Das Zürcher Kammerorchester hat bekanntlich keinen Chefdirigenten, sondern einen Music Director. Seit bald zehn Jahren ist es der illustre Geiger Daniel Hope, der diese Funktion innehat und mit seinem Namen das Aushängeschild des Orchesters bildet. Von den vierzehn Zürcher Konzerten in der Saison 2025/26 leitet Hope aber nur gerade deren vier. Sieben Konzerte, also fast doppelt so viele, werden von Konzertmeister Willi Zimmermann vom ersten Pult aus geleitet, bei drei Konzerten stehen weitere Dirigenten im Einsatz. Mit anderen Worten: Hope gibt den Namen, aber die meiste Arbeit auf dem Podium macht Zimmermann.

Nach 18 Jahren gibt Zimmermann nun sein Amt auf Ende der Saison auf. Vor seiner Verabschiedung im Juni fand dieser Tage sein letztes Konzert statt, bei dem er die Funktionen des Leiters und Primgeigers in Personalunion ausgeübt hat. Dabei trat der bescheidene Basler auch selber einmal gebührend ins Rampenlicht. Zur Verabschiedung von Zimmermann hat das ZKO nämlich beim Schweizer Komponisten David Philip Hefti ein neues Werk bestellt. Es heißt Im Streiflicht. Nachklänge für Streichorchester. Hefti, der Zimmermann seit vielen Jahren freundschaftlich verbunden ist, versteht die Komposition sowohl als Würdigung als auch als großes Dankeschön an den Konzertmeister.
Bei der Uraufführung in der Tonhalle Zürich erweist sich Im Streiflicht als moderat-moderne und effektvolle Hochglanzkomposition. Das erste Solo steuert selbstverständlich die erste Violine bei. Soli, teilweise durch ein ganzes Stimmregister ausgeführt, gibt es im Verlauf des Stücks immer wieder. Eine Charakterisierung des Konzertmeisters? Die fünf Teile der etwa 12 Minuten dauernden Komposition sind handwerklich solide gearbeitet und entsprechen traditionellen Satztypen. Dass man gelegentlich an Béla Bartók denkt, ist kein Zufall, denn Hefti hat sein Werk auf das zuvor erklingende Divertimento für Streichorchester des ungarischen Komponisten abgestimmt.
Auch das 1939 komponierte Divertimento hat einen Schweiz-Bezug, entstand es doch im Auftrag Paul Sachers und wurde von diesem in Basel uraufgeführt. Trotz ihres Titels ist die Komposition keine „Zerstreuungsmusik“, sondern ein in seinen ersten zwei Sätzen durchaus ernstes Stück, das die bedrohliche Stimmung am Vorabend des Zweiten Weltkriegs reflektiert. Zimmermann forciert im Allegro non troppo die Schwere und im Molto Adagio die singende Melancholie des Klangs. Umso kontrastreicher in seinem spritzigen und folklorehaften Tonfall bietet sich dann das abschließende Allegro assai an. In allen Sätzen der in Concerto-grosso-Manier gehaltenen Komposition wetteifern die verschiedenen Soli der Stimmführer mit dem Streichertutti. Und einmal mehr kann der runde und klangschöne Streichersound des Orchesters bewundert werden.
Der größte Teil der Zuhörer ist wohl wegen Jan Lisiecki angereist. Im zweiten Teil des Abends interpretiert der Pianist zusammen mit dem ZKO das Klavierkonzert Nr. 3 in c-Moll Ludwig van Beethovens. Der erst 31 Jahre junge Kanadier mit polnischer Abstammung genießt bereits seit einigen Jahren internationale Anerkennung und avanciert auch in Zürich nach wenigen Minuten zum Publikumsliebling. In seiner äußeren Erscheinung ein sensibler und zartbesaiteter Typ, überrascht Lisiecki gleich bei den eröffnenden Unisono-Läufen vor dem Eintritt des Hauptthemas mit einem forschen und rhythmisch straffen Einstieg. Die Polarität zwischen dem Zärtlichen und dem Strengen ist dann in der Folge durchaus charakteristisch für das Spiel des Pianisten. Beeindruckend kommt sie in der Kadenz des ersten Satzes zum Ausdruck.
Wie funktioniert dieses Beethoven-Konzert ohne Dirigenten? Diese Frage beantworten die Ausführenden sehr klar. Konzertmeister Zimmermann zeigt vom Zuhörer her betrachtet wenig an, aber die Basis der Koordination innerhalb des Orchesters ergibt sich durch geschickte Abstimmung unter den Stimmführern. Und Lisiecki zeigt sich, optisch durchaus wahrnehmbar, als gewiefter Mitdirigent. Somit klappt die Koordination zwischen Orchester und Klavier fast immer ausgezeichnet. Was die Balance der einzelnen Gruppen betrifft, sind die Streicher mit ihrer Sechser-Besetzung etwas unterdotiert, was ein heutzutage durchaus trendiges Übergewicht der Bläser erzeugt.

