Zusammen sind sie mal gerade 50 Jahre alt: der Geiger Daniel Lozakovich (bald 25) und der Dirigent Tarmo Peltokoski (noch 25) und trotzdem keine Newcomer mehr. Im Gegenteil – beide können eine für ihr Alter schon beachtliche Karriere vorweisen und haben mit namhaften Orchestern zusammengearbeitet. Peltokoski hat Chefposten in Toulouse, Riga und bald in Hong Kong. Mit der Deutschen Kammerphilharmonie Bremen, dessen Erster Gastdirgent Peltokoski ist, waren sie gemeinsam in Baden-Baden zu Gast.

Auf den ersten Blick verband die Werke dieses Abends nur wenig. Doch waren bei allen dreien biographisch bedeutende Anstöße bestimmend für ihre Entstehung. In seinen Tänzen aus Galánta setzte Zoltán Kodály den Musikgruppen der Roma ein klingendes Denkmal, die er als Kind in seiner südosteuropäischen Heimat oft gehört hatte. Felix Mendelssohn schuf nach unvergesslichen Wanderungen durch Schottland seine Dritte Symphonie, mit der er dem Norden Britanniens ein klingendes Landschaftsgemälde widmete. Und Robert Schumanns Violinkonzert darf als sein Schwanengesang bezeichnet werden, seine letzte Orchesterkomposition, deren Aufführung erst 81 Jahre nach seinem tragischen Tod stattfand.
Kodálys Tänze aus Galánta also zu Beginn: ein Paradestück für ein Orchester, mit dem es instrumentale Pracht, Temperament und virtuoses Zusammenspiel zeigen kann. Die Bremer ließen diesbezüglich keine Wünsche offen. Peltokoski dirigierte das rhythmisch heikle Stück auswendig, so gelang eine optimale Kommunikation zwischen Dirigent und Orchester. Es federte und groovte – graziös bis wuchtig. Eine wahre Entdeckung, denn nur selten ist Kodálys Komposition im Konzertsaal zu hören.

Eine Entdeckung anderer Art war Robert Schumanns Violinkonzert, das lange als minderwertig galt und nur zögernd den Weg in die Konzertsäle fand. Hier gab es etwas gutzumachen. Eigentlich hatte es der berühmte Joseph Joachim, Freund der Schumanns und von Johannes Brahms, zur Uraufführung bringen sollen, doch mit Zustimmung Claras ließ er es aus unbekannten Gründen liegen. Gemunkelt wurde lediglich etwas von der psychischen Krankheit des Komponisten, die das Werk beeinträchtigt habe. Ausgerechnet die Nazis sorgten dann für die Uraufführung und dachten sich Schumanns Konzert als Platzhalter für das Konzert des verfemten Mendelssohn. So wurde es, zudem noch in einer verschlimmbesserten Bearbeitung, 1937 in Berlin uraufgeführt, konnte sich aber aufgrund all der widrigen Umstände nicht so recht auf den Konzertprogrammen durchsetzen.
Lozakovich ließ sich von derartigem Ballast der Rezeption nicht einschüchtern und bewies nachdrücklich die Qualitäten des Konzerts. Mit energischem Strich und starkem Ausdruckswillen stieg er nach der vom Orchester kraftvoll vorgelegten Exposition in seinen Part ein und meisterte das schwierige Figurativgeflecht bravourös. Schumann verlangt hier dem Geiger ungemeine Fingerfertigkeit ab. Ebenso souverän gelang es Lozakovich, auf das lyrische Seitenthema umzusteigen. Das Orchester ließ dem Solisten den gebührenden Raum, ohne unauffällig zu werden; im Gegenteil, besonders die klangschön spielenden Bläser hob Peltokoski immer wieder markant hervor.

In volltönendem Schönklang und ausdifferenzierter Rhetorik gestaltete der junge Geiger dann besonders den zweiten Satz, ein melancholisch empfindsames Adagio, in dem Schumanns liedhafte Kompositionsweise noch einmal berührend anklang. Die abschließende Polonaise erfreute durch wiegenden Rhythmus und kraftvolle Motorik. In seinen Zugaben bewies Daniel Lozakovich nochmals seine geigerische Klasse: im Adagio aus Bachs Erster Violinsonate wunderbare klangliche Feinzeichnung und im Ausschnitt aus der Zweiten Sonate von Eugène Ysaÿe ließ er virtuos die Furien tanzen.
Mendelssohns Schottische schließlich glänzte in all den Stimmungen, die der Komponist nach seinem Aufenthalt dort in diese Symphonie hineingelegt hatte. Seien es die Reminiszenzen an die morbiden Ruinen Maria Stuarts, die den Komponisten zu dieser Symphonie anregten, die Anklänge an schottische Dudelsäcke oder Sturm und Nebel, mit denen Mendelssohn im Norden konfrontiert war. Plastisch und kraftvoll gestaltete Peltokoski diese musikalischen Bilder, ließ die melodischen Erfindungen des Komponisten in aller Eleganz erstrahlen und entwickelte spannungsvolle Bögen. Im rasanten Finalsatz stach noch einmal die Klarinette hervor, das Instrument, welches an diesem Abend in allen drei Werken immer wieder besonders prominent zu bewundern war.




