (Marie) © Herwig Prammer
Annette Dasch (Marie)
© Herwig Prammer

Eine der Papierform nach ungewöhnliche Besetzung wurde in den Hauptrollen aufgeboten, denn mit zwei ansonsten hauptsächlich an der Wiener Volksoper im Operettenfach anzutreffenden Sängern rechnet man bei Alban Berg nicht unbedingt. Allerdings stellte insbesondere Daniel Schmutzhard unter Beweis, dass er dieser Aufgabe mehr als nur gewachsen ist. Er legte den Wozzeck darstellerisch packend an, warf sich mit vollem Einsatz in die Rolle und lieferte auch vokal viele Glanzpunkte, da er den Charakter mit einer breiten Palette an emotionalen Farben in seinem kraftvollen Bariton intensiv und berührend zu gestalten wusste. Dabei schaffte er es wunderbar, die psychischen Zustände des Wozzeck fein differenziert herauszuarbeiten und bis zum finalen Suizid die Unvermeidbarkeit dieses Schicksals klanglich zu verdeutlichen.

Daniel Schmutzhard (Wozzeck) und Ted Black (Andres) © Herwig Prammer
Daniel Schmutzhard (Wozzeck) und Ted Black (Andres)
© Herwig Prammer

Annette Dasch überzeugte schauspielerisch beinahe ebenso uneingeschränkt, sie verkörperte eine trotzige, unsympathische Marie – die aber auch Momente echten Bereuens erlebt; stimmlich brachte sie die Partie allerdings hörbar an ihre Grenzen, denn den Tiefen Lagen fehlte es an Substanz und die Höhen gerieten mehr als nur einmal scharf. Vor allem die Szenen des Gebets und des Schlafliedes büßten dadurch an Wirkung ein.

Daniel Schmutzhard (Wozzeck) und Annette Dasch (Marie) © Herwig Prammer
Daniel Schmutzhard (Wozzeck) und Annette Dasch (Marie)
© Herwig Prammer

Thomas Ebenstein gab mit höhensicherem Tenor den Hauptmann, wobei sich stimmliche und darstellerische Gestaltung ideal ergänzten – denn in beiden Belangen legte er die Rolle nonchalant und subtil sadistisch an. Dem Tambourmajor verlieh Matthias Koziorowski nicht nur seine elegante timbrierte Stimme, sondern auch eine ordentliche Portion Großkotzigkeit, da hätte es das Glitzermuskel-Kostüm gar nicht gebraucht, um zu verdeutlichen, wie überheblich diese Figur ist. Als Doktor hatte Daeho Kim sichtlich Vergnügen an der Darstellung, mit der Textdeutlichkeit und der Tiefe der Partie hatte er aber dann und wann doch merkbar zu kämpfen. Makellos hingegen die kurzen Auftritte von Chor und Singschul; bis in die kleinste Rolle solide besetzt bot auch das restliche Ensemble eine starke Leistung. Besonders positiv stach dabei Neira Muhić mit samtig grundiertem Mezzo als Margret heraus.

Daniel Schmutzhard (Wozzeck) und Ted Black (Andres) © Herwig Prammer
Daniel Schmutzhard (Wozzeck) und Ted Black (Andres)
© Herwig Prammer
Daniel Schmutzhard (Wozzeck) © Herwig Prammer
Daniel Schmutzhard (Wozzeck)
© Herwig Prammer
Daniel Schmutzhard (Wozzeck) © Herwig Prammer
Daniel Schmutzhard (Wozzeck)
© Herwig Prammer
Annette Dasch (Marie) © Herwig Prammer
Annette Dasch (Marie)
© Herwig Prammer
Daniel Schmutzhard (Wozzeck) und Annette Dasch (Marie) © Herwig Prammer
Daniel Schmutzhard (Wozzeck) und Annette Dasch (Marie)
© Herwig Prammer